Weltsynode

Intensivere Katechese wünschen sich die Gläubigen

In den katholischen Gemeinden Skandinaviens gibt es so gut wie keine Forderungen nach dem Priesteramt für Frauen, aber den Wunsch nach mehr Hilfe, um dem Glauben und der Lehre der Kirche entsprechend zu leben.
Schwester Anna Mirijam Kaschner cps
Foto: KNA | Im Gespräch mit der Tagespost spricht Schwester Anna Mirijam Kaschner cps, Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz, über den Synodalen Prozess in Nordeuropa.

Ein Gespräch mit Schwester Anna Mirijam Kaschner cps, Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz, über den Synodalen Prozess in Nordeuropa.  

Schwester Anna Mirijam, Mitte August sollen alle Bistümer dem Vatikan die Umfrageergebnisse zu den Erwartungen an den Synodalen Prozess der Weltkirche mitteilen. Was werden die Nordischen Bischöfe dem Vatikan mitteilen? Was erhoffen sich die Katholiken in Skandinavien?

Wir befinden uns derzeit in der Endphase der Sammlung der Antworten auf die Umfragen in unseren Bistümern, so dass wir noch keine ausführlichen Ergebnisse vorliegen haben, aber es zeichnen sich einige Haupterwartungen und  wünsche ab:

Grundlegend für das Leben der Kirche ist die Gemeinschaft. Gerade die Corona-Pandemie mit der zeitweisen Schließung von Kirchen und der Kontaktbeschränkungen haben dies schmerzlich erfahren lassen. Hier spielt auch der sogenannte Kirchenkaffee und andere soziale Veranstaltungen im Anschluss an die Sonntagsgottesdienste eine große Rolle.

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Die Teilnahme an der Sonntagsmesse ist von unermesslichem Wert im Aufbau und der Pflege der Beziehung zu Christus (in Island haben 80 Prozent der Befragten dies angegeben).

Die Gläubigen wünschen sich eine Ausweitung des bestehenden Gottesdienstangebotes in den Pfarreien (muttersprachliche Gottesdienste, Messen für Kinder und Jugendliche, eucharistische Anbetung, Rosenkranzgebet  )

Gewünscht wird eine Intensivierung der Katechese für Erwachsene. Dies ist gerade in einer säkularisierten Gesellschaft und in einer Minderheitenkirche wichtig, um den katholischen Glauben aktiv zu leben.

Gewünscht wird, dass sich die katholische Kirche mit ihren christlich-katholischen Werten stärker in die säkulare Gesellschaft einbringt.
Eine intensivere Katechese für Kinder und Jugendliche wird erbeten, damit sie in glaubensskeptischer Umgebung für ihren Glauben einstehen können.

Beklagt und als beschämend und gemeinschaftsschwächend empfunden werden die Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Sie haben das Bild der Kirche und ihre Glaubwürdigkeit massiv beschädigt. Die immer wiederkehrenden Berichte neuer Fälle aus dem Ausland werden als zermürbend empfunden.
In Schweden ist eines der übergeordneten Ergebnisse der Wunsch, Hilfen zu bekommen, um dem Glauben und der Lehre der Kirche entsprechend zu leben und diesen Glauben zu vermitteln.

Es wurde der Wunsch ausgedrückt, den synodalen Prozess weiterzuführen, um insbesondere auf Gemeindeebene weiter im Gespräch zu bleiben.

Nur wer Jesus Christus in einer lebendigen Beziehung nachfolgt,
wer aktiv am sakramentalen Leben der Kirche   nicht nur an der Eucharistie   teilnimmt und bereit ist,
selbst immer wieder im Licht des Evangeliums umzukehren,
der kann ein lebendiger Stein in der Kirche sein und diese aufbauen und erneuern.

Die Rolle der Frau gilt in Deutschland als Schlüsselfaktor für die Erneuerung der Kirche. Wie sehen Sie das?

Ich denke, dass die Rolle der Frau ein Faktor von mehreren ist, der bei der Erneuerung der Kirche zu berücksichtigen ist. Er ist ohne Zweifel wichtig, da hier in der Vergangenheit viel versäumt wurde und auch viele Verletzungen geschehen sind. Papst Franziskus hat positive und wichtige Schritte unternommen und Frauen Leitungspositionen im Vatikan ermöglicht. Aber hier ist noch Luft nach oben und vieles im Rahmen der geltenden Lehre möglich.

Doch es gibt meines Erachtens andere Faktoren, die für die Erneuerung der Kirche wichtiger und notwendiger sind. Dazu gehört an erster Stelle die Glaubwürdigkeit der Katholiken, der Priester und der Bischöfe. Die Frage ist, wie diese Glaubwürdigkeit   insbesondere nach den Missbrauchsfällen   wieder aufgebaut werden kann. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies nicht durch Strukturänderungen oder durch Einsetzung von "Kontrollorganen" für die Bischöfe geschieht. Für mich beginnt Glaubwürdigkeit dort, wo ich meinen Glauben authentisch lebe und mich mit meiner ganzen Person einem Menschen zuwende, der Hilfe braucht.

Es gibt derzeit so viele Menschen in unserer Gesellschaft, die Angst haben vor einem drohenden Krieg, die Sorge haben, ob sie mit ihrem Gehalt oder ihrer Rente die hohen Preissteigerungen aushalten können, Menschen, die von Arbeitslosigkeit und Armut oder von den Folgen der Coronapandemie betroffen sind. Ob diesen Menschen die theologischen Diskussionen auf dem synodalen Weg helfen, wage ich zumindest anzuzweifeln.

Ein anderer wichtiger Faktor für die Erneuerung der Kirche ist die Glaubensvertiefung und -erneuerung. Papst Franziskus hat dies in seinem Brief an die Katholiken in Deutschland angemahnt. Nur wer Jesus Christus in einer lebendigen Beziehung nachfolgt, wer aktiv am sakramentalen Leben der Kirche   nicht nur an der Eucharistie   teilnimmt und bereit ist, selbst immer wieder im Licht des Evangeliums umzukehren, der kann ein lebendiger Stein in der Kirche sein und diese aufbauen und erneuern. Wo aber können Menschen heute in eine lebendige Beziehung zu Christus hineinwachsen?

Wo geschieht Glaubensvertiefung und -erneuerung heute? Ich hätte mir gewünscht, dass zeitgleich mit Beginn des fünfjährigen synodalen Weges eine Neuevangelisierungskampagne über denselben Zeitraum gestartet worden wäre, in der genau diese Fragen angegangen worden wären.

Die katholische Kirche in Skandinavien ist multikulturell und vielsprachig. Inwiefern spielt das für die Frage, wie die Gläubigen die Rolle der Frau in der Kirche sehen, eine Rolle?

Die Multikulturalität der Kirche in unseren nordischen Ländern hat in erster Linie Einfluss auf das Kirchenverständnis der Gläubigen. Die katholische Kirche ist eine stark wachsende Einwandererkirche. Die meisten Zuwanderer kommen aus katholisch geprägten Ländern und Milieus   aus Polen, Litauen, Vietnam, von den Philippinen, aber auch aus Syrien, dem Irak, aus Eritrea und anderen muslimisch geprägten Ländern. In unseren säkularisierten Ländern ist die katholische Kirche für sie Heimat, ein Ort an dem sie Hilfe und Trost und Stärkung ihres Glaubens erfahren. Ich habe bisher nicht erlebt, dass jemand Probleme mit der Rolle von Frauen in der Gemeindearbeit oder der Liturgie gehabt hätte. Andererseits gibt es in unseren Gemeinden so gut wie keine Forderungen nach dem Priestertum der Frau. Eine Frau hier in Dänemark sagte mir einmal: "Warum soll ich denn Priesterin werden wollen: Alle Aufgaben eines Priesters   mit Ausnahme der Spendung der Sakramente   kann ich doch jetzt schon tun: Ich arbeite im Pfarrgemeinderat und bin Katechetin. Ich besuche Kranke und bringe ihnen die Kommunion. Ich bereite Kinder auf die Sakramente vor. Ich bin Wortgottesdienst-Leiterin und kann hier predigen. Warum sollte ich Priesterin werden?"

Gibt es regionale Aspekte, die diese Haltung fördern?

Was in dieser Frage natürlich nicht unterbewertet werden darf, ist die Tatsache, dass in unseren Ländern generell sehr flache Hierarchien gelten   in der Gesellschaft wie in der Kirche. So sind alle   mit Ausnahme der königlichen Familien   miteinander "per Du"   egal ob Arzt, Professor, Fabrikarbeiter, Bischof oder Kardinal. Ein Priester oder Bischof wird als ein Mensch mit einer Aufgabe für die Gemeinde betrachtet, der auch korrigiert und infrage gestellt werden kann und wird. Er ist nicht "heiliger", weil er geweiht ist, sondern versieht einen Dienst an der Gemeinde. Dafür ist man dankbar. Mitverantwortung der Gläubigen in Entscheidungsprozessen ist normal.

Wie erstrebenswert wäre es aus Ihrer Sicht, ein eigenes, mit dem Kirchenrecht vereinbares Amt für Frauen einzuführen, wie Kardinal Kasper es einmal vorgeschlagen hat?
Der Vorschlag von Kardinal Kasper auf einem Studientag der Bischofskonferenz nach einem neuen diakonalen Amt für Frauen ist aus dem Wunsch entstanden, Frauen stärker in die Kirche einzubinden. Ich frage mich aber, ob jede Aufgabe, die Frauen oder Laien in der Kirche übernehmen, "ver-amtet" werden muss. Die Aufgabenfelder solcher "Gemeindediakoninnen" würden   laut Kasper   pastorale, caritative, katechetische und bestimmte liturgische Dienste umfassen.

Aber all das sind doch bereits unsere Dienste und Aufgaben als Christen, die durch die Taufe Anteil am allgemeinen Priestertum haben. Wenn man diese Dienste jetzt einem Amt unterordnet, stellt sich die Frage, ob damit nicht Dienste erster und zweiter Klasse geschaffen werden. Was unterscheidet dann die Aufgaben einer "Gemeindediakonin" von der Caritasmitarbeiterin, die zum Beispiel Krankenbesuche macht, oder von der Katechetin in der Kommunionvorbereitung, oder von der Lektorin oder Kommunionhelferin in der Liturgie? Wird mit der Einführung eines solchen Amtes nicht der Stand der Laien in der Kirche mit den ihnen zustehenden Aufgaben und damit das allgemeine Priestertum durch die Taufe abgewertet?

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Welche Veränderungen befürworten Sie innerhalb der Kirche mit Blick auf die Frauen? Gibt es Themen, bei denen Frauen die Perspektive ändern sollten?

Ich befürworte auf jeden Fall eine Stärkung der Rolle der Frauen in der Kirche, das heißt, dass qualifizierte Frauen viel öfter Leitungs- und Führungspositionen in der Kirche einnehmen sollten. Ich frage mich zum Beispiel, warum immer noch so wenige Frauen das Amt der Generalsekretärin von Bischofskonferenzen innehaben. Unsere nordischen Länder, die Niederlande und inzwischen auch Deutschland haben diesen Schritt gemacht. Auch im Vatikan gäbe es noch sehr viel mehr Leitungspositionen, die von Frauen besetzt werden könnten.

Andererseits halte ich die starre Fixierung einiger Frauen auf das besondere Priestertum für hinderlich. Je radikaler die Forderungen sind, desto mehr verschließt sich der Blick für die bereits vorhandenen Möglichkeiten, Frauen in Entscheidungspositionen einzubinden. Papst Franziskus hat kürzlich zwei Frauen in jene Kongregation berufen, die über die Auswahl von Bischöfen entscheidet. Das ist großartig. Es erscheint mir jedoch manchmal so, dass die Haltung von Personen und Organisationen in ihren Maximalforderungen diese Neuerungen nicht zu schätzen wissen.

Welche Frauen sind für Ihre persönlichen Vorbilder?

Mein großes Vorbild ist Edith Stein, eine große Frau. Sie war Philosophin und Pädagogin, eine Kämpferin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, jüdische Konvertitin, Karmelitin, Märtyrerin. Ich erhoffe mir sehr, dass sie bald zur Kirchenlehrerin erhoben wird.

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