Gnadenbild

Die Schwarze Madonna ist das Antlitz der Nation

Nach über zwei Jahrzehnten geht die landesweite Polenprozession der Schwarzen Madonna aus Tschenstochau allmählich zu Ende. Auf ihrer letzten Reiseetappe kommt die mittelalterliche Ikone in die Städte und Dörfer im Westen des Landes.
Schwarze Madonna aus Tschenstochau
Foto: Dr. Agnieszka Will | Aufkleber eines Bildes der schwarzen Madonna aus Tschenstochau an einem Dorfzaun in Polen. Das Gnadenbild setzt seine Reise durch Polen fort.

Unter dem Motto „Mit Maria in eine neue Zeit“ feiert die Erzdiözese Posen aktuell den Aufenthalt der Schwarzen Madonna in der Woiwodschaft Großpolen. Das Gemälde befindet sich seit 1985 auf einer landesweiten Rundreise, während der jede einzelne Pfarrei in Polen besucht wird. Um das Gnadenbild der Schwarzen Madonna zu sehen, pilgern jährlich Millionen Gläubige an den Wallfahrtsort Tschenstochau. Nun aber kommt eine Kopie des Gnadenbildes zu ihnen, denn eine jahrzehntelange Reise hätte die mittelalterliche Ikone zu stark strapaziert. Das Original bleibt daher weiterhin im Paulinerkloster auf dem Klarenberg, polnisch Jasna Góra.

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Eine Kopie auf Reisen

Die Kopie der Schwarzen Madonna fertigte der Kunstmaler Leonard Torwirt bereits 1957 im Auftrag des kürzlich seliggesprochenen Kardinal Stefan Wyszynski an. Die Idee dabei war, die Schwarze Madonna von Tschenstochau näher zum ganzen Volk zu bringen ohne, dass dabei das Original beschädigt würde.
Nachdem die polnische Bischofskonferenz im April 1957 den Beschluss gefasst hatte, die Kopie des Gemäldes durchs Land zu schicken, brachte Kardinal Wyszynski, gleichzeitig Primas von Polen, das Werk nach Rom, wo es im Mai 1957 von Papst Pius XII. gesegnet wurde.

Danach ging die Kopie der Schwarzen Madonna auf ihre erste Rundreise durch Polen, die aus politischen Gründen nicht ganz reibungslos verlief. Die Ikone wurde 1966 von den Sozialisten in Beschlag genommen – in dem Jahr feierte Polen das tausendjährige Jubiläum seiner „Taufe“, also der Christianisierung des Landes. Der sozialistischen Partei waren die katholischen Feierlichkeiten und Umzüge ein Dorn im Auge und so veranlasste sie die vorzeitige Rückführung des Bildes nach Tschenstochau unter dem Vorwand, die Prozessionen hätten die Ausmaße einer politischen Kundgebung angenommen und störten die öffentliche Ruhe. Der damalige Metropolit von Krakau, Erzbischof Karol Wojtyla, protestierte dagegen und erklärte: „Das erzwungene Festhalten des Bildes unter Nutzung von Bürgermilizposten hat den Charakter einer dauerhaften Verhöhnung der religiösen Heiligkeit und gleichzeitig einer Beleidigung der Gefühle gläubiger Menschen.“

Reise unterbrochen 

Trotzdem wurde die Schwarze Madonna bis 1972 unter „Hausarrest“ gestellt, ihre erste Polenprozession dadurch für sechs Jahre unterbrochen. Doch die polnischen Gläubigen ließen sich durch die Maßnahmen der sozialistischen Machthaber nicht davon abhalten, die Königin Polens, wie die Muttergottes auch bezeichnet wird, weiter zu verehren. Sie wanderten weiter, mit leeren Rahmen, durch die Straßen und brachten so ihre Verbundenheit mit der Kirche zum Ausdruck sowie ihre Kritik an der Partei. Erst acht Jahre nach der Befreiung der Schwarzen Madonna wurde die erste Polenprozession abgeschlossen.

Die Schwarze Madonna ist nicht einfach nur ein Kunstwerk. Sie ist den Polen heilig, sie heilt und sie wird als ein Heiligtum verehrt. Entstanden ist das Bild im 14. Jahrhundert, wobei über den Maler nicht viel mehr bekannt ist als dass es sich wohl um einen italienischen Meister handelte, der Tempera auf Lindenholz verwendete. Der Legende nach wurde das Gemälde noch zu Lebzeiten Marias durch den Evangelisten Lukas angefertigt, der eine Holzplatte verwendete, die der Heiligen Familie in Nazareth als Tisch gedient hatte. 1382 kam das Bild laut alten Chroniken nach Tschenstochau.

Eine Schwarze Madonna

Das Bildnis der Gottesmutter Maria und des Jesuskindes ist sehr dunkel, ganz im Stil der griechisch-byzantinischen Malerei, wobei für die Schwarze Madonna von Tschenstochau zehn narbenähnliche Schnitte charakteristisch sind, zwei davon deutlich sichtbar auf ihrer rechten Wange, die dem Bild bei einem Überfall aufs Kloster im Jahr 1430 zugefügt wurden. Für eine fachkundige Restaurierung des geschändeten Bildes sorgte König Jagiello persönlich, aber die Narben wurden beibehalten. In ihnen erkennt sich das polnische Volk wieder, das Jahrhunderte lang Not und Elend erlitt: von der vollständigen territorialen Auflösung, die fünf Generationen andauerte, über den Überfall auf Polen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, der im Bewusstsein der Be

völkerung noch viel stärker präsent ist als in den meisten anderen europäischen Ländern, bis hin zum totalitären Regime der Sozialisten. Das vernarbte und gleichzeitig über alles Irdische erhabene Antlitz der Schwarzen Madonna gibt den Menschen Kraft. Kraft, die ihnen über Jahrhunderte hinweg keine Regierung und kein Regime zu geben vermochten.

Polnische Identität

Sie ist das Sinnbild ihres Glaubens und verkörpert einen wesentlichen Teil ihrer polnischen Identität. Seit Jahrhunderten glauben die Menschen daran, dass Maria ihnen in Kriegszeiten und anderen Etappen der Not beisteht. Und schließlich soll die Muttergottes selbst den Wunsch geäußert haben, als Königin Polens bezeichnet zu werden. Diesem Wunsch, den Maria dem neapolitanischen Jesuiten Mancinelli im Jahr 1608 offenbart haben soll, folgen die Menschen bis heute und verehren sie als die Königin Polens.

Coronabedingt wurde die Rundreise für die Dauer von insgesamt 15 Monate unterbrochen. Erst am ersten August 2021 wurde sie wieder aufgenommen und der Zeitplan verschoben. Anfang November kommt das Gnadenbild für zwei Wochen nach Posen, wo es auch den ganzen Dezember über zu sehen sein wird. Die zweite Polenprozession der Schwarzen Madonna von Tschenstochau endet am Fest der Taufe des Herrn in der Posener Kathedrale.

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