Porträt der Woche

Ein Kardinal mit Sant'Egidio im Rücken

Sehr papabile und sehr bescheiden. Kardinal Zuppi ist einer der aussichtsreichsten Kandidaten der nächsten Papstwahl. Ein Straßenpriester im Purpur der Kardinäle.
Matteo Zuppi
Foto: Cristian Gennari (Romano Siciliani) | Kardinal Matteo Zuppi ist Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz und ausgesprochen papabile.

Als Achtzehnjähriger hat der 1955 geborene Matteo Maria Zuppi den Sant'Egidio-Gründer Andrea Riccardi kennengelernt. Er blieb ihm und dessen Gemeinschaft treu, arbeitete mit seinen geistlichen Freunden unter Ausgegrenzten und in den sozialen Brennpunkten der römischen „borgate“, auch als er in das Priesterseminar von Palestrina eintrat und Priester wurde.

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Zuständig für Hot spots

Als einer der Weihbischöfe von Rom war er für zwei „hot spots“ zuständig: Das Zentrum von Sant'Egidio in Trastevere und die dem alten Messritus folgende Gemeinde von Santissima Trinità dei Pellegrini in der Nähe des Campo de‘ Fiori. Er war – noch als Generalassistent von Sant‘Egidio – beteiligt an den Friedensverhandlungen, mit denen die Gemeinschaft 2012 den achtzehnjährigen Bürgerkrieg in Mozambique beenden konnte.

Nach der Ernennung durch Benedikt XVI. zum Bischof legte ihm unter anderen sein Freund und Sant'Egidio-Gefährte Vincenzo Paglia die Hände auf. Franziskus machte Zuppi, den Mann der Orthopraxie, im Oktober 2015 zum Nachfolger des Gralshüters der Orthodoxie, Kardinal Carlo Caffarra, als Erzbischof von Bologna und lieferte das Kardinalsbirett (keine Selbstverständlichkeit mehr für Italiens traditionsreiche Erzdiözesen) im Konsistorium Oktober 2019 nach. Als Titelkirche nahm Zuppi die Kirche Sant?gidio in Trastevere „in Besitz“.

Ein Straßenpriester als Konferenzvorsitzender

Als jetzt der Stuhl des Vorsitzenden der Italienischen Bischofskonferenz frei wurde – der achtzigjährige Gualtiero Bassetti verabschiedete sich in den Ruhestand –, wählte Papst Franziskus Zuppi aus einer Terna von drei Kandidaten aus, die ihm die Vollversammlung der Bischöfe vorgelegt hatte. Neben Zuppi hatten die Kardinäle Augusto Lojudice, Erzbischof von Siena, und Angelo De Donatis, Vikar des Papstes für die Diözese Rom, gestanden.

Doch Zuppi schien dem Papst das richtige Gesicht zu sein, um eine Aufgabe anzupacken, die nun unweigerlich auf die Kirche Italiens zukommt: die Aufarbeitung von Missbrauchsvergehen durch Kleriker in den zurückliegenden Jahrzehnten. Das Medienecho nach der Kür Zuppis drehten sich fast nur um dieses Thema.

Der Kandidat

Und eine weitere Last wird Zuppi zu tragen haben: als aussichtsreicher Kandidat für das Papstamt in ein kommendes Konklave zu ziehen. In seinem ersten Statement nach der Wahl nannte er nur drei Stichworte als Programm: Gehorsam zum Primat, Kollegialität und Synodalität. Man wird es dem rechtschaffenen Mann glauben dürfen: Er wollte weder Präsident der Bischofskonferenz werden, noch strebt er das Papstamt an. Aber er hat die derzeit mächtigste innerkirchliche Lobby im Rücken: die Gemeinschaft Sant'Egidio.

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