Würzburg

Am Winterfeuer

Als breit angelegte Form der Verkündigung ist die Darstellung Jesu nicht ersetzbar. Weihnachten verschafft den innerlich frierenden Gläubigen, die unter der Glaubenskrise der Kirche unserer Tage leiden, eine Atempause.
Krippenkunst in Museum
Foto: Felix Kästle (dpa) | Reflexhaft wird das Geschehen von Bethlehem auch heute schon allein deswegen von manchen als zu flach verworfen, weil Schafhirten es verstehen konnten.

Ist es Zufall, dass Christus mitten im Winter zur Welt kam? Für den britischen Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton erschließt sich der Sinn des Weihnachtsgeschehens erst aus der Perspektive der seelisch und körperlich Erstarrten. Es sind die Einsamen, Abgehängten und in die innere Emigration Abgewanderten, denen das dürftig beherbergte Kind in der Krippe ein Licht über Gottes Handeln in der Geschichte aufsteckt: Der Erlöser taucht nicht als strahlende Sommersonne für die Schönen und Erfolgreichen am Firmament auf, sondern "als Winterfeuer für die Unglücklichen".

Bild Christi von vielen Weihnachtskarten verdrängt

Wintermüdigkeit und Frustration beobachtete Chesterton, der "Apostel des gesunden Menschenverstandes", auch innerhalb der Kirche seiner Zeit. Weder das seelenlose Treiben noch der Konsumfuror der religiös gleichgültigen Mehrheit während der Adventszeit entgingen ihm. Auch der akademische Dünkel sogenannter Intellektueller gegenüber den einfachen Gläubigen fand schon zu Lebzeiten des britischen Konvertiten in der Weihnachtsgeschichte eine bevorzugte Zielscheibe. Reflexhaft wird das Geschehen von Bethlehem auch heute schon allein deswegen von manchen als zu flach verworfen, weil Schafhirten es verstehen konnten. In diesem Boot möchten sich aufgeklärt dünkende Zeitgenossen nicht sehen.

Nicht, dass die hochmütige Ablehnung der Weihnachtsbotschaft Platz schaffen würde für geistig Anspruchsvolles und seelisch tief Ergreifendes: Wer in diesen Tagen seine Post anschaut, wundert sich, wie gedankenlos das Bild Christi von vielen Weihnachtskarten verdrängt worden ist und dem Kitsch in sämtlichen Spielarten weichen musste. Als breit angelegte Form der Verkündigung ist die Darstellung Jesu aber nicht ersetzbar   zumal Papst Franziskus im ausklingenden Jahr in seinem historischen Schreiben an das pilgernde Volk Gottes keinen Zweifel daran gelassen hat, dass der Evangelisierung die erste Stelle auf der Agenda der Ortskirche zukommt. Damit spannt der Papst einen roten Faden zu den Pontifikaten seiner Vorgänger.

Christozentrische Neuausrichtung des Katholizismus

Auch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. kämpften gegen den kirchlichen Mainstream nördlich der Alpen für eine christozentrische Neuausrichtung des Katholizismus in Deutschland. So verwirrend das kirchliche Geschehen derzeit auf viele wirkt, so wenig wird man Papst Franziskus in diesem Punkt mangelnde Klarheit vorwerfen dürfen.

Weihnachten verschafft den innerlich frierenden Gläubigen, die unter der Glaubenskrise der Kirche unserer Tage leiden, eine Atempause. Es ist die Zeit, um auszusteigen aus der immer geistloseren Routine der Strukturdebatten und Grabenkämpfe. Sowohl der dramatische Spannungsbogen des liturgischen Kalenders in der Oktav als auch die Begegnung mit selten in der Kirche zu sehenden Getauften sowie das an traditionellen Bildern reiche weihnachtliche Liedgut bieten unverfängliche Gelegenheiten, über den Glauben miteinander ins Gespräch zu kommen.

"Vielleicht kann ein ausgiebiger Krippengang
und das Gespräch in der Familie
den verschütteten Sinn für
das Wunder von Bethlehem wecken"

Das Gebet für die verfolgten Christen und die unschuldig ermordeten Kinder ist quasi zum Gütesiegel der Getauften geworden. Hier zeigt sich, ob die Ökumene funktioniert oder zum unverbindlichen Geplauder verkommt. Vielleicht kann ein ausgiebiger Krippengang und das Gespräch in der Familie den verschütteten Sinn für das Wunder von Bethlehem wecken. Zumindest zieht das Fest für diejenigen, die es bewusst mitfeiern können, eine Brandschutzmauer zu den immer aufdringlicher unseren Alltag bestimmenden Ersatzreligionen der Gegenwart   von der Klima-Hysterie und dem militanten Feminismus über die schier niemals endenwollende Jagd nach dem Mehr-Habenwollen zum Fitness- und Jugendkult. Schon aus diesem Grund sind christliche weihnachtliche Rituale als Initialzündung für die Evangelisierung alles andere als überholt.

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