Vatikanstadt

Leitartikel: Konstruktionen, die nur schaden wollen

Die "Bild"-Geschichte über den emeritierten Papst wie der Röhl- Film zu Benedikt XVI. setzen auf Zerrbilder, nicht auf Fakten.
Warum die Bild-Kritik an Papst Benedikt XVI. fehlgeleitet ist
Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild) | Gerade Dokumentarfilme und Enthüllungsstorys sprechen ihrer Bezeichnung Hohn, wenn sie vorgeben, Fakten aufzuzeigen, aber in Wirklichkeit nur Stimmungen erzeugen wollen.

In den Tagen und Wochen, in denen der Röhl-Film über Benedikt XVI. in einigen deutschsprachigen Kinos läuft, steuerte dazu jetzt die „Bild“-Zeitung noch einen ebenso geschmacklosen wie argumentenschwachen Aufreger bei: Der deutsche Papst sei nicht nur an der Missbrauchskrise gescheitert, sondern habe selber einen „Sex-Täter im Vatikan“ gedeckt. Auch wenn Dokumentarfilme wie „Der Verteidiger des Glaubens“ zunächst den Eindruck erwecken, sie wollten nüchtern eine Wirklichkeit abbilden, ist es gerade diese Filmgattung, die sich besonders gut dafür eignet, ganz bestimmte Absichten zu verfolgen.

Als Papst hat Benedikt XVI. den unseligen Marcial Maciel aus den Legionären Christi herausoperiert, ohne dessen Orden zu entsorgen. Doch die Kronzeugen, die der Dokumentarfilmer Christoph Röhl zu Wort kommen lässt, wie der Jesuitenpater Klaus Mertes, der suspendierte Priester Tony Flannery oder die ehemalige Ordensschwester Doris Wagner/ Reisinger, wollen nicht nur den Missbrauch aus der Kirche herausschneiden, sondern der Patient soll einen gänzlich neuen Körper erhalten.

Eigentlich geht es um Auflage und Verkaufszahlen

Auch vermeintliche „Enthüllungs-Storys“ wie die in „Bild“ geben vor, Missstände aufzuzeigen und die Öffentlichkeit über dunkle Machenschaften aufzuklären. Doch eigentlich geht es um ganz andere Ziele – und bei Massenblättern wie „Bild“, die um ihre Auflage kämpfen müssen, nicht zuletzt um die Stabilisierung der eigenen Verkaufszahlen. Das war schon so mit den „12 Thesen für einen Neuanfang in der katholischen Kirche“ vom vergangenen Februar, in denen das Boulevardblatt reißerisch und moralistisch Forderungen aufstellte wie „Glaubenskongregation abschaffen“, „Ende der Scheinheiligkeit“ oder „Mehr Demokratie wagen“.

Gerade Dokumentarfilme und Enthüllungs-Storys sprechen ihrer Bezeichnung Hohn, wenn sie vorgeben, Fakten aufzuzeigen, aber in Wirklichkeit nur Stimmungen erzeugen wollen. In Röhls Ratzinger-Porträt nimmt der „Fall Marcial Maciel“ breiten Raum ein. Der Film wirft Benedikt XVI. vor, trotz umfassender Kenntnisse über Maciel nicht genug gegen den Ordensgründer unternommen zu haben. Aber Röhl und seine Interviewpartner verschweigen, wie sehr es gerade dem Glaubenspräfekten Ratzinger zu verdanken war, dass Maciel schließlich verurteilt wurde.

Der greise Emeritus kann sich nicht wehren

Der „Fall Maciel“ dient nur dazu, Kardinal Ratzinger/ Benedikt XVI. das Siegel des Gescheiterten aufzudrücken, um damit die Kirche, wie sie dem deutschen Kardinal und Papst heilig war, zu diskreditieren. Der Ex-Priester Flannery darf dann in dem Film über Benedikt sagen: „Ihm wurde schrittweise klar, dass die gesamte Institution, der er sein Leben gewidmet hatte, völlig von Korruption durchsetzt und dysfunktional war.“ Ist Ratzinger gescheitert, so die These des Films, dann ist auch „seine“ Kirche gescheitert – also hinweg mit ihr.

Dasselbe ist auch die Botschaft der „Bild“-Geschichte: Hat der emeritierte Papst auch nur einen Täter gedeckt, dann kann man sein ganzes Pontifikat entsorgen – und mit ihm die Kirche, für die es stand und steht. Der greise Emeritus kann sich nicht wehren. Wehren aber kann sich das zahlende Publikum. Ob gläubig oder nicht: Wer einen Funken gesunden Menschenverstand besitzt, wird spüren, dass sowohl der Röhl-Film wie die „Bild“-Geschichte Konstruktionen sind, für deren Macher man keinen Cent mehr hinlegen sollte.

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