Dresden

Im Ordenskleid fällt Schwester Assunta auf

Die Klarissin Sr. Assunta Paul lebt in Sachsen. Das Bundesland hat lediglich drei Prozent Katholiken. Hier sieht die Schwester aus dem Kloster der Klarissen von der ewigen Anbetung eine Chance, die Menschen zu Gott zu führen.
Schwester Assunta von den Klarissen von der ewigen Anbetung
Foto: privat | Schwester Assunta von den Klarissen von der ewigen Anbetung kümmert sich nicht darum, was andere von ihr denken. Ihr geht es darum, ihre Berufung zu leben.

Wer tagsüber durch die Dresdner Innenstadt spaziert, der kann inmitten der Massen eine ungewohnte Entdeckung machen: Sr. Assunta Paul aus dem Kloster der Klarissen von der ewigen Anbetung in Bautzen ist unterwegs. Im Habit und ohne Strümpfe fällt die 78-Jährige inmitten eines säkularen Umfelds auf – lediglich drei Prozent der Menschen in Sachsen sind Katholiken. Dass die Passanten in der Stadt sich mit Neugier und manchmal wohl auch etwas irritiert umdrehen, stört Sr. Assunta nicht. „Das ist eine gute Gelegenheit, um mit einem Lächeln Zeugnis zu geben von der Freude, die ich im Herzen trage – und meist klappt es, dass ein Lächeln zurückkommt“, sagt sie. In Dresden ist sie nun seit 2014 wohnhaft: Bischof Dr. Heiner Koch holte sie damals, um an der Kathedrale des Bistums Dresden-Meißen täglich eine Anbetungsstunde zu ermöglichen.

Viele Jahre Ordensleben

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Sr. Assunta blickt dabei auf viele Jahrzehnte des Ordenslebens zurück; bereits mit 17 Jahren folgte sie ihrer Berufung. Um die Wendezeit war sie in der Verwaltung des Bautzener Klosters und konnte einige Herausforderungen meistern. Etwa waren Sanierungsarbeiten notwendig geworden. „Ein alter Schweinestall musste gemacht werden und wir wollten ihn zum Gästehaus ausbauen, wobei wir ja mit unseren paar Ostmark gerade genug hatten, um uns selbst zu versorgen: Wo sollte jetzt das Geld herkommen?“ – Unterstützung fanden die Klarissen dabei durch die Katholiken in der Oberlausitz und tatkräftige Männer und Jugendliche, aber auch der Himmel schenkte Beistand. Als der Baumeister mitteilte, man brauche 230 Hohlblocksteine, um den Giebel angehen zu können, fragte Sr. Assunta, ob nicht auch 225 reichen würden: „Es gibt neun Chöre der Engel und ich habe mir gesagt, wenn jeder von denen 25 Steine besorgt, können wir das ,Engelhaus‘, wie wir es genannt haben, fertig bauen.“ An keinem der Steine, die der Schwester im Weg lagen, stieß sie sich auch nur den Fuß: „Die Engel waren mir sehr zuverlässige Geschäftspartner“, ist sie sicher.

Die Natürlichkeit des Alltagsglaubens von Sr. Assunta ist verzaubernd, ebenso ihre resolute Prioritätensetzung. „Kurz nach Fertigstellung des Baus hat man uns angeboten, unser Gästehaus gegen Gebühr an Geschäftsreisende aus Westdeutschland zu vermarkten und uns ein sicheres Einkommen zu garantieren. – Ich habe das natürlich abgelehnt, denn das Haus gehört ja auch den Engeln und die wollen keinen Wohlfühltempel für Reiche, sondern denen helfen, denen ja sonst keiner hilft.“ So war das Engelhaus immer wieder Unterkunft für Obdachlose.

Berufung im Alltag

Sr. Assunta will ihre Berufung im Alltag leben: „Ich pfeife mir da nichts ran, sondern immer wieder begegnen mir neue Menschen, bei denen ich oft erstmal gar nicht weiß, was ich da tun kann. Aber Gott wirkt und er hilft mir und durch mich, das merke ich immer!“ Mit leuchtenden Augen berichtet sie von „ihrem Torsten“, den sie kurz nach ihrem Umzug nach Dresden kennenlernte. Der junge Mann war Dresdner Katholiken bekannt: Mit strähnigen Haaren, unangenehm riechend saß er während der Werktagsmesse in der Eckkapelle der Kathedrale und trank Wein aus dem Tetrapack. Entsprechend kam es vor, dass er aus der Kirche verwiesen wurde. Doch Torsten kam immer wieder, auch weil – wie mancher sagte – „die Schwester den immer wieder anschleppt“.

Ins Herz geschlossen

Während viele entnervt waren, interessierte sich Sr. Assunta für Torsten – und überzeugte ihn mit der Zeit, das Tetrapack stehenzulassen. Auch später, als Torstens Wohnung wegen Mietschulden geräumt wurde, war sie dabei: Die Polizisten staunten nicht schlecht, als sie zur Räumung klingelten und eine circa 1,50 Meter große, schmächtige Nonne öffnete. Auch durch die folgende Zeit der Obdachlosigkeit und der Krankheit begleitete sie den etwa 30-Jährigen. Als er eines Tages nicht mehr in die Kirche kam, sorgte sie sich: „Ich sagte, dass er als Obdachloser nur im Krankenhaus oder im Gefängnis sein kann, also ging ich zur Polizei und fragte nach.“ Dort fand Sr. Assunta heraus, dass Torsten im Gefängnis ist und machte sich auf den Weg. Doch schon am Abend saß er wieder in der Eckkapelle und Sr. Assunta berichtete von ihrer Suche. „Gesucht? Mich hat noch nie jemand gesucht!“ Da schloss der Obdachlose seine Ordensschwester ins Herz.

An der Orgel gefallen gefunden

Erst als er eines Tages ins Krankenhaus kam, stellte Sr. Assunta fest, dass der regelmäßige Messbesucher selbst nicht getauft ist. „Ich hatte mir das nicht denken können, weil er ja immer da war. Er sagte dann, ihm haben eben die Lieder und die Orgel gefallen und überhaupt habe er sich wohl gefühlt“, berichtet sie. Doch sie bemerkte eine größere Sehnsucht in Torsten. Als sich der Gesundheitszustand verschlechterte, fragte Sr. Assunta, ob Torsten getauft werden wolle. „JA!“, platzte es aus ihm heraus, als habe er lange auf diese Frage gewartet. Nach Rücksprache mit dem Krankenhausseelsorger spendete Sr. Assunta die Nottaufe: „Ich habe ihn erst gefragt, ob er bereit ist, allen Menschen zu vergeben, die ihm Unrecht getan haben. Er sagte eindringlich ,Allen vergeb ich!‘ – Dann wiederholte er das Glaubensbekenntnis, schließlich hab ich ihn getauft und betete noch an seinem Bett.“ – Eine Stunde vor seinem Tod sprach der sonst still gewordene Torsten klaren Wortes: „Gott ist die Liebe!“, dann schlief er ein.

Wer mit Beharrlichkeit Gutes tut, der kann anecken und geht oft nicht den leichtesten Weg, doch das Zeugnis von Sr. Assunta zeigt, dass sie nicht nur Seelsorgerin, sondern auch Seelenretterin ist. „Bedeutend ist für mich der Moment meiner Berufung: Wenn ich mich daran erinnere, dann weiß ich, was ich tun muss!“ – Und so kann es passieren, dass Gott Mensch wird: In einem Lächeln mitten am Tag in der Dresdner Innenstadt.

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