Mein Leben mit Gott

„Du bist ja katholisch...“

Katholiken in der Diaspora haben ein anderes Bewusstsein für ihren Glauben. Von der katholischen Außenseiterin im niedersächsischen Oldenburg zur Theologin in Heiligenkreuz wieder zurück in die Diaspora.
Annalena Stricker
Foto: Privat | Annalena Stricker lebt aus Überzeugung in der Diaspora.

Sag mal, du bist doch katholisch…“ Das ist meistens das Ende jeder Party, auf die ich eingeladen bin. Entweder werden alle still und hören zu, was ich nun auf die prekären Fragen antworte – oder den Leuten wird es zu religiös und sie wenden sich anderen Dingen zu. Sie genehmigen sich noch ein Häppchen oder Gläschen und lassen mich zurück. Ich sitze dann da, für gewöhnlich mit jemandem, den ich noch nie zuvor getroffen habe. Ich hatte heute nicht vor, mich über Abtreibung, Frauenpriestertum und Kreuzzüge zu unterhalten. Aber so kommt es dann doch.

Aus der Diaspora

So ist das, wenn man in der Diaspora als Exotenkatholikin aufwächst. Ich komme aus Oldenburg in Niedersachsen. Doch ich hatte das große Glück, dass meine Eltern aus dem tiefkatholischen Cloppenburger Raum kommen. Denn so wurde ich am 18. März 1990 katholisch getauft. Wissen Sie, wann Sie getauft wurden? Wenn nicht, legen Sie die Zeitung beiseite, schauen Sie nach und tragen sich diesen Tag in Ihren Kalender ein.

Mein Opa, Gott hab ihn selig, hat immer gesagt: „Geburtstag hat jede Kuh im Stall. Aber Namenstag haben nur wir Katholiken.“ Den Namenstag haben die meisten noch auf dem Schirm, aber den Tauftag?

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Ich besuchte einen katholischen Kindergarten, eine katholische Grundschule und dann eine katholische Realschule: Im evangelischen Oldenburg die einzigen Orte, an denen es völlig normal war, katholisch zu sein.

Theologie studieren

Nach Exerzitien und der Lektüre von Joseph Ratzingers Jesusbuch, war mir klar: Ich muss Theologie studieren. Doch dazu braucht man das Abitur. Der Weg zum katholischen Gymnasium war also vorgezeichnet, und die hätten mich auch genommen. Aber ich wollte nur das Abi machen und studieren, wenn Gott es wirklich wollte. Also suchte ich mir eines der schwierigsten Gymnasien meiner Stadt aus, ein staatliches, – rückblickend übrigens finde ich diese Entscheidung völlig verrückt – und schrieb meine Bewerbung. Sie haben mich angenommen. Jubelrufe!

Zurück zur Party. Nun war ich also ein Exot und somit zuständig für alle moralischen und theologischen Fragen. Egal, ob auf dem Schulhof in der Pause für die Mitschüler, im Unterricht für die Lehrer oder von mir aus auch für den Hausmeister. Auf solchen Partys mit Cocktail in der Hand und Musik im Hintergrund, die keiner von uns zu Hause hört, ging es darum, wohin es nach dem Abi geht. Das war wichtiger als das Studienfach. Mit letzterem konnte ich aber auch nicht gerade Eindruck schinden. „Ich gehe nach Österreich.“ „Oh, Wien!“, schallte es zurück. Wenn ich dann erklärte, dass ich in den Wienerwald gehe, um in einem Dorf bei Mönchen zu studieren, hatten wir dasselbe Szenario wie eben. Neues Häppchen holen und Glas auffüllen gehen.

"Elf Jahre lang war ich in Österreich liturgisch verwöhnt worden:
Nun ist es an der Zeit zu geben statt zu nehmen."

Jahre in Heiligenkreuz

Wir können die Geschichte abkürzen: Ich studierte in Heiligenkreuz Theologie und wurde Religionslehrerin. Ganze elf Jahre habe ich dort verbracht und es nie bereut. Mittlerweile lebe ich im schönen, grünen Thüringen, und, weil das mit den Studienabschlüssen und deren Anerkennung immer so eine Sache ist, kann ich hier keine Religionslehrerin sein. Und, wie damals in Oldenburg, bin ich wieder die Quotenkatholikin, wohin ich auch gehe.

Wir Katholiken neigen oft dazu, dorthin zu gehen, wo es schon viele von uns gibt. Da kann man sich aussuchen, in welche Messe man geht, und man hat seinen Lieblingspriester. Wenn man hingegen in der Diaspora lebt, muss man dankbar sein, dass man überhaupt eine Messe bekommt, dass einen der Priester nicht schief anschaut, wenn man beichten möchte, und Anbetungsstunden sucht man oft vergeblich. Aber genau hier gehören wir hin! Zumindest spürte ich in mir diesen Auftrag. Elf Jahre lang war ich in Österreich liturgisch verwöhnt worden: Nun ist es an der Zeit zu geben statt zu nehmen. Heute bin ich in einer kleinen Pfarre und habe einen engagierten Priester gefunden. Gemeinsam geben wir Glaubenskurse für Erwachsene, die sich taufen lassen möchten. Also irgendwie bin ich doch wieder Religionslehrerin – nur eben ohne Gehalt und ein bisschen anders. Ich kann auch verraten, dass mein Gebetsleben hier viel besser ist und auch die Motivation, in die Messe zu gehen, ist viel größer: Ich bin halt ein richtiges Diasporakind, und unter diesen Bedingungen blühen wir auf!

Den Glauben bei Mama gelernt

Egal, wohin ich gehe, bin ich die einzige Vertreterin der Kirche, die etwas Gutes über sie zu sagen hat. Dem können wir schon aus dem Weg gehen, weil es uns unangenehm ist – oder aber wir nutzen es als Marktvorteil. Letzteres ist, denke ich, unsere Aufgabe. Wenn man permanent Ansprechpartner für die Menschen sein muss, die gar keiner Kirche angehören, dann bleibt man auf Trab; weiß zu schätzen, was man hat. Ich freue mich auch wieder wie ein Schneekönig über jedes Marienlied, das während der Messe gesungen wird, und über jedes schöne Messgewand, das der Pfarrer trägt.

Und wenn ich mal Kinder habe, dann mache ich es so wie meine Mama. Meinen Glauben habe ich nämlich nicht in der Schule oder in der Pfarre gelernt. Meine Mama ist mit mir zur Muttergottes gegangen und hat Kerzen angezündet. Sie hat mir Marienlieder vorgesungen, wenn ich krank war. Meine Eltern lehrten mich das Beten und korrigierten das, was mir Tischmütter im Erstkommunionsunterricht falsch beibrachten. Ich lernte damit umzugehen, dass nicht überall katholisch drin ist, wo katholisch draufsteht: Das war später sehr nützlich.

Suche nach Wissen

Glaubenswissen wurde mir nicht hinterhergeworfen. Ich musste mich auf die Suche begeben, und das bedeutete immer zig Kilometer irgendwo hinfahren, denn in Oldenburg gab es natürlich kein Angebot. Zur Messe fuhren wir sonntags 50 bis 100 Kilometer. Wenn etwas Mühe kostet, ist es sehr viel wert: Ich ging nie achtlos an einer Kirche vorbei, sondern besuchte das Allerheiligste. Will man das in Österreich machen, kommt man natürlich zu nichts anderem mehr!

Natürlich vermisse ich pompöse Fronleichnamsprozessionen und die vielen kirchlichen Feiertage. Aber dann schaue ich mich um und bin unendlich dankbar, dass ich mitten in der Diaspora den Glauben geschenkt bekommen habe. Das hat ihn wetterfest gemacht, wovon ich schon oft in meinem Leben profitieren durfte, gerade, wenn es stürmisch war. Der 18. März ist jedes Jahr ein Hochfest für mich, ganz egal, wo ich gerade lebe.

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