Weltkirche

Kenner und Freund Österreichs

Starke lebensgeschichtliche Bezüge und ein dichtes Beziehungsnetzwerk verbanden Benedikt mit der Alpenrepublik.
Papst Benedikt XVI. begrüßt Kardinal Christoph Schönborn
Foto: KNA | Papst Benedikt XVI. besucht auf seiner Pilgerreise unter dem Motto "auf Christus schauen" Österreich vom 07. - 09. September 2007. Bild: Papst Benedikt XVI.

Als „deutscher Papst“ wurde Benedikt XVI.  in Österreich allenfalls von seinen Kritikern oder Fernstehenden wahrgenommen, in der Breite eher als ein Bayer mit starken lebensgeschichtlichen Bezügen zu Österreich. Die Interessierten wissen um die Südtiroler Abstammung seiner Mutter, um die geografische Nähe seines Geburtsortes Marktl zu Oberösterreich, um die lebenslange Zuneigung der Ratzinger-Brüder zur Mozartstadt Salzburg, um ihre regelmäßigen Urlaube in Bad Hofgastein, später auch in Kärnten und in Baden bei Wien.

Benedikt XVI. war ein Freund Österreichs

2005 wurde ein Kenner und erklärter Freund Österreichs zum Papst gewählt. Anders gewiss als 2006 in München und Regensburg, war doch auch sein Kommen 2007 nach Wien, Mariazell und Heiligenkreuz eine Art Heimatbesuch. Erst 2004 hatte Kardinal Joseph Ratzinger in Wien das Requiem für den verstorbenen Kardinal Franz König gefeiert und im selben Jahr gemeinsam mit seinem Bruder Georg die Gnadenmutter von Mariazell besucht – ein marianisches Pilgerziel der Katholiken aus dem gesamten Raum der einstigen Habsburgermonarchie.

Eng und vielfältig war stets auch das Beziehungsnetzwerk, das Joseph Ratzinger in Österreich pflegte. Er kannte viele Laien und Pfarrer, Theologen und Bischöfe, selbst etliche Politiker, Institutionen und Einrichtungen, aber auch Eigenheiten der Mentalität und Kultur. Kardinal Christoph Schönborn zählt sich zu Ratzingers Schülern; der steirische Bischof Egon Kapellari und der Heiligenkreuzer Abt Gregor Henckel-Donnersmarck zählten zu seinen Freunden, St. Pöltens Bischof Kurt Krenn zu den Professorenkollegen aus Regensburger Tagen. Der heutige Abt von Heiligenkreuz, Maximilian Heim, wurde der erste Ratzinger-Preisträger. Die traditionsreiche Hochschule im Wienerwald trägt Benedikts Namen.

Ohne Wohlwollen kein Verständnis für Benedikts Schriften

Der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Salzburgs Erzbischof Franz Lackner, stattete Benedikt Mitte Dezember, zum Abschluss der Ad-limina-Pilgerschaft einen Besuch ab, feierte mit ihm die Messe, unterhielt sich mit ihm über Salzburg, Philosophie und die Geschichte des Glaubens im Leben der Menschen. Mit „Trauer, aber auch mit großer Dankbarkeit für die vielen Jahre, die er in dieser Welt und in der Kirche wirkte“, habe er die Nachricht vom Tod Papst Benedikts aufgenommen, schrieb Lackner am Silvestertag.

Benedikts Vermächtnis bleibe „seine Liebe zur Kirche und ihrer Lehre, deren Ziel es ist, den Glauben der einfachen Gläubigen zu schützen und zu bewahren“. Hochachtung zollte Erzbischof Lackner auch Benedikts theologischem Schrifttum: „Vieles wird wohl erst noch zu verstehen sein; dazu bedarf es jedoch, wie er es seiner Jesus-Trilogie vorausstellt, des Wohlwollens, ohne welches das Verstehen nicht möglich ist.“

Jahrzehnte enger Verbundenheit

Kardinal Schönborn blickt auf Jahrzehnte enger Verbundenheit zurück: „Benedikt XVI. war mir als Theologe, Priester und Bischof ein Begleiter und Vorbild. Nun darf er die Freundschaft Jesu, die er verkündet hat, in Fülle erfahren.“ Im ORF meinte Schönborn am Todestag: „Ich habe ihn als wunderbaren Lehrer erlebt“, als „Lehrmeister, dem ich sehr viel verdanke“. Als Papst sei er „über sein Professorensein hinausgewachsen“, durch seinen Rücktritt habe Benedikt XVI. „das Papsttum vermenschlicht“. Das werde für die kommenden Generationen von großer Bedeutung sein.

Der Wiener Stephansdom, Kathedralkirche Wiens und Wahrzeichen Österreichs, erhielt an Benedikts Todestag eine Trauerbeflaggung. Die größte Glocke des Wiener Stephansdoms, die Pummerin, läutete fünf Minuten lang ihr Trauergeläut, in das die Glocken aller anderen Domkirchen Österreichs einstimmten. Anders als in Deutschland findet in der Alpenrepublik – neben Gedenkmessen in Pfarreien und Domkirchen – auch ein zentrales Requiem statt, zu dem die Bischofskonferenz einlädt: Am kommenden Montag werden Kardinal Schönborn und Erzbischof Lackner im Stephansdom eine Seelenmesse feiern. Beide nehmen zuvor in Rom an den Trauerfeiern für den verstorbenen Papst teil.

Die Kunst der selektiven Wahrnehmung

Das alles, wie auch die zahlreichen ORF-Sondersendungen, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass alle deutschen Ressentiments gegen den vermeintlich konservativen Glaubenswächter auch in Österreich Einzug hielten. So pflegt der Pastoralsoziologe Paul Zulehner, dem der ORF seit mehreren Jahrzehnten eine Art Deutungshoheit über alles Kirchliche zumutet, noch nach Benedikts Tod die alten Klischees von der Tübinger Traumatisierung und dem biografischen Bruch. Und als Benedikt XVI. in der Wiener Hofburg klar gegen die Abtreibung das Wort ergriff, beeilten sich Kirchenamtliche zu suggerieren, er habe gar nicht Österreich gemeint. Die Kunst der selektiven Wahrnehmung pflegt man dies - wie jenseits der Grenze: An welche Länder denkt der ortskundige Papst wohl, wenn er in Wien gegen die Abtreibung und in Freiburg für Entweltlichung plädiert?

Insgesamt dominiert in Österreich das Bild vom demütigen „Arbeiter im Weinberg des Herrn“, als der sich Benedikt 2005 in seiner ersten Ansprache als Papst vorstellte. Es bleibt die Erinnerung an einen „großartigen Theologen, der uns viele interessante Gedanken und Bücher hinterlassen hat“, wie der Grazer Bischof Wilhelm Krautwaschl sagte. Zusammenfassend meinte der Kärntner Bischof Josef Marketz, Benedikt habe in seinem Leben als Lehrender, Kardinal und Kirchenoberhaupt beeindruckt, „durch seinen hohen Intellekt und seine brillante Formulierungskunst, stets geprägt durch Sachlichkeit“. Sein Wesen sei geprägt gewesen durch Herzlichkeit, Wärme und tiefsinnigen Humor.

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