Ökumenischer Rat der Kirchen

Kirchenreformen: Auch die Orthodoxen diskutieren

Bei der Vollversammlung des Weltkirchenrats blickten die Vertreter anderer Konfessionen auch auf die Entwicklungen in der katholischen Kirche – und das durchaus mit Wohlwollen.
Der synodale Prozess wird in anderen Kirchen durchaus zur Kenntnis genommen
Foto: Maximilian von Lachner (Synodaler Weg / Maximilian von L) | Der synodale Prozess, den Papst Franziskus für die gesamte römisch-katholische Weltkirche angestoßen hat, wird in anderen Kirchen durchaus zur Kenntnis genommen – und zwar mit Interesse und Wohlwollen.

Zwei Großveranstaltungen haben sich in diesen Tagen gleichsam „die Klinke in die Hand gegeben“. Bis Donnerstag haben sich in Karlsruhe über 4.000 Repräsentanten verschiedenster Kirchen und Konfessionen weltweit zur 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) getroffen. Kaum war das Großereignis in der badischen Metropole beendet, begann in Frankfurt die vierte Zusammenkunft des Synodalen Wegs. Und es wurde deutlich: Der synodale Prozess, den Papst Franziskus für die gesamte römisch-katholische Weltkirche angestoßen hat, wird in anderen Kirchen durchaus zur Kenntnis genommen – und zwar mit Interesse und Wohlwollen.

„Wir haben bei uns ähnliche Debatten“, sagte beispielsweise Stepan Senchuk im Gespräch mit der „Tagespost“. Der 18-Jährige stammt aus Lwiw in der Westukraine und studiert derzeit Jura in der Schweiz. Als junger Delegierter vertrat er auf dem Weltökumenetreffen die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, die sich erst im Mai dieses Jahres vom Moskauer Patriarchat losgesagt hat.

Innerkirchliche Debatten vom Krieg überlagert

Derzeit, so betonte der junge Mann, seien aber alle innerkirchlichen Debatten vom Krieg in seinem Heimatland überlagert. Wenn die Kampfhandlungen irgendwann zu Ende sind, erwarte er allerdings, dass Reformdebatten in seiner Kirche wieder aufleben. Denn trotz der langen Zugehörigkeit zum Moskauer Patriarchat habe sie bereits seit den 1990er Jahren eine große Autonomie besessen – und teilt damit nicht unbedingt die äußerst konservativen Positionen des Moskauer Patriarchats, beispielsweise zur Homosexualität. „Der wichtigste Sinn des Christentums ist meiner Meinung nach die Freiheit der Wahl“, macht Stepan Senchuk daher deutlich. Nach dem Krieg, so ist er sich sicher, werde der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche ein ähnlicher Diskussionsprozess wie den Katholiken bevorstehen.

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Ganz ähnlich sieht das Oleksandra Kovalenko, die auf der Vollversammlung des ÖRK die Orthodoxe Kirche der Ukraine vertreten hat. Diese ist seit 2019 „autokephal“, also unabhängig von einem ausländischen Patriarchat. Entstanden ist sie ein Jahr zuvor durch die Fusion zweier nationaler Kirchen und unterstand zunächst dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel.

Heute repräsentiert sie fast 80 Prozent der orthodoxen Ukrainer. Auch hier werde vereinzelt über Reformen diskutiert, allerdings seien da andere orthodoxe Kirche bereits weiter, sagte Kovalenko. In den nächsten fünf bis zehn Jahren erwarte sie keine Änderungen. „Vielleicht in der Zukunft. Das ist Teil eines historischen Prozesses.“ Doch manche Dinge kommen auch in der Ukraine in Bewegung: Wenn Frauen beispielsweise zur Kommunion gehen, müssen sie ihr Haar bedecken und lange Kleider tragen. „Ich bin stolz zu sagen, dass meine Kirche die erste war, die gesagt hat, dass das nicht mehr unbedingt notwendig ist“, berichtet Kovalenko. „Ich sehe diese Änderungen, und ich bin froh, dass sie passieren. Wir sind eine junge Kirche und können viel ausprobieren.“

Reformdebatten belasten ökumenischen Beziehungen nicht

Dass Reformdebatten die ökumenischen Beziehungen belasten können, glaubt Oleksandra Kovalenko indes nicht. „Wir sind nicht mit allem einverstanden“, sagte sie im Hinblick auf manche Forderungen des Synodalen Wegs. „Es ist wichtig, andere Traditionen und Sichtweisen in die Diskussion einzubeziehen. Wir wollen uns nicht von der Welt abschließen.“ Kommunikation sei wichtig, Differenzen sollten nicht dazu führen, dass der Kontakt abbricht. „Alle Kirchen“, so die ukrainische Vertreterin, „gehen ihren eigenen Weg, manche Dinge zu modernisieren“.

Diesen Prozess hat die Anglikanische Kirche in Kanada bereits hinter sich, erzählte Cynthia Haines Turner. Die Pastorin aus der anglikanischen Diözese West-Neufundland hat mehrere Synoden begleitet, unter anderem als Mitglied der Generalsynode zwischen 1995 und 2019, wenn auch mit mehreren Unterbrechungen. „Ich hoffe, dass es Änderungen gibt“, sagte sie offen zum synodalen Prozess in der römisch-katholischen Kirche. Man habe in der Anglikanischen Gemeinschaft die Erfahrung gemacht, dass durch die Beteiligung von Laien Entscheidungen auf breitere Akzeptanz stießen, weil die Gläubigen am Prozess der Entscheidungsfindung beteiligt werden.

Sie selbst ist Pastorin – die Frauenordination ist in der Anglikanischen Kirche in Kanada längst Realität. Für gleichgeschlechtliche Ehen gibt es, so berichtete Reverend Haines Turner, eine Kompromisslösung. So sei das Kirchenrecht offiziell in dieser Frage nicht geändert worden, aber jede Diözese kann ihrem Klerus erlauben, homosexuelle Paare zu trauen – und die meisten, so Turner, seien diesen Weg bereits gegangen. Das Kirchenrecht erlaube das zwar nicht ausdrücklich, aber man verbiete es auch nicht.

Öffnung für Homosexuelle nicht ohne Widerspruch

Die Öffnung für Homosexuelle sei nicht ohne Widerspruch geblieben, so Haines Turner. Während der Synoden seien auch Ängste geäußert worden. Aber die Gemeinschaft sei sehr vielstimmig – und die Kirche sei angewiesen auf die Mitarbeit von Menschen, die zuvor ausgeschlossen gewesen seien, sagte die Pastorin. Solche Einschnitte bräuchten manchmal Zeit, bis sie sich durchsetzen. „Es ist ein Prozess über mehrere Jahre“, so Haines Turner, „bis wir dahin gekommen sind, wo wir jetzt stehen.“

Der katholischen Kirche riet die Pastorin zu einem langen Atem: „Die Debatte ist notwendig, und das wird eine Weile dauern. Unsere Erfahrung ist: Wenn sie mit den Menschen reden, stimmen sie zu – und es gibt eine größere Übereinstimmung in der Frage, warum sie in der römisch-katholischen Kirche sind.“

Zwar könne die Kirche auch Mitglieder verlieren, die mit den Reformen nicht einverstanden seien, meint die anglikanische Pfarrerin. Auch in ihrer Gemeinschaft habe es Austritte gegeben, als man sich für Homosexuelle geöffnet habe. „Aber das heißt nicht immer, dass Sie die Einheit in der Kirche verlieren.“ Viele Menschen würden aus verschiedensten Gründen austreten. „Diejenigen, die bleiben, halten die Entscheidungen für gerecht und haben eine größere Loyalität zur Kirche.“

Synodalität sei „eine Chance für alle Menschen“, resümierte Haines Turner ihre Erfahrungen. „Es war für uns eine anspruchsvolle Erfahrung und ein sehr spiritueller Weg, eine Kirche zu werden. Das hat uns zusammengebracht.“

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