IM BLICKPUNKT

Freudig, gläubig, missionarisch

Wer lernt, überlebt: Was die Kirche in Deutschland vom Weltfamilientreffen mitnehmen sollte.
Papst Franziskus
Foto: IMAGO/Grzegorz Galazka (www.imago-images.de) | Papst Franziskus beim Weltfamilientreffen in Rom.

Wer aus mittlerweile dreijährigen ermüdenden Reformdiskussionen in Deutschland in der letzten Woche nach Rom gekommen ist, musste unwillkürlich aufhorchen: Beim X. Weltfamilientreffen waren so ganz andere Töne zu hören. Auch wenn Familien in anderen Teilen der Erde vor nicht minder großen Herausforderungen stehen als in Deutschland, so überwogen hier die Stimmen, die Ehe und Familie nicht als Problemfeld, sondern als Quelle der Freude und Weg zur Heiligkeit betrachteten.

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Unverkürzte Katechese

Das Weltfamilientreffen lebte von Ehepaaren und Familien aus allen Ecken und Enden der Erde, die Zeugnis dafür gaben, dass christliche Ehe und Familie kein Ideal für den „heiligen Rest“ sind. Im Gegenteil, hier sprachen eben keine „Modellfamilien“, sondern Menschen, die mit Ehekrisen, Krankheit, Verlust, Trennung und Schuld umgehen und die aus Gottes Gegenwart in ihrer Ehe die Kraft ziehen, all dies zu bewältigen. Perfekte Familien gibt es nicht, dafür aber Menschen, die ihren Weg ganz bewusst mit Gott gehen und dabei in der christlichen Sicht auf Ehe und Familie eine Leitplanke finden, die sie zu Freude und Erfüllung führt.

Auch angesichts wachsender Kirchenaustrittszahlen täte die Kirche in Deutschland gut daran, die ein oder andere Lehre aus den weltkirchlichen Erfahrungen zu ziehen: Die christliche Lehre zu Ehe und Familie müsse wieder mehr als Schatz wahrgenommen werden, meint auch der deutsche „Familienbischof“ Heiner Koch aus Berlin (Interview S. 26). Dazu müssten die in der Verkündigung Tätigen allerdings erst selbst wieder zu der Überzeugung gelangen, dass die christliche Ehelehre keine Gängelung, sondern ein gehbarer Weg zu einer erfüllten Beziehung ist. Da hilft nur eins: unverkürzte Katechese und Zeugnis durch Menschen, die dies am eigenen Leib erfahren haben.

Missionarische Familie

Es ist an der Zeit, den Spalt, der sich seit einigen Jahren zwischen einer angeblich lebensfernen Lehre und einer lebensnahen Pastoral aufgetan zu haben scheint, wieder zu schließen. Die kirchliche Lehre ist kein kratziges Gängelband, welches durch eine „barmherzige“ Pastoral außer Kraft gesetzt wird. Beide gehören untrennbar zusammen. Die christliche Sicht auf Ehe und Familie entspricht dem Menschen zutiefst und kann ihn daher zu irdischem Glück und zur Heiligkeit führen.

Das haben weltweit die Personen und Organisationen verstanden, die in großer Offenheit Menschen ausgehend von ihrer jeweiligen Lebenssituation abholen und zu dem Schatz begleiten, den christliche Ehe und Familie bereithalten. Das tun sie nicht durch verbotslastigen Proselytismus, sondern durch das, was Familien am besten können: bedingungslose Annahme, zärtliche Liebe und freudige Gemeinschaft. Allein durch ihr Beispiel wirken Familien missionarisch.

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Und schließlich bot das Weltfamilientreffen ein gutes Beispiel in Sachen Synodalität: Für wen Synodalität im Vorbringen von immer neuen Forderungen besteht, musste enttäuscht werden. Von einer in deutschen Gefilden vielbeschworenen „Weiterentwicklung der Lehre“ war in Rom nichts zu spüren. Das scheint nicht das zu sein, was Familien erwarten und brauchen.

Nötige Hilfe

Stattdessen wünschen sie sich auf der ganzen Welt konkrete Hilfe und Begleitung zu einer gelingenden Ehe und Familie. Wenn richtig verstandene Synodalität das aufeinander Hören aller Glieder der Kirche ist, dann sollten die deutschen Bischöfe dringend in Ehevorbereitung und -begleitung investieren. Auch die Familienpastoral selbst ist ein Ort gelebter Synodalität, an dem Priester und Ehepaare komplementär und in gemeinsamer Verantwortung Familien dienen.

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