Orthodoxer Streit

"Kyrills Position ist in der Orthodoxie umstritten"

Es sei eine Häresie, dass der Patriarch aus pseudo-religiösen Gründen den brutalen Krieg in der Ukraine legitimiert, sagt Kurienkardinal Kurt Koch im "Tagespost"-Interview. Der Präsident des "Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen" will nun das Verhältnis von Kirche und Staat zum Thema des katholisch- orthodoxen Dialogs machen.
Kardinal Kurt Koch im Gespräch mit der "Tagespost"
Foto: Gerd Neuhold | Im Gespräch mit der "Tagespost" legt der Ökumene-Verantwortliche des Papstes, Kardinal Kurt Koch, den Finger in manche Wunde.

Eminenz, dem Krieg in der Ukraine ging ein jahrelanges kirchliches Ringen voran: innerhalb der Ukraine wie zwischen Moskau und Konstantinopel. Hat diese innerorthodoxe Eskalation zum Krieg beigetragen?

Die innerorthodoxen Spannungen stehen gewiss auch im Hintergrund der heutigen Situation in der Ukraine und haben die Beziehungen zwischen Moskau und Konstantinopel sehr belastet. Es wäre aber erbärmlich, wenn sie zum schrecklichen Krieg in der Ukraine geführt hätten oder als Legitimation dafür herangezogen würden. Denn kirchliche Konflikte dürfen nie mit Gewalt "gelöst" werden. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios wollte die Einheit unter den verschiedenen orthodoxen Kirchen in der Ukraine wiederherstellen, was jedoch bisher nur in einem kleinen Ausmaß gelungen ist. Er hoffte, dass sich die meisten Bischöfe der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP) dieser neu institutionalisierten Kirche anschließen würden. Dies ist jedoch nicht geschehen.

Das Moskauer Patriarchat bezeichnete die Initiative von Bartholomaios als eine "Invasion", gegen die man sich wehren müsse.

Ich kann diese Sicht nicht teilen. Sie wird zudem durch die furchtbaren Ereignisse seit dem 24. Februar widerlegt, insofern in diesem Krieg auch Orthodoxe des Moskauer Patriarchats in der Ukraine getötet und deren Kirchen zerstört werden.

"Die pseudoreligiöse Rechtfertigung
des Krieges durch Patriarch Kyrill
muss jedes ökumenische Herz erschüttern"

Der russische Patriarch Kyrill rechtfertigt in Reden und Predigten den Krieg und schafft dafür ein eigenes Narrativ. Wieviel Schuld trägt das Moskauer Patriarchat?

Die pseudoreligiöse Rechtfertigung des Krieges durch Patriarch Kyrill muss jedes ökumenische Herz erschüttern. In christlicher Sicht kann man keinen Angriffskrieg rechtfertigen, sondern allenfalls, unter bestimmten Bedingungen, die Verteidigung gegen einen ungerechten Angreifer. Den brutalen Angriffskrieg Putins als "Spezialoperation" zu verharmlosen, ist ein Missbrauch der Sprache. Ich muss dies als absolut unmögliche Position verurteilen.

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Am 16. März gab es ein Video-Gespräch zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill, an dem Sie teilnahmen. Wollte Franziskus dem Bruder in Moskau ins Gewissen reden?

In der zweiten Hälfte Februar war eine Zoom-Sitzung zwischen Metropolit Hilarion und mir vorgesehen, um die für Juni geplante zweite Begegnung zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill weiter vorzubereiten. Da der Krieg in der Ukraine bereits ausgebrochen war, habe ich die Gelegenheit des Zoom-Meetings wahrgenommen, die Bitte zu unterbreiten, dass Papst und Patriarch gemeinsam gegen den Krieg Stellung nehmen sollten. Da der Metropolit immer wieder eine gemeinsame Erklärung über die Verfolgung der Christen in der heutigen Welt vorgeschlagen hat, habe ich betont, dass ich dieses Anliegen teile, dass eine solche Erklärung jedoch völlig unglaubwürdig würde, wenn jetzt kein Wort dagegen gesagt wird, dass - wie in der Ukraine - Christen gegen Christen kämpfen und Orthodoxe sich gegenseitig umbringen. Kurz nach dieser Sitzung habe ich die Antwort erhalten, dass der Patriarch zu keinem gemeinsamen Wort mit dem Papst bereit sei. Erst Wochen später wurde von Moskau eine Zoom-Konferenz mit dem Papst gewünscht. 

"Der Heilige Vater hat in verschiedenen Stellungnahmen
den Krieg in der Ukraine mit scharfen Worten verurteilt
und mehrfach zur Beendigung des Kriegs aufgerufen"

War das nicht naiv? Musste Rom nicht damit rechnen, dass das Gespräch von Moskauer Seite instrumentalisiert werden würde?

Das kann man nachträglich so sehen. Der Heilige Vater hat für die Zoom-Sitzung eingewilligt, gewiss in der Hoffnung, damit seinen Beitrag zu einer schnellen Beendigung des Krieges leisten zu können. Er hat eindrücklich betont, dass "wir" - Papst und Patriarch - nicht "Staatskleriker" sind, sondern "Hirten des Volkes" und dass es ihre Verantwortung sein muss, dem Töten und Zerstören so bald wie möglich ein Ende zu bereiten. Da unmittelbar nach der Zoom-Sitzung das russisch-orthodoxe Patriarchat die Erklärung veröffentlichte, der Patriarch sei dafür dankbar, dass der Papst und er eine gemeinsame Sicht des Konflikts in der Ukraine hätten, musste Rom öffentlich kommunizieren, was der Papst wirklich gesagt hat. Der Heilige Vater hat in verschiedenen Stellungnahmen den Krieg in der Ukraine mit scharfen Worten verurteilt und mehrfach zur Beendigung des Kriegs aufgerufen.

Würden Sie eine neuerliche Begegnung im Format von Havanna 2016 zwischen Franziskus und Kyrill befürworten?

Man darf daran erinnern, dass eine Begegnung mit dem Oberhaupt der russischen Orthodoxie bereits ein großer Wunsch von Papst Johannes Paul II. gewesen ist. Ein solches Treffen war anlässlich der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz 1997 abgesprochen; es wurde allerdings kurz davor von Seiten Moskaus abgesagt. Dass es dann Papst Franziskus gelungen ist, zum ersten Mal in der Geschichte mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen zusammenzukommen, ist in der Öffentlichkeit mit einer gewissen Euphorie zur Kenntnis genommen worden und hat die Hoffnung geweckt, die gegenseitigen Beziehungen verbessern zu können.

Doch schon die Begegnung in Havanna wurde von Moskau im Ringen mit dem Ökumenischen Patriarchen - innerorthodox - instrumentalisiert.
Auch wenn es sich so verhalten haben sollte, hat dies an unseren Beziehungen zum Ökumenischen Patriarchat nichts geändert; sie sind vielmehr fortgeführt und intensiviert worden. Es steht für uns fest, dass der Ökumenische Patriarch das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie ist. Und wir haben stets dessen Entscheidung respektiert, dass der theologische Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen nicht bilateral, sondern nur multilateral geführt wird. Es hat deshalb nie einen theologischen Dialog zwischen Rom und Moskau gegeben, auch wenn Moskau ihn gewünscht hat.

"Ich bin Papst Franziskus dankbar, dass er
das für Mitte Juni vorgesehene Treffen
mit Patriarch Kyrill in Jerusalem abgesagt hat"

Kann es derzeit einen ökumenischen Dialog zwischen Rom und Moskau geben?

Auf der einen Seite darf man die Türen nie schließen. Es muss immer ein Spalt offen bleiben, weil man sonst überhaupt nichts mehr tun kann. Auf der anderen Seite ist leider nicht abzusehen, wie lange der schreckliche Krieg in der Ukraine dauern wird. Würde eine erneute Begegnung von Papst und Patriarch in einem Moment stattfinden, in dem noch immer kriegerische Handlungen erfolgen und Patriarch Kyrill an seiner unhaltbaren Rechtfertigung des Krieges festhalten würde, wäre sie schwerwiegenden Missverständnissen ausgesetzt. Denn sie könnte als Unterstützung der Position des Patriarchen durch den Papst missverstanden werden, was den Papst in seiner moralischen Autorität arg beschädigen würde. Ich bin Papst Franziskus dankbar, dass er das für Mitte Juni vorgesehene Treffen mit Patriarch Kyrill in Jerusalem abgesagt hat.

Kyrill postuliert eine nationale Einheit von Russen und Ukrainern aufgrund der Taufe der Kiewer Rus im Jahr 988. Er meint also, das Sakrament der Taufe sei konstitutiv für die Nation. Ist das eine Häresie?

Nach meiner Wahrnehmung leitet der Patriarch die Einheit nicht aus der Taufe an sich ab, sondern aus der Tatsache, dass sich der Kiewer Großfürst Wladimir im Jahr 998 im byzantinischen Ritus hat taufen lassen und das Christentum zur Staatsreligion erklärt hat. Die beschworene Einheit wird jedoch heute grausam widerlegt: Wenn Russen und Ukrainer aus demselben Taufbad hervorgegangen sind, die Russen heute aber die Ukrainer angreifen und Krieg führen, dann wird die Einheit dementiert. Eine Häresie liegt meines Erachtens darin, dass der Patriarch aus pseudoreligiösen Gründen den brutalen und absurden Krieg in der Ukraine zu legitimieren wagt. Im Hintergrund wird ein Grundproblem sichtbar, das im Verhältnis zwischen Kirche und Staat liegt, das in der Orthodoxie im Sinne einer Symphonie zwischen beiden Realitäten gesehen und gestaltet wird.

Auf katholischer Seite haben der Investiturstreit und seine Folgen Illusionen hinsichtlich des Staates geraubt, aber es gäbe auch im Osten Entfremdungen - durch fünf Jahrhunderte osmanischer Herrschaft oder sieben Jahrzehnte Sowjetkommunismus.

Patriarch Kyrill  unterstützt Putins Krieg gegen die Ukraine

Im Westen haben auch die Kirchenspaltung und die blutigen Konfessionskriege im 16. und 17. Jahrhundert mit dazu geführt, dass die Leitidee der Trennung von Kirche und Staat bei gleichzeitiger Partnerschaft von beiden prägend geworden ist. Bei allen Veränderungen und Entwicklungen hält der Osten weitgehend am traditionellen Ideal der Symphonie von Kirche und Staat fest. Dieser große Unterschied ist in den bisherigen ökumenischen Gesprächen weitgehend ausgeblendet worden. Die heutige Situation zwingt dazu, die verschiedenen Konzeptionen intensiv zu diskutieren. Die Orthodoxen stellen immer wieder Rückfragen an die katholische Kirche im Blick auf ihre universale Dimension und das Papsttum. Wir Katholiken müssen umgekehrt die Orthodoxie auf ihre Konzepte der Autokephalie und des kanonischen Territoriums hin befragen - zumal das letztere Konzept nur schwer mit der Achtung der Religionsfreiheit zu vereinbaren ist. Hinzu kommt, dass die Orthodoxen ihre eigenen Prinzipien in der Diaspora nicht mehr aufrechterhalten können.

"Papst Johannes Paul II. hat in seiner Ökumene-Enzyklika
seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass der Dienst
des Nachfolgers des Petrus ein Dienst an der Einheit ist
und dass er auch und vor allem in der Ökumene evident ist."

In der Debatte über das Verhältnis von Synodalität und Primat wird mitunter behauptet, der päpstliche Primat sei das letzte Hindernis zwischen Katholiken und Orthodoxen. Für Katholiken ist das Petrusamt aber nicht nur praktisch oder historisch begründet, sondern theologisch.

Das Hauptthema im theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche ist das Verhältnis von Synodalität und Primat. Diesbezüglich konnten wir mit dem Dokument von Ravenna im Jahr 2007 einen bedeutenden Schritt machen. In diesem Dokument wird die Überzeugung entfaltet, dass Synodalität und Primat voneinander abhängig sind und dass die Kirche auf allen Ebenen ihres Lebens - lokal, regional und universal - einen Protos, einen Ersten, braucht. Dass Katholiken und Orthodoxe gemeinsam sagen können, dass auch auf der universalen Ebene der Kirche ein Protos notwendig ist, ist ein wichtiger Schritt gewesen. Diese Sicht ist freilich vom russisch-orthodoxen Patriarchat nicht anerkannt worden; es hat vielmehr ein eigenes Dokument über einen universalen Primat veröffentlicht, das sich vom Dokument der Internationalen Gemischten Kommission weitgehend unterscheidet. Aber auch in diesem Dialog ist es bisher nicht möglich gewesen, sich über die biblische Sicht des Petrus und seine Stellung im Zwölferkreis auszutauschen. Es wird vielmehr in einem eher abstrakten Sinn über den Primat gesprochen. Doch eine rein funktionale Sicht des Primats reicht nicht aus. Wir Katholiken sind überzeugt, dass uns mit dem Dienst des Petrusnachfolgers vom Herrn ein kostbares Geschenk übergeben ist, das wir nicht für uns behalten dürfen, sondern weitergeben sollen, weil wir in ihm einen wichtigen Dienst an der Einheit sehen. Papst Johannes Paul II. hat in seiner Ökumene-Enzyklika seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass der Dienst des Nachfolgers des Petrus ein Dienst an der Einheit ist und dass er auch und vor allem in der Ökumene evident ist. 

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Fehlt der Orthodoxie nicht allzu offensichtlich das Amt der Einheit? So wird dem Ökumenischen Patriarchen von Seiten des Moskauer Patriarchats das Recht abgesprochen, die Autokephalie verleihen zu dürfen.

Metropolit Hilarion hat mehrfach kritisiert, der Ökumenische Patriarch handle wie ein orthodoxer Papst. Das ist eine uns Katholiken gegenüber gewiss nicht freundliche Aussage, wenn das Wort "Papst" als Negativfolie verwendet wird. Ob das russisch-orthodoxe Patriarchat den Ehrenprimat des Ökumenischen Patriarchen und seine Kompetenz der Autokephalie-Verleihung anerkennt oder nicht, habe nicht ich zu beurteilen, sondern muss innerorthodox besprochen werden.

Im Ringen mit dem Ökumenischen Patriarchat schien Kyrill vor dem Krieg recht erfolgreich. Jetzt verfallen seine Macht und sein Ansehen in der weltweiten Orthodoxie. 

Der aufmerksame Beobachter muss feststellen, dass die Position von Patriarch Kyrill in der Weltorthodoxie umstritten ist. Selbst die UOK-MP hat entschieden, nicht mehr mit Moskau verbunden bleiben zu wollen. Dabei steht noch nicht fest, in welche Richtung sie sich künftig orientieren will. Denn sie kann sich die Autokephalie nicht selbst geben, sondern kann sie nur von der Mutterkirche empfangen. Mit der UOK-MP hat das russisch-orthodoxe Patriarchat einen großen Teil seiner Gläubigen verloren.

Löst sich der ökumenische Dialog mit der Orthodoxie jetzt in viele Dialoge auf?

Die Orthodoxie hat entschieden, den theologischen Dialog mit der katholischen Kirche multilateral und nicht bilateral zu führen. Diese Entscheidung ist für mich verbindlich. In welcher Zusammensetzung sie den Dialog mit uns künftig führen will, liegt in der Verantwortung der Orthodoxie. Würde der Dialog allein bilateral geführt, befürchte ich, dass noch mehr Spannungen in der Orthodoxie aufkommen würden. Wir können und dürfen die Einheit zwischen katholischer und orthodoxer Kirche nicht finden, indem wir die Orthodoxie selbst spalten. Die Einheit in der Orthodoxie zu festigen muss auch uns ein Anliegen sein   zumal in der heute sehr schwierig gewordenen Situation in der Weltorthodoxie.

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