Vatikanstadt

Wie Leo X. die Deutschen verlor

Als Papst begann er in Saus und Braus. Auch militärisch lief es gut. Aber die heraufziehende Gefahr der Reformation hat der Medici-Papst völlig verkannt. Er starb am 1. Dezember vor 500 Jahren.
Papst Leo X.
Foto: Wikipedia | Papst Leo X. (Giovanni de’ Medici), Gemälde von Raffael, um 1518–1519, Florenz, Uffizien.

Rom Ende November 1521. Papst Leo X. hält sich in seiner Villa in Magliana südlich von Rom auf, als dort am Abend des 24. November die Nachricht eintrifft, dass seine Truppen Mailand erobert und dem französischen König entrissen haben. Der Jubel ist groß. So groß, dass der Heilige Vater, der seit einiger Zeit schon eine Erkältung mit sich herumschleppt, nicht einschlafen kann und vom Fenster aus seinen ausgelassen feiernden Schweizern zuschaut. Es ist eine kalte und feuchte Nacht.

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Ritter statt Papst

Zuvor noch hatte er dem kaiserlichen Gesandten anvertraut, dass er sich über den Sieg mehr freue, als über seine Wahl zum Papst. Die weltlichen Dinge waren es, die diesen Papst bewegten, und der sich damit ganz auf der Linie seines kriegerischen Vorgängers Julius II. befand. Die Rolle des Ritters indes war für den phlegmatischen und aufgedunsenen Leo einige Nummern zu groß, der zwischen Völlerei und Fastenkuren hin- und herpendelte und infolgedessen immer kränklicher und weniger belastbar wurde.

Die Siegesfreude war dann nur noch ein letztes Aufbäumen, körperlich, politisch wie finanziell. Denn der Kirchenstaat war schon seit Jahren so gut wie pleite und in der Kurie machte man sich große Sorgen über die Besoldung der Truppen. Mit dieser Frage, deren Beantwortung Leo X. wahrscheinlich so lange wie möglich hinausgezögert hätte, musste er sich aber nicht mehr auseinandersetzen.

Als er am 26. November nach Rom zurückkehrt, ist er ernsthaft krank, in trügerischem Hin und Her zwischen Besserung und Verfall. In der Nacht zum zweiten Dezember schütteln Fieberschübe den Medici-Papst. Er hat seiner Krankheit nichts mehr entgegenzusetzen. Ohne die letzte Wegzehrung der Eucharistie gibt er gegen Mitternacht seinen Geist in die Hand Gottes zurück.

Verdacht auf Vergiftung durch den Mundschenk

Obwohl die kalte Jahreszeit schon angebrochen war, verfiel der Leichnam des seligen Verstorbenen schnell, zu schnell, wie man in der Kurie zu munkeln begann. An einigen Stellen verfärbte sich der Leib Leos schwarz. Beulen und Schwellungen waren zu sehen, was man damals als Zeichen für eine Vergiftung deutete. Sein Mundschenk Malaspina wurde verhaftet und wieder freigelassen, denn der Verdacht konnte nie bestätigt werden, obwohl man den Heiligen Vater – Gott bewahre – obduzierte.

Recht wirkmächtig ist die Geschichte des schwarzgefärbten Papstes aber doch gewesen. So wirkmächtig, dass 1575 Claude de Sainctes, Bischof von Evreux, in seiner Schrift „De rebus eucharistia“ geradezu spiegelbildlich behaupten konnte, dass auch die Leiche seines größten Widersachers „schwärzlich“ vorgefunden wurde. Dieser Widersacher war niemand anderes als Martin Luther, den Leo nicht hatte ernstnehmen wollen, dieses widerborstige „Mönchlein“ aus Deutschland.

Leere Kassen

Dabei hatte alles so gut angefangen: Als Papst Julius II. 1513 starb, hatte der sparsame Krieger seinem Nachfolger einen reichen Kirchenstaat hinterlassen. Der berühmte Spruch Leos X. „Gott hat uns das Papsttum gegeben, so lasst es uns genießen“, ist zwar nicht belegt, kennzeichnet aber trotzdem die erste Hälfte der Amtszeit des Medici-Papstes besser, als sie mancher Historiker beschreiben könnte. Prunkvoll wurde der am elften März 1513 gewählte Medici-Papst in sein Amt eingeführt, der päpstliche Hof avancierte zu einem Zentrum der Künste und der Vergnügungen.

Schnell aber waren die Kassen leer. Sollte nun auch die Party zu Ende sein? „Auf keinen Fall“, dachten sich die päpstlichen Berater und sannen darauf, wie die Insolvenz verschleppt werden könnte. Es soll die päpstliche Allzweckwaffe, Kardinal Lorenzo Pucci, gewesen sein, der auf die Idee kam, den Ablasshandel als Einnahmequelle zu nutzen. Zu seiner Entlastung muss man sagen, dass der Ablasshandel schon vorher etabliert gewesen war – und schließlich wollte man das Geld für den Bau des neuen Petersdoms verwenden. Gesagt, getan. So wurde in Mitteldeutschland der erfahrene Ablassprediger und Dominikaner Johannes Tetzel mit der Angelegenheit betraut. Der Rest ist Geschichte! Oder wurde Geschichte, weil Leo die Einsicht fehlte, wieviel Sprengstoff in den Thesen Luthers steckte. Mönchsgezänk im kalten und nebligen Deutschland? Unwichtig, wir machen weiter!

Anfangs jedenfalls bestand noch die Möglichkeit, die Gemüter zu beruhigen. Hatte doch Luther selbst noch an den Papst als moralische Autorität appelliert. Am Ende entledigte der sich der Sache mit zwei Bullen, mit Verurteilung und Kirchenbann. Hatte die Kirche so nicht schon erfolgreich auf Johannes Hus reagiert? „Exsurge domine“, „Erhebe Dich Herr“, hieß die erste Bulle gegen Luthers Irrlehren nach ihren Anfangsworten, die dem 72. Psalm entnommen waren. Es erhoben sich aber nur Deutschland und seine Fürsten! Aussitzen ist offenbar keine exklusive Erfindung der Bundesrepublik.

Papst ging nicht gegen Amtsmissbrauch vor

Als Leos Nachfolger Hadrian VI. 1523 versprach, „überhaupt alles zu tun, was einem guten Hirten und wahren Nachfolger des heiligen Petrus zu tun gebührt“, war es schon zu spät. Letztlich lief Hadrians Programm auf eine Entweltlichung hinaus, die aber Leo X. zu viel abverlangt hätte.

Ludwig von Pastor hingegen spricht den Papst frei: Gegen die Allmacht und Starrheit der Kurie hätte er nichts ausrichten können. Auch das kennen wir. So hatte schon das fünfte Laterankonzil unter dem Vorsitz Leos einige Reformbeschlüsse gefasst, die den Amtsmissbrauch der Prälaten aushebeln sollten. Um deren Durchsetzung hat sich der phlegmatische Medici-Papst nur nie gekümmert. So wartete er auch bei Luther bis zuletzt seelenruhig ab. Das diplomatische Ränkespiel um die Wahl des Nachfolgers Maximilians I. war ihm wichtiger. Was für einige überzeugte Parteigänger damals wie die selbstsichere und ruhige Hand des Papstes aussehen mochte, führte schließlich zu einem halben Dexit.

Ausgeblutet

Am Ende reichte es dann nicht einmal mehr für die Kerzen, die das päpstliche Requiem beleuchten sollten. Das Papsttum war unter Leo ausgeblutet. Der Papst, der den Prunk so liebte, wurde in einem einfachen Grab in der Krypta des Petersdoms beigesetzt. Erst Paul III. errichtete ihm 1536 ein prunkvolles Grabmal in Santa Maria sopra Minerva. Mit ins Grab nahm Giovanni de Medici, genannt Leo X., auch die Versäumnisse seiner Vorgänger, deren Last er nicht zu tragen vermochte. Der Kirchenhistoriker Georg Schwaiger sprach sogar von einem der verhängnisvollsten Pontifikate der Kirchengeschichte.

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