Vatikanstadt

Historiker mit Mundschutz

Pius XII.: Die Arbeit in den neu geöffneten Archiven begann vielversprechend. Dann kam Corona. Ein Erfahrungsbericht.
Pius XII. und die Forschung
Foto: Wolfgang Radtke | Im Fokus der Forschung: Pius XII. weiht eine Radiosendeanlage ein.

Am 5. März 2019 gab Papst Franziskus bekannt, dass am 2. März 2020 die Pius-Bestände der Forschung zugänglich gemacht würden. Kurz darauf informierte das Geheimarchiv (heute: Apostolische Archiv) uns, dass nur 30 Historiker auf einmal Zugang zu den Akten bekämen und man einen Platz vorreservieren müsse. Das tat ich zum frühestmöglichen Termin, am 30. September 2019 und erhielt kurz darauf die Bestätigung: Vom 2.–18. März hatte ich Zugang zu den Akten, gehörte also zu den 30 Ersten. Von da an fieberte ich dem 2. März entgegen. Für jeden Historiker war es, als würden Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen. Pünktlich um 8.35 Uhr stand ich am Empfang des Vatikanarchivs, legte meine „tessera“ (Zugangskarte) vor und bekam einen Schlüssel mit der Nummer „16“ ausgehändigt. Zu meinem Erstaunen war der erwartete Andrang ausgeblieben. Fünf Historiker des Holocaust-Museums in Washington und von Yad Vashem in Israel waren gar nicht gekommen, aus Sorge um die Corona-Epidemie. Stattdessen war der Münsteraner Kirchengeschichtler Hubert Wolf, der vorab gleich die Aussetzung des (bereits abgeschlossenen) Seligsprechungsprozesses Pius XII. gefordert hatte, mit fünf Assistenten angereist.

Gleich der erste Fund war signifkant

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Ich begann meine Suche in einem der Inventarbände des Staatssekretariats und konzentrierte mich auf das Umfeld des 16. Oktobers 1943, der „Judenrazzia“ von Rom. Mein erster Fund war signifikant. Bereits am 25.9.1943 hatte der deutsche Stadtkommandant General Stahel dem „Ilirischen Kolleg S. Girolamo“ einen Aushang ausgestellt, der es als „Eigentum des Vatikanstaats“ bezeichnete und deutschen Soldaten den Zutritt „strengstens“ verbot. Das schuf einen Präzedenzfall, auf den der Papst gleich nach der Razzia verweisen konnte. So gelang es ihm, innerhalb nur einer Woche von Stahel 550 weitere solcher Aushänge zu bekommen, mit denen ein Großteil der römischen Klöster und vatikanischen Einrichtungen vor dem Zutritt der Deutschen geschützt waren. Das war die Vorbedingung dazu, dass ab dem 25.10. in 235 Klöstern bis zu 4 465 der insgesamt etwa 8 000 römischen Juden versteckt und damit gerettet werden konnten. Die Dokumente belegten sogar, dass diese Aushänge in einer vatikanischen Druckerei produziert und dem General (beziehungsweise seinem Adjutanten von Veltheim) nur noch zur Unterschrift vorgelegt wurden. Die Initiative dazu ging also eindeutig von Pius XII. aus, was bislang immer wieder bestritten worden war.

Als der Vatikanische Pressedienst daraufhin verkündete, der Heilige Stuhl würde sich dafür einsetzen, dass sich ein solcher Vorfall wie die Razzia nicht wiederholen werde, war Pius XII allerdings entsetzt. Handschriftlich notierte er: „Ist es klug vom Pressedienst, diese Meldung herauszugeben?“ Dann fügte er hinzu, er sei sich „der Tatsache bewusst, dass es nicht hilfreich ist, schlafende Hunde zu wecken, speziell keine Nazis, und sie auf humanitäre Aktionen hinzuweisen, die vom Apostolischen Palast ausgehen“.

In den nächsten Jahren mit einigen Überraschungen rechnen

Die Archive hatten jetzt jeden Tag bis 17.00 Uhr geöffnet, jeder einzelne Forscher durfte sich drei Aktenordner am Morgen und zwei am Nachmittag zur Durchsicht kommen lassen. Mein Plan war, als Nächstes die Archive der Nuntiaturen und Apostolischen Delegationen zu durchforsten. Dabei fiel auf, dass viele Bestände noch nicht oder erst provisorisch inventarisiert waren. Man hatte es, angesichts der Menge an Material, einfach nicht geschafft. Wir können also auch in den nächsten Jahren noch mit einigen Überraschungen rechnen. Trotzdem war ich bis Freitag in der Lage, die das Thema „Ebrei“ (Juden) betreffenden Ordner der Nuntiaturen in Berlin, Bukarest, Bern, Italien,  sowie der Apostolischen Delegationen in Bukarest und London durchzuarbeiten. Was an erster Stelle beeindruckte war die große Anzahl der Vorgänge und die Tatsache, dass die Gesandten des Papstes in Absprache mit Kardinalstaatssekretär Maglione offenbar alles taten, um auch jedem einzelnen Hilfsgesuch nachzukommen; natürlich leider sehr oft erfolglos. Aber es ist das aufrechte Bemühen zu spüren, wirklich so viele Juden wie möglich vor der Deportation in Gebiete zu bewahren, aus denen glaubwürdige Berichte über Massenerschießungen und ab 1943 auch über Todeslager vorlagen.

Hier nur drei Beispiele aus dem neu gesichteten Material: Schon 1941 erreichten Gerüchte über Massaker, die erste Phase des Holocaust, den Vatikan. Im Herbst 1941 schickte Pius XII. einen vertrauten Priester und Feldkaplan der Malteser, Don Pirro Scavizzi, in Krankenzügen an die Ostfront. Er kehrte im November 1941 zurück und bestätigte die Berichte. Jetzt stieß ich im Archiv der Nuntiatur in Bern auf einen Augenzeugenbericht vom 6.4.1943, dem drei Fotos einer Massenexekution beigelegt waren. Sie müssen den Papst darin bestärkt haben, seine Rettungsmaßnahmen noch intensiver fortzuführen. In Rumänien und Bulgarien war er damit erfolgreich, in der Slowakei gelangen ihm zumindest mehrere Aufschübe, in Ungarn wurden die Deportationen erst Anfang Juli 1944 abgebrochen, nachdem Pius XII. ein persönliches Telegramm an Staatschef Horthy geschickt hatte.

Jäh beendete das Coronavirus die Euphorie

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„Retten um jeden Preis“ lautete die Devise des Papstes. Als die Rumänen die Juden zumindest nicht in die von den Deutschen besetzten Gebiete, sondern in das eher unwirtliche Transnistrien deportierten, bemühte sich der Nuntius mehrfach erfolgreich, zumindest jüdische Waisenkinder nach Palästina zu bringen. Im Süden Frankreichs hatten Katholiken tausende Kinder deportierter Juden versteckt, die, als die Deutschen auch dort die Kontrolle übernahmen, außer Landes gebracht werden sollten. Über die Nuntiatur in Bern gelang es, 3.000 Visa für die USA, Kanada und die Dominikanische Republik zu bekommen.
Ein anderes Mal, als Ende 1943 216 Juden mit südamerikanischen Pässen, die ihnen der Vatikan besorgt hatte, im Lager Vittel festgehalten wurden und nach Osten deportiert werden sollten, wurde der Nuntius bei zwölf Botschaftern vorstellig – alle erteilten ihm eine Absage. Dann traf die Antwort der Amerikaner ein: „Die Regierung der Vereinigten Staaten schätzt die humanitären Aktivitäten des Heiligen Stuhls in dieser Sache… hat aber die lateinamerikanischen Staaten angewiesen, dass man nicht von ihnen erwartet, dass sie diesem Gesuch nachkommen.“ Lediglich Brasilien nahm eine dreiköpfige jüdische Familie auf. Die restlichen 213 Juden wurden am 28. Juli 1944 nach Auschwitz geschickt.

Am Freitag endete unsere Euphorie über die gerade gehobenen Schätze. Am Tag zuvor hatte die medizinische Versorgungsstelle des Vatikans ihren ersten Corona-Fall gemeldet. Kein Vatikanmitarbeiter, kein Römer, wohl ein Tourist oder Obdachloser. Die Sorge war spürbar, schon als ich im Konsultationssaal meine gerade bestellten Ordner abholen wollte. Plötzlich trugen die Archivmitarbeiter Gummihandschuhe, eine Historikerin einen Mundschutz. Dann lag ein Stapel Kopien auf dem Tisch: „Aufgrund der momentanen epidemiologischen Situation in Italien und dem Vatikanstaat und um das Risiko einer Verbreitung von COVID-19 zu reduzieren, sind die Apostolischen Archive vom 9. bis 13. März geschlossen.“

Es ist davon auszugehen, dass diese Schließung bis mindestens Anfang April andauern wird. Mir blieb nichts anderes übrig, als meinen Rückflug zu buchen. Ich weiß, dass ich bislang nur ein paar Schneeflocken auf der Spitze eines Eisberges entdecken durfte.

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