München

Die letzten Gefechte um die "Integrierte Gemeinde"

Die Debatte um die aufgelöste "KIG" reißt nach der Wortmeldung des römischen Theologen und Anhängers der Gemeinschaft Achim Buckenmaier nicht ab.
Erzbischof Reinhard Kardinal Marx hat kirchenrechtlich den Schlussstrich unter die KIG gezogen
Foto: Arne Dedert (dpa) | Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx hat kirchenrechtlich den Schlussstrich unter die KIG gezogen.

Die Debatte um die inzwischen kirchenrechtlich aufgelöste „Integrierte Gemeinde“ geht weiter: Ein langjähriges Mitglied, Achim Buckenmaier, hat kürzlich dem Nachrichtendienst Vatican News eine längere „persönliche Antwort“ gegeben. Buckenmaier ist Inhaber des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes an der Päpstlichen Lateran-Universität. Dieser Lehrstuhl hat sich zum Ziel gesetzt, dass „die theologischen Erkenntnisse und die Erfahrungen des Lebens in der Katholischen Integrierten Gemeinde“ innerhalb der „akademischen Theologie“ rezipiert werden.

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Buckenmaier, Konsultor des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung und der Kongregation für die Glaubenslehre, geht auf die schwerwiegenden Anschuldigungen im Einzelnen nicht ein. Er macht dagegen einen „Schuldigen“ aus, der das eigentliche „Kernproblem“ darstelle: Einer der Söhne der Gründerin Traudl Wallbrecher habe als „leiblicher Nachfolger“ die KIG-Leitung angestrebt: „Einen solchen Versuch, in Rom eine von der Gesamtleitung unabhängige Gemeinde zu bilden, unternahm einer der Söhne und wollte als eigentlicher Erbe schalten und walten.“ Dies habe die 2016 verstorbene Gründerin noch 2009 verhindert und die „darüber empfundene Kränkung ist der eigentliche Katalysator der Vorwürfe.“

Buckenmaier will sich zu Vorwürfen nicht äußern

Kardinal Marx hatte im Februar 2019 eine Visitation des kirchlichen Vereins „Katholische Integrierte Gemeinde in der Erzdiözese München und Freising“ (KIG) angeordnet. Die Gemeinschaft hat sich der Zusammenarbeit mit den Visitatoren gemäß deren Darstellung verweigert. Es konnten keine Gespräche mit der Leitung oder einzelnen Mitgliedern geführt werden. Nach Bekanntwerden des sehr kritischen Zwischenberichts hatte die Herder Korrespondenz (November 2020) Buckenmaier, seit 1990 Mitglied in der „Gemeinschaft der Priester im Dienst an Katholischen Integrierten Gemeinden“, um eine Stellungnahme gebeten. Seine Antwort: „Ich kann mich zu diesen Vorwürfen nicht mehr äußern, da die KIG beschlossen hat, ihre Aktivitäten als kirchliche Vereinigung ganz einzustellen und dies auch inzwischen getan hat.“

Daraufhin hatte die Herder Korrespondenz im Münchener Vereinsregister folgende Änderungen der „weltlichen Rechtsträger“ ausfindig gemacht: „Aus dem dortigen ,Integrierte Gemeinde e.V.‘ wurde am 20. Mai 2020 der ,collegium theologia e.V.‘. Und der ,P.i.D. Priester im Dienst an Katholischen Integrierten Gemeinden e.V.‘ (der weltliche Rechtsträger der Priestergemeinschaft) heißt seit dem 13. Mai 2020 ,collegium scientia e.V.‘“

„Dass auf der Leitungsebene der KIG eine Unfähigkeit
zur kritischen Selbstreflexion bestand,
dass die Freiheit der Mitglieder kontinuierlich missachtet
und eine Ganzhingabe gefordert wurde,
die einer Ausbeutung gleichkommt …“.

Auf den Abschlussbericht der Visitatoren (Juni 2020) hin löste Kardinal Marx den kirchlichen Verein am 20. November auf. Über die Erfahrungen ehemaliger Mitglieder, die befragt worden waren, heißt es im Fazit des Visitationsberichtes: „Dass auf der Leitungsebene der KIG eine Unfähigkeit zur kritischen Selbstreflexion bestand, dass die Freiheit der Mitglieder kontinuierlich missachtet und eine Ganzhingabe gefordert wurde, die einer Ausbeutung gleichkommt …“. Inzwischen fordern ehemalige Mitglieder weitere Schritte der Aufarbeitung.

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In München verdankte die KIG Kardinal Ratzinger ihre Anerkennung. Über dreißig Jahre bestand zwischen Ratzinger und der Gemeinschaft eine enge Verbindung. Noch vor dem Abschlussbericht hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. gegenüber der Herder Korrespondenz in Bezug auf seine damalige Verantwortung als Diözesanbischof gesagt: Dass innerhalb der KIG „auch schreckliche Entstellungen des Glaubens möglich waren, ist mir zunächst nicht bewusst geworden. Meine Informationen in diesem Bereich blieben dürftig. Ich bedaure es zutiefst, dass so der Eindruck entstehen konnte, alle Aktivitäten der Gemeinde seien vom Erzbischof gebilligt.“ Abschließend heißt es: „Offensichtlich wurde ich über manches im Innenleben der IG nicht informiert oder gar getäuscht, was ich bedaure.“

Gehört zur Treue zur Kirche nicht die Bereitschaft,
sich einer Visitation zu stellen?

Ohne auf die klare Distanzierung Papst Benedikts von der KIG einzugehen, bringt Buckenmaier, Vorsitzender des Stiftungsrates der Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.-Stiftung, ihn in Zusammenhang mit den angeblichen internen Machtkämpfen: „Dass dann nicht einmal vor dem Heiligen Vater Papst emeritus Benedikt XVI. Halt gemacht wird, ist für mich der vorläufig letzte Beweis, dass man lieber etwas zerstört, als es weiterzugeben.“ „Die selbstverständliche Treue zur Kirche schließt Kritik nicht aus“, schreibt Buckenmaier, aber: Gehört zur Treue zur Kirche nicht die selbstverständliche Bereitschaft, sich einer Visitation zu stellen? Wie vereinbart sich „selbstverständliche Treue“ zur Kirche mit den Versuchen, sich dem kirchlichen Vereinsrecht und damit der Verantwortung zu entziehen? Stattdessen wird die bischöfliche Visitation eines Ortsbischofs von einem deutschsprachigen Konsultor der Glaubenskongregation, der in allen Fragen auch im Dienst der deutschsprachigen Bischöfe handeln sollte, als „Diffamierung“, „zynisch und arrogant“, getrieben von einem „obsessiven Interesse“, welches „nichts mehr mit der gebotenen Hirtensorge zu tun“ habe, abgetan.

Zudem stilisiert Buckenmaier die KIG als die eigentlich Verfolgten: Es sei der „Neid auf die neuen Aufbrüche angesichts des evidenten Niedergangs herkömmlicher Strukturen“, die aus dem Visitationsbericht spräche, sowie „Missgunst, die sich des Aufklärungsbedürfnisses der Öffentlichkeit bediene“ mit dem Ziel, ein „Ärgernis beseitigen“ zu wollen, das darin besteht, „die Nachfolge nach den evangelischen Räten in Gemeinschaft zu leben“, „weil es einen in dem gut eingerichteten Christentum und den wohldotierten Strukturen unablässig stört“. Buckenmaiers Kritik gipfelt in der Aussage, die Visitatoren teilten nicht das Verständnis der Kirche „als Ort, an dem Gott heute zu uns sprechen kann und spricht“.

Die Erzdiözese München und Freising bietet eine zentrale Beratung für ehemalige KIG-Mitglieder an:

Beratung-KIG@eomuc.de

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