IM BLICKPUNKT

Der Riss durch die Orthodoxie wird immer tiefer

Russische Bistümer in Afrika. Die russisch-orthodoxe Afrika-Offensive ist eine klare Warnung an alle Orthodoxen, die treu zum Ökumenischen Patriarchen stehen. Rechte anderer Patriarchen werden missachtet.
Russia Putin
Foto: Alexei Druzhinin (POOL SPUTNIK KREMLIN/AP) | Die russische Orthodoxie expandiert in Richtung Afrika. Im Bild: Wladimir Putin und Kyrill I., Patriarch von Moskau und Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche.

Der tiefe Riss, der seit dem russischen Boykott des Panorthodoxen Konzils auf Kreta 2016 durch die orthodoxe Welt geht, ist neuerlich tiefer und breiter geworden. Ende Dezember beschloss der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau, zwei Diözesen in Afrika zu errichten und (nach eigenen Angaben) 102 Priester aus acht afrikanischen Ländern der eigenen Jurisdiktion einzugliedern. Damit verletzt Moskau die Rechte des Patriarchats von Alexandria, das in der orthodoxen Welt seit jeher für ganz Afrika zuständig ist.

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Russische Rache

Diese kirchenpolitische Offensive ist nicht nur mutmaßlich, sondern erklärtermaßen ein russischer Racheakt dafür, dass sich der Patriarch von Alexandria, Theodoros, im Streit um die Jurisdiktion über die Ukraine klar auf die Seite des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios, stellte. Mehr noch: Wie die orthodoxen Kirchen von Griechenland und Zypern, anerkannte auch das Patriarchat von Alexandria die von Bartholomaios in die volle kanonische Unabhängigkeit (Autokephalie) entlassene Orthodoxe Kirche der Ukraine, die das Moskauer Patriarchat als schismatisch betrachtet und ablehnt. Bartholomaios und Theodoros konzelebrierten mit dem Oberhaupt dieser neuen autokephalen Kirche, Metropolit Epiphanius, auf der Insel Imbros.

Das Moskauer Patriarchat hatte bereits früher den Ökumenischen Patriarchen wegen des Streits um die Ukraine aus dem Eucharistischen Hochgebet gestrichen und ihm damit die eucharistische Gemeinschaft aufgekündigt; nun setzte es den gleichen Trennungsakt gegenüber Patriarch Theodoros. „Wenn ein Hierarch mit einem Schismatiker konzelebriert, fällt er selbst ins Schisma“, begründete der Außenamtschef des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion, diesen Bruch. Genau damit rechtfertigt Moskau nun auch die Aufnahme afrikanischer Kleriker und die Errichtung eigener Diözesen in Nordafrika (mit Pfarreien in Ägypten, Tunesien und Marokko) und Südafrika. Gemäß der orthodoxen Ekklesiologie ist mit der Löschung aus dem Hochgebet und der Verletzung des kanonischen Territoriums die Kirchengemeinschaft zwischen Moskau und Alexandria beendet.

„Möge Gott ihnen vergeben!“

Moskau gegen Konstantinopel

Entsprechend betroffen reagierte das Patriarchat von Alexandria am 30. Dezember auf die Entscheidung Moskaus, „ein Exarchat innerhalb der Grenzen der Jurisdiktion der altehrwürdigen Kirche von Alexandria zu errichten“, und dies rund um Weihnachten und Epiphanie, die uns „Christus als König des Friedens“ zeige. Dramatischer formulierte Patriarch Theodoros: „Möge Gott ihnen vergeben!“

Die russische Afrika-Offensive ist nicht einfach nur eine grobe Missachtung der Rechte des Patriarchats von Alexandria, sondern eine Warnung an all jene orthodoxen Kirchen, die treu zum Ersten, Ehrwürdigsten und Ehrenoberhaupt der weltweiten Orthodoxie, dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, stehen. Die Loyalität zu ihm und seinen Entscheidungen hat offenbar einen hohen Preis, seit Moskau einseitig mit Konstantinopel gebrochen hat.

Weltliche Machtmittel

Wie um dies zu unterstreichen, sagte Metropolit Hilarion in einem Interview mit „Ria Novosti“, Moskau habe jene Priester des Patriarchats von Alexandria aufgenommen, die „die falsche Position ihres Patriarchen erkannten“. Hilarion wollte sogar die Gründung eines russischen Exarchats in der Türkei – also auf dem ureigensten Gebiet von Bartholomaios – nicht ausschließen: „Die russisch-orthodoxe Kirche kann sich nicht weigern, die Orthodoxen in der Türkei zu fördern.“ Die russische Orthodoxie setzt offen auf weltliche Machtmittel zur Durchsetzung ihres Standpunkts.

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