Vatikanstadt

Wenn sich der Papst schonen muss

Bietet das vatikanische Protokoll dazu ausreichend Gelegenheit – Auch ansonsten kennt die Geschichte manche Erleichterung des Petrusdienstes.
„Sedia Gestatoria“
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Ein klassisches Hilfsmittel der Päpste, die „Sedia Gestatoria“, kam mit Johannes Paul II. außer Gebrauch.

Das Auftreten und Wirken des Oberhauptes der katholischen Kirche steht heute im unerbittlichen Fokus der Öffentlichkeit, das heißt der sozialen Medien. Dieser entgeht so gut wie nichts, was von einer von ihr geglaubten, erwarteten, manchmal sogar geforderten Norm abweicht.

Messe mit Papst - eine Choreopraphie

Päpste werden zumeist in fortgeschrittenem Alter in ihr Amt berufen. Befindlichkeiten, Gebrechen und Erkrankungen, die sie plagen, erklären sich aus diesem Umstand. Damit verbundene körperliche Unzulänglichkeiten gab es in vergangenen Pontifikaten schon immer, doch traten sie früher bedeutend weniger ins visuelle Bewusstsein. Zeremonielle und liturgische Gebräuche, die man damals im Vatikan pflegte, trugen dazu entscheidend bei.

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Die Feier der festlichen Messe mit dem Papst verlangte bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein eine nicht unbeträchtliche Vorbereitung, ein hohes Aufgebot an Mitwirkenden und eine bis ins Detail geplante „Choreographie“. Sie war daher keine Liturgie, die beliebig oft gefeiert werden konnte. „In persona“ zelebrierte sie der Papst nur wenige Male im Jahr; bei allen anderen Feiern, zu denen sich die „Cappella Papale – Päpstliche Kapelle“ einfand, stand ein Purpurträger oder ein Würdenträger aus dem Kollegium der geistlichen Päpstlichen Thronassistenten am Altar.

Purpurträger statt Papst

Im „Annuario Pontificio per l'anno 1863“ (Päpstliches Jahrbuch für das Jahr 1863) findet sich der liturgische Kalender für den Päpstlichen Hof abgedruckt. Zur Teilnahme an den dort aufgeführten rund 80 Zeremonien waren die Mitglieder der „Kapelle“ und „Familie“ des Papstes eingeladen beziehungsweise verpflichtet. Geht man das Verzeichnis aufmerksam durch, nimmt man gewahr, dass der Heilige Vater zwar den meisten Feierlichkeiten vorzustehen hatte, die Zelebration der heiligen Messe jedoch in der Regel einem Purpurträger oder einem der bischöflichen Thronassistenten überließ.

So vermerkt der Kalender für den 6. Januar: „Päpstliche Kapelle im Apostolischen Palast; die Messe singt eine Eminenz aus dem Ordo der Kardinalbischöfe, die Predigt hält der Generalprokurator des Servitenordens.“ Und zum Fest der Kathedra Petri: „Päpstliche Kapelle in der Vatikanischen Basilika; die Messe singt Seine Eminenz der hochwürdigste Kardinalerzpriester, es predigt ein [Priester-]Alumne der Diplomatenakademie.“ Nur vier Mal im Jahre 1863 hatte der Papst selber am Altar zu stehen und in höchst eigener Person die Eucharistie zu feiern: zu Ostern, Fronleichnam, Weihnachten und am Hochfest der Apostelfürsten Petrus und Paulus.

Liturgische und zeremonielle Praxis 

Vorgesehen war zudem, dass der Papst am 2. Februar die Weihe und die Austeilung der Kerzen vornahm, am Aschermittwoch das Aschenkreuz auflegte, zu „Laetare“ die „Goldene Rose“ benedizierte, am Palmsonntag die Palmen weihte und austeilte, am Gründonnerstag das Allerheiligste Altarssakrament von der Cappella Sixtina zur Cappella Paolina trug und das „Mandatum“ (Fußwaschung) durchführte, nach der Vigil zum Hochfest der Apostelfürsten die Pallien segnete und bei der Matutin des Weihnachtsfestes päpstliche Ehrengeschenke weihte sowie zu bestimmten Anlässen den Apostolischen Segen „urbi et orbi“ gewährte.

Die im „Annuario Pontificio“ von 1863 dargelegte liturgische und zeremonielle Praxis behielt der Päpstliche Hof bis in das 20. Jahrhundert fast unverändert bei. Änderungen traten nur dann ein, wenn außergewöhnliche Feierlichkeiten – wie Kanonisationen, Konsistorien zur Kardinalserhebung, Heilige Jahre und Jubiläen sowie Sedisvakanz, Konklave, Krönung des Papstes und Besitzergreifung des Lateran – anstanden.

Elegant geschoben

Der Vorsitz des Papstes bei liturgischen Feierlichkeiten, ohne dass er selber am Altar steht oder sämtliche Handlungen vornimmt, ist in den vergangenen Wochen zur Realität geworden und sollte ohne Vorbehalte und als angemessen akzeptiert werden. Wünschenswert wäre jedoch stets eine liturgische Kleidung des Pontifex, so wie am diesjährigen Hochfest der Apostelfürsten, und nicht bloß das Tragen einer weißen Soutane.

Bis zum Pontifikat des heiligen Johannes Paul II. (1978-2005) war die Sedia Gestatoria ein normales Fortbewegungsmittel der Päpste. Auf ihr wurden sie zu Gottesdiensten und Audienzen getragen. Ende der 1970er Jahre kam der Tragsessel außer Gebrauch. Eine Wiedereinführung erscheint undenkbar – zu sehr wird er mit einem vorgeblichen Triumphalismus in Verbindung gebracht. Denkbar aber ist ein Fahrgestell, das unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. (2005-2013) Verwendung fand. Es ermöglicht dem Papst, sitzend oder stehend durch die Menge zu fahren. Bedient, geschoben wurde es von zwei Sediari, den ehemaligen Trägern der Sedia Gestatoria. In Rom sprach man schmunzelnd von der „surfia“ des Papstes, die aber eine gewisse Eleganz vorweisen konnte.

Symbolhafte Präsenz

Auslandsreisen des Papstes waren bis zum Pontifikat des heiligen Pauls VI. (1963-1978) nicht üblich. Fand außerhalb der Ewigen Stadt ein für die katholische Kirche bedeutsames Ereignis statt, wählte man zur Verdeutlichung der Präsenz des Papstes die Entsendung einer hochrangigen Gesandtschaft. Der Papst ernannte hierzu einen Kardinal zu seinem Legaten „a latere – von der Seite“ (das heißt aus seiner unmittelbaren Umgebung). Beigegeben waren dem mit höchsten Privilegien ausgestatteten Legaten geistliche und weltliche Kammerherren und ein päpstlicher Nobelgardist. Wenn auch die letztgenannten Chargen nicht mehr existieren, könnte man eine künftige Legation vermehrt mit hochrangigen Laien und Klerikern des Päpstlichen Hauses ausstatten.

Am Eucharistischen Kongress, der im Juli 1981 in Lourdes stattfand, wollte Johannes Paul II. persönlich teilnehmen. Er war jedoch durch die Verletzungen des Attentates vom 13. Mai des Jahres daran gehindert. Um seine Präsenz unter den in Lourdes versammelten Gläubigen symbolhaft Wirklichkeit werden zu lassen, entsandte er nicht nur einen Legaten als sein Alter Ego („anderes ich“) dorthin, sondern er gab ihm zudem seinen Kreuzstab mit. Die Katholiken in dem Marienwallfahrtsort verstanden diese besondere Geste des Papstes als seine „Anwesenheit“.

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