Hermann Glettler: "Den Herzschlag des  Evangeliums spüren"

Wie der Bischof von Innsbruck, Hermann Glettler, Menschen neugierig auf das Evangelium machen und die Zukunft der Kirche vorbereiten will.
Glaubt man der Tauf-Statistik, ist Österreich weiterhin ein christliches Land.
Foto: Adobe Stock | Glaubt man der Tauf-Statistik, ist Österreich weiterhin ein christliches Land. Vielerorts wird jedoch seit langem "sakramentalisiert ohne zu evangelisieren". 

In der Kirche Österreichs nimmt alles ab: Gottesdienstbesucher, Gläubige, Berufungen. Nur die Finanzen scheinen noch halbwegs stabil. Was lief falsch?

Tatsächlich schmerzt das Weniger in so vielen Bereichen. Frust und Resignation sind vielerorts die Folgen. Der volkskirchliche Glaube schmilzt dahin, vergleichbar mit den Tiroler Gletschern. Was ist falsch gelaufen? Diese Frage verleitet leider zu einer gefährlichen Verklärung der Vergangenheit oder zum Lamentieren: Alles wird weniger! Etwas trotzig geantwortet: Ja, und? Im Heute unserer pluralen Gesellschaft braucht uns Gott! Die Suche nach dem, was falschlief, führt nicht selten zum Benennen von Schuldigen. Kirchendiskussionen dieser Art saugen viel Energie ab. Neben den beklagenswerten Verlusten bemerke ich eine neue Nachdenklichkeit. Seelsorge hat einen wichtigen Stellenwert bekommen. Vielen ist klar geworden, dass wir viel verwundbarer sind, als wir uns eingebildet haben. Übersehen wir bitte nicht, dass es neben der Kirchenkrise viele andere Erschütterungen in unserer säkularen Gesellschaft gibt.

"Vielleicht sind wir selbst viel gottloser,
als wir denken."

Europa ist der einzige radikal säkularisierte Kontinent, während die Welt weiter religiös tickt. Die Weltkirche wächst, aber in Europa schrumpft sie. Warum?

Von der Weltkirche können wir einiges an Frische und Authentizität lernen. Aber nicht alles, was religiös tickt, ist mir sympathisch. In den USA gibt es eine religiöse, fast messianische Aufladung der Politik, um nur ein problematisches Beispiel zu nennen. In unserer Kultur tauchen die tiefen Fragen nicht selten im säkularen Kleid auf. Aber es stimmt, die explizite Frage nach Gott scheint versiegt zu sein. Vielleicht sind wir selbst viel gottloser, als wir denken. Wer lässt sich denn von Gott stören? Haben wir nicht unsere fertigen Rezepte und Antworten? Auch scheint mir die enorme Empörungsbereitschaft unserer Zeit ein Hinweis zu sein, dass etwas Wesentliches fehlt. Menschen sind mit sich und der Welt nicht im Frieden.

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Als karitative NGO wird die Kirche weiter geschätzt, aber Glaubenswissen und Glaubenspraxis sind geschmolzen. Haben wir die falschen Prioritäten gesetzt?

Vermutlich haben wir uns zu lange auf äußere Erscheinungsbilder verlassen, auf Traditionen, die innerlich schon hohl waren. Kardinal Suenens sagte warnend schon 1978, dass wir Menschen "sakramentalisieren ohne sie zu evangelisieren". Damit hat er einen wunden Punkt benannt, der heute noch aktuell ist. Nicht nur in der Hochblüte der Volkskirche wurde zu wenig auf die persönliche Aneignung des Glaubens geachtet. Christsein ist doch mehr als Brauchtum oder eine schöne Theorie zur Weltverbesserung. Irgendwann braucht es eine Entscheidung für Christus   sobald man von ihm ergriffen wurde. Dann erst beginnt eine ernsthafte Beziehung.

Die Kirche regt heute viele nicht mal mehr auf. Hat sie einfach an Relevanz verloren?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir uns selbst in ein Gartenzwerg-Format hineindebattieren. Zwischen einer grotesken Selbstüberschätzung und einem demütigen Selbstbewusstsein liegt eine ordentliche Spannbreite. Natürlich stimmt es, dass wir aktuell nicht der große gesellschaftliche Gestaltungsfaktor sind   aber Salz und Licht zu sein, geht nicht von Quantitäten aus. Wenn die Menschen den Herzschlag des Evangeliums spüren, werden sie neugierig. Woher bekommt eine säkulare Gesellschaft die nötige Zuversicht, um die anstehenden Probleme meistern zu können? Insofern ist jetzt eine gute Zeit für uns als Kirche. Voraussetzung ist, dass wir wieder hinausfahren in die Tiefe des Sees, so wie es Petrus auf das Wort Jesu hin gewagt hat.

 

Hermann Glettler
Foto: Picasa | Bischof Hermann Glettler, Diözesanbischof der Diözese Innsbruck im Gespräch mit der Tagespost.

 

Was ist dann prioritär: Bestandserhalt oder Neuevangelisierung?

Ich würde die beiden Aufträge nicht gegeneinander ausspielen. Es braucht beides. Tradition ist doch etwas Lebendiges. Alles so erhalten oder wiederherstellen zu wollen, wie es einmal war, kann ein Ausdruck von Unglauben sein. Man traut Gott nicht zu, dass er mit uns schöpferisch unterwegs ist. "Das Zelt weiten!" Dieses Motto gefällt mir. Es ist die Überschrift des Arbeitsdokuments zum Synodalen Prozess in der kontinentalen Phase. Niemand zwingt uns, die aktuelle Kirchenkrise krankhaft zu zelebrieren. Vielleicht sollten wir mit dem Geschenk des Glaubens kreativer, durchaus auch unternehmerischer umgehen   mehr ausprobieren, mehr riskieren. Entscheidend ist in unserer nervösen Zeit das persönliche Zeugnis von Menschen. Durch die aktuelle Krise hindurch können wir zu einer neuen, tieferen Spiritualität kommen.

Wie spiegelt sich diese Prioritätensetzung im Alltag des Bischofs von Innsbruck?

Das ist durchwachsen. In den vielen Begegnungen und Sitzungen versuche ich zu ermutigen. Visitationen in den Seelsorgeräumen lege ich so an, dass sie zu einem gemeinsamen, fast missionarischen Wochenende werden. Es geht mir darum, Gläubige und Pfarreien so zu stärken, dass sie ihre Mission vor Ort neu wahrnehmen können. Und wenn es nur ganz kleine Schritte sind, um von einer lähmenden Nostalgie oder Resignation wegzukommen. Als Bischof muss ich auch die innerkirchliche Bandbreite unterschiedlichster Positionen zusammenhalten. Das ist kein leichter Job! Pluralitätsfitness ist gefragt. Wir dürfen uns nicht gegenseitig das Katholisch-sein absprechen. Ein Ertrag unserer Ordinariats-Reform war die Einrichtung eines pastoralen Bereichs, der sich "Zukunft.glauben" nennt. In diesem Ressort geht es um Anleitungen zu einer missionarischen Pastoral, um Innovation, auch im Sinne einer pastoralen Werkstatt.

Droht nicht gerade in unserer Zeit die Pluralität zu einer Zerreißprobe zu werden, in der die Identität des Katholischen nicht mehr sichtbar ist?

Gott ist "für alle" Mensch geworden und "für alle" hat Jesus sein Leben gegeben. Dieser Grundimpuls des Katholischen ist universal. Das will ich entdecken helfen. Wir sind als Kirche nicht ein Verein unter anderen Vereinen oder spirituellen Clubs. Wir müssen das "für alle" leben, auch dort, wo die katholische Kirche eine kleine Minderheit ist: Räume öffnen für alle, durchaus sehr praktisch. Erneuerung und Identität finden wir nicht in der Abgrenzung, auch nicht in hohen Sicherheitszäunen der Rechtgläubigkeit. Identität entsteht durch Hingabe, durch ein großzügiges Dasein im konkreten Lebensumfeld und durch solidarisches Beten   das berührt die Herzen der Menschen. Wir sind als Kirche Teil einer universalen Weggemeinschaft. Gott liegt die ganze Menschheitsfamilie am Herzen!

Hat die Kirche als Glaubens- und Gebetsgemeinschaft nicht auch den Auftrag, allen Menschen Christus zu zeigen?

Selbstverständlich! Das geht aber nicht theoretisch, sondern durch Menschen, die in der Art Jesu leben, weil sie seine Botschaft ein wenig verstanden und seine Barmherzigkeit erfahren haben. Schöne Theorien werden die Welt nicht mehr bewegen. Dennoch braucht es auch Glaubenskurse, damit Menschen das Alphabet des christlichen Glaubens erlernen können und religiös wieder sprachfähig werden. Ich schätze den Alpha-Kurs, auch die "Wege erwachsenen Glaubens", wie sie Leo Tanner vorschlägt, um nur zwei Möglichkeiten zu nennen. Als Diözese Innsbruck haben wir uns für die nächsten fünf Jahre auf drei "pastorale Leitlinien" verständigt. Die erste lautet: Grundkurs Christentum. Da ist einiges zu tun.

"Strukturreformen schaffen Rahmenbedingungen,
können aber keinen Glauben aufwecken."

Ist unsere Kirchenstruktur dem noch angemessen?

Da gibt es einige Fragezeichen. Das territoriale Prinzip der Pfarrei würde ich grundsätzlich nicht aufgeben wollen. Aber wo die Grundvollzüge aus Personalmangel oder aufgrund fehlender Gläubiger nicht mehr möglich sind, muss man größere Einheiten schaffen. Alle Diözesen versuchen ihre eigenen Strukturanpassungen, mehr oder weniger erfolgreich. Klar ist, dass davon kein neues geistliches Leben zu erwarten ist. Vielerorts gibt es diesbezüglich Enttäuschungen. Strukturreformen schaffen Rahmenbedingungen, können aber keinen Glauben aufwecken. In Tirol halte ich an der Struktur von 70 Seelsorgeräumen fest, wie sie vor 15 Jahren beschlossen wurde. Selbst wenn Priester nicht mehr die Leitungsfunktion wahrnehmen können, möchte ich keine größeren Einheiten. Als Kuratoren dieser pastoralen Räume beauftrage ich in Zukunft dafür ausgebildete Laien.

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Ist das vom Kirchenrecht gedeckt?

Wir sollten diesbezüglich nicht zu ängstlich sein. Vieles geht in einer guten Zusammenarbeit. Geistlich zuständig für die einzelnen Pfarren bleibt ein Priester. Aber die Gesamtkoordination der pastoralen Einheit   mit allem, was dies an Organisation, Kommunikation, Team- und Personalführung bedeutet   können Frauen und Männer im pastoralen Dienst übernehmen. Wichtig ist, dass wir, ob Laien oder Priester, Menschen geistlich befähigen, damit sie zu Seelsorgenden werden. Mit diesem Ziel haben wir in der Diözese Innsbruck mit kleinen "Weggemeinschaften" begonnen. Das sind Gruppen vor Ort, die sich vierzehntägig zum Lesen des Evangeliums, zum Fürbittgebet und zur Ermutigung für ein soziales Engagement treffen.

Mancherorts gibt es Wortgottesdienste statt Eucharistiefeiern am Sonntag. Gewöhnen wir so den letzten Gläubigen die Eucharistie ab?

Weltweit gesehen ist die sonntägliche Eucharistiefeier nicht selbstverständlich. In vielen Diözesen des globalen Südens kommt der Priester oft nur einmal im Monat, aber diese Messe ist dann ein großes Fest. Die Idealform für den sonntäglichen Gottesdienst bleibt die Eucharistiefeier, dazu stehe ich. Je nach geografischer Gegebenheit kann es dennoch wichtig sein, dass sich eine Gemeinde am Sonntag zu einer Wortgottesfeier versammelt. Ebenso sinnvoll kann es sein, dass sich eine kleine Pfarrei unter der Woche zu ihrem spezifischen Gemeindegottesdienst trifft und sich am Sonntag einer größeren Gemeinschaft für die Eucharistiefeier anschließt. Entscheidend ist die geistliche Verbundenheit   und Christus, die Mitte.

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