Äthiopien

Aus dem Osten etwas Neues

Wie das christliche Ostafrika ins Abendland kam: Abba Gorgoryos, Hiob Ludolf und die Anfänge der europäischen Äthiopistik. 
Hiob Ludolf
Foto: Wikipedia / Gemeinfrei | Hiob Ludolf ist der Vater der deutschen Äthiopistik.

Lange schon ahnte man im Abendland, dass es jenseits der islamischen Welt, die sich wie ein Sperrriegel zwischen das christliche Europa einerseits und Afrika sowie Asien andererseits legte, ein christliches Reich geben musste. Bereits in der Chronik des Bischofs Otto von Freising war im zwölften Jahrhundert ein christlicher Priesterkönig in diesen fernen Regionen erschienen. Im Laufe des Mittelalters konkretisierten sich solche Vorstellungen, als man in Jerusalem Geistliche aus Äthiopien traf und durch sie von der christlichen Welt am Horn von Afrika erfuhr, die sich dort seit dem vierten Jahrhundert entwickelt hatte.

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Erst seit dem 14. Jahrhundert jedoch erreichten äthiopische Geistliche auch Europa. Unweit der Peterskirche in Rom war ihnen ein Hospiz eingerichtet und eine Kirche, Santo Stefano die Mori, gewidmet worden. Regelrechte Delegationen kamen im 15. Jahrhundert ins christliche Abendland, etwa zum Konzil von Florenz. Auf beiden Seiten – in Europa und in Äthiopien – fasste man eine Zusammenarbeit ins Auge.

Im 16. Jahrhundert, mit der Entdeckung des Seewegs um Afrika nach Asien, kamen Portugiesen im Zuge ihres Ausgreifens an afrikanische und asiatische Küsten und ihre Märkte nach Äthiopien. Das katholische Portugal war es, das Äthiopien vor dem Schicksal mancher Nachbarländer – etwa Nubiens – bewahrte: Ein portugiesisches Expeditionskorps rettete das christliche Äthiopien, als eine islamische Invasion aus Somalia drohte, das Land völlig zu überrennen.

Katholisches Intermezzo am Horn von Afrika

So war der Boden bereitet auch für intensivere kulturell-religiöse Kontakte. Die Jesuiten entdeckten Äthiopien als Missions- und Reformland, das man näher an die römische Kirche heranführen wollte. Mit großer Intensität bemühten sich katholische Kleriker, meist portugiesische Jesuiten, um das ostafrikanische Christentum, das aus ihrer Sicht archaisch und häretisch war. Die europäischen Christen ihrerseits machten großen Eindruck auf viele Äthiopier, gerade auch an der Spitze der Gesellschaft.
Im 17. Jahrhundert erfolgte die offizielle Konversion des Landes zum Katholizismus. Freilich konnte eine solche Maßnahme, die von oben nach unten dem Land aufgezwungen wurde, keinen Bestand haben. Zu stark waren die konservativen Kräfte, zu intensiv die traditionalistischen Widerstände und verwurzelten Interessen. Es kam zu einer heftigen Gegenreaktion, europäische Geistliche mussten das Land verlassen, einige wurden getötet.

Aba Gorgoris
Foto: Wikipedia

Aber auch Einheimische, die zur römischen Kirche gefunden hatten, folgten den katholischen Kirchenmännern. Einer von denen, die ihr Schicksal mit dem der Europäer verbunden hatten, war Abba Gorgoryos, Sekretär des katholischen Patriarchen Alfonso Mendez.

Ein katholischer Äthiopier kommt nach Rom

Der Geistliche Gorgoryos [Gregorius] gelangte 1634 über Ägypten nach Rom, wo zusammen mit anderen Äthiopiern er im Umfeld von Santo Stefano dei Mori eine Bleibe fand. In Rom fand auch seine denkwürdige Begegnung mit Hiob Ludolf (1624–1704) statt, durch die wir unsere Kenntnis von der Existenz des Äthiopiers haben. Dieses historische Zusammentreffen gab den Anstoß zur Entstehung der deutschen Äthiopistik.

1649 kam Ludolf in schwedischem Auftrag nach Rom, um dort Dokumente zu suchen. Er hatte sich bereits mit verschiedenen orientalischen Sprachen beschäftigt und verfügte schon über Äthiopisch-Kenntnisse. Das Zusammentreffen mit Gorgoryos nutzte Ludolf als Chance. Der Äthiopier diente ihm als willkommener Informant, Ludolf  ergänzte und erweiterte sein Wissen über das christliche Ostafrika mit seiner Hilfe erheblich. Auch seine Sprachkenntnisse konnte Ludolf mit Gorgoryos' Unterstützung stark ausbauen. Später, nach Deutschland zurückgekehrt, trat Ludolf 1652 in die Dienste von Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg, bei dem seine orientalischen und äthiopischen Interessen auf fruchtbaren Boden fielen.

Gorgoryos wurde nach Gotha eingeladen, wo er den Sommer 1652 verbrachte und weiter als Fundgrube und Quelle für einen Kreis von Äthiopieninteressierten fungierte. Ludolf nutzte die Monate seiner Anwesenheit, um intensiv an seinen Ge'ez- und Amharisch-Wörterbüchern zu arbeiten. Auch nachdem Gorgoryos nach Rom zurückgekehrt war, blieb der Äthiopier mit Ludolf in Briefkontakt. Als Gorgoryos jedoch 1658 nach Äthiopien reisen wollte, kostete ihn ein Schiffsunglück das Leben.

Hiob Ludolf, Vater der deutschen Äthiopistik

Als Hiob Ludolf  den Äthiopier Gorgoryos traf, hatte er bereits  umfangreiche Kenntnisse über das Horn von Afrika. Denn damals gab es in Europa schon bemerkenswertes Wissen über den „Orbis Aethiopicus“. Bereits im 15. Jahrhundert hatten Geistliche in Mainz und Köln äthiopische Texte gedruckt und auf europäischen Karten des 15. Jahrhunderts finden sich viele eritreische und äthiopische Toponyme. Das 16. Jahrhundert brachte zahlreiche Reiseberichte, nachdem die ersten schon aus dem Mittelalter stammten. Ludolf aber war es, der als erster gelehrte Werke über äthiopische Themata verfasste – also wissenschaftlich über den „Orbis aethiopicus“ publizierte.

Grundlage seiner Schriften waren nicht nur die bereits existierenden Bücher, sondern vor allem auch die mündlichen Erzählungen des Gorgoryos, den er – dank seiner soliden Vorkenntnisse – gezielt befragen konnte.
Noch mehr war Gorgoryos' Sprachkompetenz von Nutzen. Als Muttersprachler konnte er Ludolfs philologische Arbeiten wesentlich unterstützen. Im Jahr 1661 brachte Hiob Ludolf seine Grammatik und sein Wörterbuch des klassischen Altäthiopisch [Ge'ez] heraus. 1698 folgte seine amharische Grammatik. Zu seinen Werken gehörten auch historische Arbeiten über Äthiopien und Darstellungen des spezifischen äthiopischen Christentums. Sein Ruf verbreitete sich so weit und seinen Publikationen wurde in der wissenschaftlichen Community Europas solche Bedeutung beigemessen, dass einige in andere Sprachen übersetzt wurden. Mit der wissenschaftlichen Elite seiner Zeit war er eng verbunden, so sind etwas seine Kontakte zu Leibniz belegt.

Doch war Ludolf kein Schreibstubengelehrter, der sich nur in seinem Elfenbeinturm aufhielt. Im Auftrag Kaiser Leopolds I. verfasste er in Verbindung mit der zweiten Belagerung Wiens durch die Osmanen 1683 Schreiben an den äthiopischen Kaiser, der eine Allianz gegen die Türken zustande bringen sollte. Noch lange nach seinem Tod blieben Hiob Ludolfs Werke bedeutsam und wurden erst an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert überholt. Der Befassung mit Sprachen und Kulturen Afrikas hatte er in Europa wesentliche Impulse verliehen. Ludolf hat einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, das Christentum am Horn von Afrika bei uns bekannt zu machen.


Der Verfasser ist Autor des Buches „Das Horn von Afrika“, welches 2021 beim Kohlhammer-Verlag erschien.

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