Wien

Dialog braucht den langen Atem

Das interreligiöse Dialogzentrum KAICIID verlässt nun Wien. Dass Gespräch mit dem Islam wird jedoch weitergehen. Ein Kommentar.
KAICIID verlässt Wien
Foto: Julian Stratenschulte (dpa) | 2012 auf Initiative des saudischen Königs Abdullah von Saudi-Arabien, Spanien, Österreich und dem Vatikan gegründet, war das Zentrum stets „umstritten“.

So emotionsfrei, wie das „König Abdullah Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ (KAICIID) seinen Fortgang aus Wien verkündete, ist die Sache nicht. 2012 auf Initiative des saudischen Königs Abdullah von Saudi-Arabien, Spanien, Österreich und dem Vatikan gegründet, war das Zentrum stets „umstritten“. Auch diese Zeitung fragte vielfach, ob das weitgehend von Riad finanzierte KAICIID nicht ein teures Feigenblatt für den Wüstenstaat sei, der gleichzeitig die Verbreitung des latent totalitären Wahhabismus fördert, und damit den sunnitischen Terrorismus. Wie glaubwürdig ist es, wenn saudische Imame und Minister, die in ihrer Heimat Juden, Christen und Hindus nie die Hand reichen würden und Nichtmuslimen keine vollen Bürgerrechte einräumen, auf nobler Wiener Bühne von der Brüderlichkeit aller Gläubigen, von Frieden und Toleranz schwärmen?

Viele hörten erstmals zu

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Und doch ist das KAICCID jene Bühne, auf der iranische Mullahs und saudische Imame einander wie auch hohen Vertretern von Judentum, Christentum, ja sogar Hinduismus und Buddhismus wirklich zuhörten – viele sogar erstmals!

Zwei Webfehler hatte das Zentrum von Anfang an: Durch Initiative, Namen und Finanzierung hatte Riad eine allzu dominante Stellung; die Partner waren nie im selben Maße engagiert. Zugleich wuchsen am Standort allzu politische Erwartungen: Gerade weil die lange Leine Riads sichtbar war, sollte sich das KAICCID für jede Untat Saudi-Arabiens rechtfertigen, oder zumindest davon distanzieren. 2019 ging Österreichs Parlament die Geduld aus: Eine Mehrheit wollte den Ausstieg. Jetzt zieht das KAICIID die Reißleine und verlässt Wien. Der Vatikan, der von Anfang an mitwirkte, weiß, dass der interreligiöse Dialog einen langen Atem braucht. Rom hat im Gespräch mit dem Islam wenig Illusionen, aber klare Interessen. Die Bühne dafür mag wandern, das Gespräch jedoch geht weiter.

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