Pater Ignacio María Doñoro de los Ríos widmet sein Leben den Schwächsten. 1964 wurde der Geistliche im nordspanischen Bilbao geboren; 1989 empfing er die Priesterweihe. Nach Stationen als Pfarrer in der Diözese Cuenca und als Militärkaplan bei humanitären Einsätzen der spanischen Armee in Bosnien und im Kosovo wurde für ihn ein Erlebnis im Jahr 2002 zum Wendepunkt: In El Salvador begegnete er einem Jungen, der für den Organhandel verkauft worden war. Unter Gefahr für das eigene Leben gelang es ihm, das Kind zu retten. Von da an wusste er, dass sein Weg dem Kampf gegen den Kinderhandel gehören würde.
Aus dieser Berufung heraus entstand Jahre später das „Hogar Nazaret“ (Heim Nazareth) im peruanischen Amazonasgebiet. Im Gespräch mit der „Tagespost“ beschreibt Pater Ignacio die Initiative nicht als Ergebnis einer persönlichen Strategie, sondern als Antwort auf einen geistlichen Ruf: „Es war nicht meine Idee, sondern die Gottes. Ich bin nicht der Protagonist, sondern ein privilegierter Zuschauer. Ich bin nur ein zutiefst verliebter Priester, und wenn man so ist, möchte man nur noch dem Geliebten gefallen.“
Kindern die gestohlene Kindheit zurückgeben
2011 gründete er das Heim Nazareth in der Prälatur von Moyobamba in der Region San Martín in Peru. Dass er gerade dorthin ging, versteht er als einen „Ruf innerhalb des Rufes“. Das Heim sei daher kein Projekt, das „nach menschlicher Logik erdacht wurde“, sondern eine Antwort auf das Evangelium und auf Jesu Wort: „Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran.“
Kinder und Jugendliche aus größter Gefährdung zu retten, bedeutet für Pater Ignacio weit mehr, als sie aus einem bedrohlichen Umfeld herauszuholen. Es gehe darum, ihnen Rechte zurückzugeben, die man ihnen genommen habe – und ihnen „die gestohlene Kindheit zurückzugeben“.
Das Heim Nazareth versteht er deshalb als „ein Werk der Barmherzigkeit der Kirche“: als ein Haus der Rettung, in dem Kinder ihre Würde neu entdecken dürfen. Dort sollen sie lernen, die Welt ohne Angst zu betrachten und zu begreifen, dass sie „einzigartig, unentbehrlich und notwendig“ sind. Ein Satz wird im Heim immer wieder wiederholt: „Wir können nicht, aber Gott kann alles.“
Kinder erfahren, dass sie Liebe nicht verdienen müssen
Heute ist das Heim Nazareth für Hunderte Minderjährige ein Zuhause. Mehr als 2500 Kinder seien dort im Laufe der Jahre bereits aufgenommen worden; derzeit lebten in den beiden großen Zentren 277 Minderjährige, sagt er. Entscheidend ist für Pater Ignacio, dass das Heim weder NGO noch philanthropischer Betrieb ist. Das Erste, was die Kinder dort erhalten, sei ein Zuhause – und damit „etwas viel Tieferes als ein Dach über dem Kopf“. Sie sollen erfahren, dass sie angenommen sind, wie sie sind, und dass sie sich Liebe nicht verdienen müssen.
Neben materieller Versorgung geht es deshalb vor allem um die Heilung tiefer emotionaler und geistlicher Wunden. Viele Kinder kämen mit der inneren Überzeugung an, nichts wert zu sein, zu stören oder im Weg zu stehen. Im Heim Nazareth sollen sie lernen, sich als geliebte Kinder Gottes zu begreifen.
Pater Ignacio hebt hervor, dass die Kinder im Heim nicht darauf vorbereitet würden, irgendwann einmal glücklich zu sein, sondern darauf, „heute glücklich“ zu sein. Kinder seien nicht in erster Linie die Zukunft, sondern „die Gegenwart voller Zukunft“. Daraus folgt eine Pädagogik, die jedem Kind entsprechend seinem Alter und seiner Reife Verantwortung überträgt, seine Wünsche, Gedanken und Träume ernst nimmt und es befähigt, eigene Entscheidungen zu treffen.
So sollen die jungen Menschen zu freien und verantwortungsbewussten Persönlichkeiten heranwachsen. Auch mit der Volljährigkeit endet die Zugehörigkeit nicht. „Im Heim gibt es kein ‚Gehen‘; es ist für immer ihr Zuhause“, sagt Pater Ignacio, auch wenn viele junge Erwachsene später ein Universitätsstudium aufnehmen oder in eine Arbeit vermittelt werden, „die sich jeder Vater für seine Kinder wünscht“.
Leben aus der Vorsehung
Auch die Finanzierung des Werkes beschreibt er aus dem Geist des Vertrauens. Es gebe keine NGO im Hintergrund, keine staatlichen Zuschüsse; auch die Ortskirche sei zu arm, um helfen zu können. Wie sich das Werk dennoch trage? Pater Ignacio antwortet schlicht: „Nie hat uns die Vorsehung im Stich gelassen.“ Er habe Gott nur „meine fünf Brote und zwei Fische“ geben müssen, alles andere habe Gott getan. Für Außenstehende möge das wie Übertreibung klingen, räumt er ein. Für ihn aber sei dieses Vertrauen keine Floskel, sondern Lebensform. Immer wieder habe sich gezeigt, dass im entscheidenden Moment genau das gekommen sei, was gebraucht wurde. „Ich muss Gott nur sagen, was ich brauche.“
Derzeit ist das Heim Nazareth in drei einander ergänzenden Gebäuden in der Region San Martín organisiert. In Bellavista befinden sich das Mädchenhaus, die Schule „Nuestra Señora del Rocío“, ein medizinisches Zentrum mit besonderer Betreuung für gefährdete Mütter sowie zwei Wohnheime für Universitätsstudenten. In Carhuapoma gibt es das Haus für Jungen, eine weitere Schule, einen ökologischen Garten und eine Fußballschule. Dort wird zudem eine technische und landwirtschaftliche Ausbildung angeboten, die den Jungen neben dem Schulabschluss auch einen qualifizierten beruflichen Weg eröffnet.
Hinzu kommt ein landwirtschaftlicher Betrieb in José Pardo mit 70 Hektar. Dort werden unter anderem Mais, Reis, Zitrusfrüchte, Maniok, Kochbananen und Papaya angebaut; außerdem werden Rinder, Geflügel und Fische gehalten. So stärkt das Werk nicht nur die Ernährungssicherheit, sondern auch seine wirtschaftliche Tragfähigkeit. In den Worten seines Gründers erscheint das Heim Nazareth damit als weit mehr als eine soziale Einrichtung. Es ist Familie, Ort wiedergewonnener Würde und gelebter Ausdruck christlicher Barmherzigkeit. Oder, wie Pater Ignacio selbst sagt: „Das Werk gehört Ihm. Wir machen weiter, nicht weil es menschliche Sicherheiten gibt, sondern aus absolutem Vertrauen.“
Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin.
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