Leitartikel

Die Hauskirche des Jahres 2020

Frustration darüber, dass Gottesdienste bis auf weiteres untersagt sind, ist verständlich. Doch heimliche Messen im Untergrund sind keine Lösung.
Coronavirus: Heimliche Messen an Ostern
Foto: Eric Gay (AP) | Es darf daran erinnert werden, dass sich auch katholisches Christ-Sein nicht in Liturgie und Sakramenten erschöpft. Die katholische Lehre betont ausdrücklich die Nächstenliebe, das Wohl des Nächsten.

Es ist keine leichte Zeit für Katholiken. Nirgendwo. Und schon gar nicht in Deutschland. Als wäre die Bedrohung durch das Corona-Virus nicht schlimm genug, müssen die Gläubigen hierzulande auch noch Kommentare von Hirten erleiden, bei denen sowohl das Virus der Verharmlosung, wie auch das Virus der theologischen Unkenntnis schmerzvoll greifbar sind. Wenn man dann noch hört, dass Getränke- und Baumärkte geöffnet sind, Gottesdienste aber bis auf weiteres untersagt bleiben, können sich auch unter denen, die gewöhnlich loyal zu Kirche und Staat sind, Frust und Trotz regen. Psychologisch ist das verständlich.

Heimliche Messfeiern mit Priester im kleinen Kreis

Problematisch wird eine solche Frustration, wenn sie zu Handlungen führt, die weder im Einklang mit dem Staats- und Kirchenrecht stehen, und die – wenn man genau hinschaut – auch nicht mit praktizierter Nächstenliebe und dem Lebensschutz d' accord gehen. Zu solchen Handlungen zählen Aktionen, die sich, wie man aus gut unterrichteten Kreisen hört, über die Feiertage bei manchen Familien in Deutschland abgespielt haben sollen: Heimliche Messfeiern mit Priester im kleinen Kreis.

Solche „Wohnzimmer-Messen“ mögen gut gemeint sein, weil sie in wohliger Exklusivität bestimmte Gläubige und ihre Sehnsucht nach den Sakramenten bedienen und auch den beteiligten Priestern etwas Trost verheißen. Doch kirchenrechtlich muss man hinter derartige Veranstaltungen ein großes Fragezeichen setzen. Mindestens. Wie kann man ehrlichen Herzens für das Oberhaupt der Kirche und den jeweiligen Ortsbischof beten, wenn man sich gleichzeitig nicht an deren ausdrückliche Anordnungen hält? Sich also bewusst in die Zone des Ungehorsams stellt?

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Man kann auch mit leeren Bänken evangelisieren

Dass sich Papst Franziskus die staatlichen Regeln Italiens zum Vorbild nimmt, beweist er seit Wochen auf eindrucksvolle Weise. Man kann auch mit leeren Bänken evangelisieren. In seiner ganzen menschlichen Schwachheit. Jenseits der üblichen Routine und Rituale. Doch nicht nur dies ist zu beachten. Es darf daran erinnert werden, dass sich auch katholisches Christ-Sein nicht in Liturgie und Sakramenten erschöpft. Die katholische Lehre betont ausdrücklich die Nächstenliebe, das Wohl des Nächsten.

Wer angesichts der wissenschaftlich erwiesenen Gefährlichkeit des Virus so eindeutig gegen die „Corona-Gebote“ der sozialen Distanz verstößt, was beim Kommunion-Empfang eindeutig der Fall ist, muss sich fragen lassen, ob ihm oder ihr das eigene Seelenheil wichtiger ist als die Gesundheit der Mitmenschen.
Ergo: ob er nicht gegen das Gebot der Nächstenliebe verstößt.

Das Evangelium ist nicht in Ketten

Wie aber kann man dann in dieser schwierigen Zeit den Glauben zuhause praktizieren? Ohne direkten kirchlichen Kontakt? Der Erzbischof von Los Angeles
und Vorsitzende der amerikanischen Bischofskonferenz, Jose H. Gomez, ein Mann, der dem Opus Dei nahesteht, hat dazu bereits Anfang April die richtige Richtung vorgegeben, als er sagte: „Unsere Kirchen mögen geschlossen sein, aber Christus steht nicht unter Quarantäne und sein Evangelium ist nicht in Ketten. Das Herz unseres Herrn bleibt offen für jeden Mann und jede Frau. Auch wenn wir nicht gemeinsam Gottesdienst feiern können, kann jeder von uns Ihn in den Tabernakeln unseres eigenen Herzens suchen.“ Das ist die Hauskirche des Jahres 2020. Fern von den Katakomben des elitären Ungehorsams.

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