Missbrauch

Chronik eines Skandals

Die Enthüllungen um den emeritierten Bischof von Créteil münden in einem neuerlichen kommunikativen Desaster für die französischen Bischöfe.
Bischof Michel Santier
Foto: Artur Widak via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Gegen den emeritierten Bischof Michel Santier hatte die Glaubenskongregation im Oktober 2021 Sanktionen wegen geistlichen Missbrauchs zu sexuellen Zwecken verhängt.

Der emeritierte Bischof von Créteil, Michel Santier, ist 2021 von der Glaubenskongregation aufgrund geistlichen Missbrauchs zu sexuellen Zwecken zu einem Leben in Gebet und Buße verurteilt worden.
Das enthüllte die katholische Wochenzeitschrift „Famille Chrétienne“ am 14. Oktober vor den Augen einer entsetzten katholischen Öffentlichkeit. Fast punktgenau ein Jahr nach der Veröffentlichung des CIASE-Berichts über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Frankreichs stellen diese Neuigkeiten die Fähigkeit der Bischöfe zu Transparenz und konsequentem Opferschutz ernsthaft in Frage.

Opfer sagen aus

2019 meldeten sich zwei Betroffene bei den kirchlichen Autoritäten, die als junge Erwachsene in den 90er Jahren Opfer von Michel Santier geworden waren. Damals leitete der heute 75-jährige als Priester im Bistum Coutances eine Glaubensschule für junge Menschen von 18 bis 30 Jahren. Die Betroffenen gaben an, im Rahmen der Beichte vor dem Tabernakel von Santier dazu gebracht worden zu sein, sich auszuziehen. Eine Strafanzeige wollten die Betroffenen nicht stellen.

Gegenüber dem damaligen Pariser Erzbischof Aupetit – Créteil gehört zur Kirchenprovinz Paris – gestand Santier die Taten. Nachdem Aupetit im Dezember 2019 die Glaubenskongregation einschaltet hatte, nahm Papst Franziskus im Januar 2021 das Rücktrittsgesuch Bischof Santiers an. Im Abschiedsbrief an sein Bistum gab Santier als Grund seines Rücktritts lediglich seinen Gesundheitszustand und „weitere Schwierigkeiten“ an.

Der wahre Grund für Santiers Rücktritt

Die disziplinarischen Maßnahmen der Glaubenskongregation wurden ihm im Oktober desselben Jahres übermittelt. Seitdem lebt er in einem Frauenkloster im Bistum Coutances als Seelsorger der Schwesterngemeinschaft. Erst durch den Bericht von „Famille Chrétienne“ vom 14. Oktober erfuhr die Öffentlichkeit den tatsächlichen Grund für Santiers Rücktritt.

Die Bischöfe der betroffenen Diözesen – Santiers Heimatdiözese Coutances, das Bistum Luçon, das Santier von 2001 bis 2007 leitete, sowie seine letzte Diözese Créteil – wandten sich unmittelbar im Anschluss an ihre Gläubigen und bestätigten die Tatsachen. Auch riefen sie weitere mögliche Betroffene auf, sich an kirchliche Stellen zu wenden.

Weitere Sanktionen für Santier

Es sollte noch eine Woche vergehen, bevor das Präsidium der Bischofskonferenz mit einer Mitteilung an die Öffentlichkeit ging. Zuvor gab Erzbischof Dominique Lebrun von Rouen bekannt, dass er am 19. Oktober die Glaubenskongregation über fünf weitere Betroffene informiert hat. Diese hatten sich auf die Zeitungsberichte hin bei kirchlichen Anlaufstellen für Betroffene gemeldet.

Lebrun ist Metropolit der Kirchenprovinz, zu der auch Coutances gehört. Er werde die Staatsanwaltschaft informieren, habe Santier bereits über das neue Verfahren in Kenntnis gesetzt und ihn gebeten, sich an der Wahrheitsfindung zu beteiligen, so der Oberhirte von Rouen in seiner Mitteilung. Auch die Sanktionen gegen den emeritierten Bischof wurden angezogen: Seit dem 21. Oktober darf Michel Santier weder öffentliche Messen halten noch Beichte hören.

Ebenfalls in der Kritk: Santiers Nachfolger

Seit einigen Tagen steht Santiers Nachfolger als Bischof von Créteil, Dominique Blanchet, besonders in der Kritik. Der Vizepräsident der französischen Bischofskonferenz hatte im April dieses Jahres im vollen Wissen um die – der Öffentlichkeit unbekannten – Sanktionen gegen Santier diesen bei der jährlichen Chrisammesse seiner Diözese konzelebrieren lassen.

Dies wurde am 20. Oktober bekannt. In einem erneuten Schreiben an sein Bistum bezeichnete Blanchet diese Entscheidung als „Fehlurteil“ und bat die Gläubigen um Verzeihung. Bei Gläubigen und Beobachtern stößt übel auf, dass Blanchet noch am 14. Oktober gegenüber „Famille Chrétienne“ verkündet hatte, es könne keine Ausnahme von der Forderung nach Wahrheit und Gerechtigkeit geben.

Die Bischofskonferenz wird den „Fall Santier“ erörtern

Erst am letzten Freitag wandte sich der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Eric de Moulins-Beaufort, an die Gläubigen Frankreichs. „Das Gefühl des Verrats und die Versuchung, den Mut zu verlieren, sind alles Emotionen, die ich verstehe und die wir durchlaufen (…). Ich höre und erhalte auch die Kritik, dass die römischen Maßnahmen nicht kommuniziert wurden, als sie erlassen wurden“, betonte der Erzbischof von Reims, ohne dabei die Gründe zu beleuchten, die die Bischöfe zum Schweigen über die Hintergründe von Santiers Rücktritt veranlasst hatten.

Er höre auch die Forderung nach mehr Klarheit über kirchenrechtliche Verfahren und ihre Folgen und kündigte an, dass der Fall Santier auf der kommenden Vollversammlung der französischen Bischöfe thematisiert werde. Die Vollversammlung findet vom 3. bis zum 8. November in Lourdes statt, zum ersten Mal unter Ausschluss von Journalisten, für die es eine abschließende Pressekonferenz geben wird.

Täuschungsmanöver von Bischof Blanchet

Der Vatikan- und Kirchenexperte Jean-Marie Guénois vom „Figaro“ moniert, dass das Täuschungsmanöver von Bischof Blanchet bei der letzten Chrisammesse in der Erklärung der Bischofskonferenz mit keinem Wort Erwähnung findet: „Dies deutet darauf hin, dass der französische Episkopat auf höchster Ebene ein solches Vertuschungsverhalten als harmlos erachtet und nicht einmal die Möglichkeit in Betracht zieht, dass der Betreffende von seinem Amt als Vizepräsident der Bischofskonferenz zurücktreten könnte.“

Aus den Reihen von Gläubigen und Priestern hagelt es seit zwei Wochen Kritik an dem Schweigen der Bischöfe, das gerade von Seiten Betroffener sexuellen Missbrauchs durch Kleriker als Verrat wahrgenommen wird. Die ungeschickte, späte und unvollständige Kommunikation der Bischöfe sorgt für weiteren Vertrauensverlust, wie die große Zahl von Reaktionen in sozialen Medien und Kommentarspalten zeigt. Das Betroffenenkollektiv „Foi et Résilience“ wirft den Bischöfen in einem Gastbeitrag für „La Croix“ vor, die Dimension des geistlichen Missbrauchs, auch an Erwachsenen, bis heute zu unterschätzen.

"Sakramente, die er entweiht hat"

Auch sei ein Frauenkloster nicht der richtige Ort für einen Täter, seine Strafe abzusitzen: „Wenn sich unter den Ordensschwestern eine Betroffene sexuellen Missbrauchs befindet, wie soll sie damit umgehen?“ Die Betroffenen bringen ihr Unverständnis zum Ausdruck, warum Santier „die Sakramente, die er entweiht hat, weiterhin öffentlich zelebrieren darf“. Ein weiteres Kollektiv moniert, dass bereits 2019 ein Aufruf an mögliche weitere Betroffene hätte erfolgen müssen und nicht erst zum jetzigen Zeitpunkt.

Für Cédric Burgun, Vizedekan der Fakultät für Kirchenrecht am Institut Catholique de Paris wirft der Fall die Frage nach der Nichtöffentlichkeit kirchlicher Disziplinarmaßnahmen auf. „Kirchliche Verfahren im weiteren Sinne sind oftmals Gegenstand einer gewissen Undurchsichtigkeit, die von den Gläubigen und der Welt heute nicht mehr verstanden wird“, so der Kirchenjurist.

Schweigen vermeidet keine Skandale

Im Gespräch mit dem Onlineportal „Aleteia“ ist Patrick Valdrini, Kirchenrechtler an der Päpstlichen Lateranuniversität, der gleichen Ansicht: Auch wenn es gute Gründe dafür geben könne, zu schweigen, um einen Skandal zu vermeiden, „so führt der Versuch, einen Skandal zu vermeiden, indem man Dinge verheimlicht, in unserer zeitgenössischen Kultur  zu einem noch größeren und nicht zu rechtfertigenden Skandal“, so Valdrini.

In einer anonymen Befragung der katholischen Tageszeitung „La Croix“ gaben mehrere Bischöfe an, genauso wenig von den Sanktionen gegen Santier gewusst zu haben wie die Gläubigen. Gleichzeitig sagte ein Bischof aus, im Rahmen der Vollversammung der Bischöfe nach Veröffentlichung des CIASE-Berichts sei der Name Santiers mit zwei weiteren Namen von emeritierten Bischöfen gefallen – ein Hinweis darauf, dass dies nicht der letzte Skandal in der Kirche Frankreichs gewesen sein dürfe.

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