Pius XII. und die Juden

Die Strategie von Pius XII. zur Rettung von Juden

Die Bemühungen von Pius XII. nach der Razzia im Ghetto. Der sicherste Ort für die verfolgten Juden waren die römischen Klöster.
Razzia im jüdischen Ghetto Roms am 16. Oktober 1943
Foto: IN | Auch nach der Razzia im jüdischen Ghetto Roms am 16. Oktober 1943 gingen die Verfolgungen weiter. Am 21. Februar 1944 fand die zweite Razzia im Ghetto statt, bei der 21 Juden verhaftet und deportiert wurden.

Auf der Grundlage von Daten aus verschiedenen Primärquellen berechnete Dominiek Oversteyns die Zahl der Juden, die sich am 4. Juni 1944 in Rom aufhielten, auf 9 975, von denen etwa 64 Prozent durch Pius XII. geholfen oder gerettet wurden. Von ihnen wurden 1 697 getötet: sieben während der Verhaftung, 76 in der Fosse Ardeatine und 1 614 nach der Deportation in Konzentrationslagern. Nur 117 Juden überlebten aus diesen Lagern.

Zuflucht in Bergdörfern

Wie haben die anderen überlebt? 495 Juden fanden Zuflucht in Bergdörfern rund um Rom, und 1 324 versteckten sich in den Häusern von Freunden in Rom. Die meisten wurden jedoch vom Heiligen Stuhl gerettet: 4 205 fanden Zuflucht in 235 römischen Klöstern, 160 überlebten im Vatikan und seinen 26 exterritorialen Gebieten.

Lesen Sie auch:

Nicht nur Klöster waren beteiligt: Pius XII. versteckte auch 336 Juden in Pfarreien und Diözesankrankenhäusern, während er weiterhin Lebensmittel und finanzielle Hilfe an die DELASEM schickte, die 1939 gegründete Organisation zur Unterstützung jüdischer Einwanderer, die in Rom 1 680 Juden aus verschiedenen Nationen mit falschen französischen Pässen in 420 von der Schweiz gekauften Häusern versteckte, von denen jedes von der Schweiz mit einer an der Außenseite der Tür angebrachten Tafel geschützt wurde, auf der stand, dass dieses Haus exterritoriales Gebiet der Schweiz war. Pius XII. bemühte sich mitunter erfolgreich um die Freilassung der Juden, die während der achtmonatigen Verfolgung verhaftet worden waren: 36 Juden wurden freigelassen.

Die Unterstützung von Pius XII. war unerschütterlich. Unter den 9 975 Juden, die am 4. Juni 1944 in Rom anwesend waren, befanden sich 8 000 römische Juden. Pius XII. half mehr als der Hälfte von ihnen, nämlich 4 590 römischen Juden.

Wenig Verhaftungen 

Vom 18. Oktober 1943 bis zum 31. Oktober 1944 wurde nur ein römischer Jude verhaftet und deportiert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass in den acht Monaten, in denen die Nazis Rom besetzten, nur wenige Juden deportiert wurden. Weitere 700 Juden wurden vom 18. Oktober 1943 bis Juni 1944 deportiert und verhaftet. Fünfzig Prozent von ihnen wurden von den Nazis selbst und manchmal in Zusammenarbeit mit den Faschisten verhaftet.

Betrachtet man kürzere Zeiträume in der Verhaftungsgrafik, so wurden allein vom 18. Oktober 1943 bis zum Januar 1944 96 Juden verhaftet. Ab dem 2. Februar 1944 begann die große Verfolgung der römischen Juden durch die Nazis: Am 2. Februar wurden 29 Juden allein in fünf Kollegien verhaftet und deportiert; am nächsten Tag wurden 19 Juden in der Abtei Sankt Paul verhaftet, einem exterritorialen Gebiet des Vatikans; am 21. Februar fand die zweite Razzia im Ghetto statt, bei der 21 Juden verhaftet und deportiert wurden und so weiter.

Situation verschärft sich

Im März 1944 verschärfte sich die Situation noch weiter: Vom 21. März bis zum 17. April wurden täglich etwa zehn Juden verhaftet und deportiert, und vom 28. April bis zum 18. Mai wurden jeden Tag fünf Juden verhaftet und deportiert. Die Juden hatten keine andere Wahl als zu fliehen oder sich zu verstecken.
Quellen zufolge gab es im Vatikan und seinen 26 exterritorialen Gebieten nur wenige Juden. Die Strategie von Pius XII. bestand darin, die römischen Juden in kleinen Gruppen in den anonymen Klöstern Roms zu verstecken. Er war der Meinung, dass sie so die besten Überlebenschancen hätten.

Auch die Tatsache, dass Castel Gandolfo dazu benutzt wurde, eine große Gruppe von Juden zu verstecken, ist falsch, da dies der Strategie von Pius XII. zuwiderlief. Belegt ist lediglich, dass in Castel Gandolfo eine kleine Gruppe von zwölf zum Christentum konvertierten Juden lebte, deren Anwesenheit im Gebäude der Propaganda Fide am 25. Dezember 1943 belegt ist. Leider kamen sie bei dem Bombenangriff am 10. Februar 1944 ums Leben. Daher waren dort am 4. Juni 1944 keine Juden anwesend.

Ausländische Juden in Gefahr

Lesen Sie auch:

Die Tatsachen beweisen, dass die schwächste Gruppe während der römischen Verfolgung die ausländischen Juden waren, die aus eigenem Antrieb hierher kamen. Von den 245 ausländischen Juden wurden 31 Prozent (76) verhaftet und deportiert, von denen nur 7 beziehungsweise 9,2 Prozent die Deportation überlebten, während von den 8 000 römischen Juden 22 Prozent verhaftet und deportiert wurden (1 655), von denen nur 110 beziehungsweise 6,7 Prozent die Deportation überlebten. Von den ausländischen Juden, die unter DELASEM-Schutz standen, wurde keiner verhaftet und deportiert oder getötet!


Die Richtigkeit der Strategie von Pius XII. wurde durch die Fakten bestätigt: 16 Prozent der Juden, die sich während der neunmonatigen Besetzung durch die Nazis in der Vatikanstadt und ihren 26 territorialen Zonen aufhielten, wurden ermordet, während nur ein Prozent der Juden, die sich in römischen Klöstern versteckt hielten, im gleichen Zeitraum ermordet wurden. Das bedeutet, dass die Chance für römische Juden, während der Verfolgung durch die Nazis in römischen Klöstern zu überleben, 16 Mal höher war als im Vatikan mit seinen 26 exterritorialen Zonen.


Dritter Teil eine Serie in fünf Folgen. 
Lesen Sie alle Folgen nach vollständigem Erscheinen im Dossier Papst Pius XII. und die Juden.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Eine Vielzahl von Akten beweist, dass Pius XII. und seine engsten Mitarbeiter nichts unterließen, um bereits inhaftierte Juden wieder frei zu bekommen.
19.10.2021, 19  Uhr
Andrea Gagliarducci
Bei seinen Interventionen zugunsten der verfolgten Juden stützte sich der Papst auf Monsignore Giovanni Battista Montini im Staatssekretariat und Pater Pancrazio Pfeiffer von den Salvatorianern.
06.10.2021, 06  Uhr
Andrea Gagliarducci
Wenn Sport zur Nebensache wird: Mit der U15-Nachwuchsmannschaft des 1. FC Köln in Auschwitz.
09.05.2022, 15  Uhr
Ulrike von Hoensbroech
Themen & Autoren
Andrea Gagliarducci Faschisten Juden Judentum Klöster Nationalsozialisten Papst Pius XII. und die Juden Pius XII. Päpste Vatikan Vatikanstadt

Kirche

Die theologischen Dialoge müssen weitergeführt und intensiviert werden, so der „Ökumene-Bischof“. Eine Herausforderung bleibe aber die Frage der Eucharistiegemeinschaft.
27.05.2022, 20 Uhr
Oliver Gierens
Die Beförderung eines sexuell übergriffigen Priesters durch den DKB-Vorsitzenden zeigt wieder, dass es mit der auf dem Synodalen Weg hochgelobten Missbrauchsaufarbeitung nicht weit her ist.
27.05.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt
Systemische Diskriminierung. Alleinstehende haben nach Ansicht der Podiumsteilnehmer über die Rolle von Singles in der Kirche keinen hohen Stellenwert in den Gemeinden.
26.05.2022, 20 Uhr
Meldung