IM BLICKPUNKT

Wenn Franziskus Farbe bekennt

Was sollen Katholiken von ihrem Papst halten? Vieles ist so verwirrend. Aber am Ende ist nur eines entscheidend: das Bekenntnis des Nachfolgers Petri vom ersten Weihnachtsfeiertag.
Papst spendet Segen «Urbi et Orbi» zu Weihnachten
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Papst Franziskus nach dem Weihnachtssegen «Urbi et Orbi».

Wer die Weihnachtsbotschaft – Gott ist vor 2000 Jahren Mensch geworden und wohnt seither unter uns – heute öffentlich macht, wird skeptisch angeschaut oder gar nicht erst beachtet. Papst Franziskus aber hat es genau darauf ankommen lassen. Er nutzte den besten „Sendeplatz“, den man sich in diesen Monaten überhaupt vorstellen kann: den Beginn seiner von einem Millionenpublikum auf zahllosen Sendern in aller Welt verfolgten Ansprache vor dem weihnachtlichen Segen „Urbi et orbi“.

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Der Weg des Dialogs 

„Das Wort Gottes“, sagte er, bevor er auf die Krisengebiete des Globus zu sprechen kam, „das die Welt erschaffen hat und der Geschichte und dem Weg des Menschen Sinn verleiht, ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Reiche und Arme, Mächtige und Notleidende, Christen, Muslime und Angehörige aller Religionen sollten es am ersten Weihnachtsfeiertag aus dem Munde des Papstes hören: Das Wort des Gottes der christlichen Offenbarung hat die Welt geschaffen und verleiht „der Geschichte und dem Weg des Menschen Sinn“. Gott selber sei, fuhr Franziskus fort, „wie ein Säuseln, wie das Rauschen einer sanften Brise erschienen, um das Herz eines jeden Mannes und einer jeden Frau, die sich dem Geheimnis öffnen, mit Staunen zu erfüllen“.

Und das sei kein Geschehen einer abgeschlossenen Vergangenheit, bekräftigte der Papst: „Indem Gott in der Person des fleischgewordenen Wortes in die Welt gekommen ist, hat er uns den Weg der Begegnung und des Dialogs gezeigt. Er hat diesem Weg in sich selbst eine leibliche Gestalt gegeben, damit wir diesen Weg erkennen und mit Vertrauen und Hoffnung beschreiten können.“ Heute noch. Jeder – ohne Ausnahme.

Nur soziale Tugenden

In den Nachrichten wurde Franziskus dann so wiedergegeben, als habe er zu Weihnachten nur soziale Tugenden gepredigt. Auch sein Brief an die Eheleute (siehe Seite 26) hat die Medien nicht interessiert. Aber das ist schon Benedikt XVI. und vor ihm Johannes Paul II. passiert: Die öffentliche Wahrnehmung schneidet aus der Verkündigung eines Papstes immer nur das heraus, was sie gerade noch ertragen kann. Dass Gott tatsächlich Mensch geworden ist und in der einen und wahren Kirche Jesu Christi unter uns lebt, gehört nicht (mehr) dazu.

Doch was sollen die Christgläubigen, die Katholiken, von ihrem Oberhaupt halten? Von Franziskus, jenem Papst, der einem manchmal wie die Reinkarnation eines Juan Perón auf dem Petrusstuhl vorkommt, darum überhaupt nicht zu fassen ist, weil er so gar nicht in das europäische Klischee eines „Konservativen“ oder „Progressiven“ passt? Der das Volk liebt und der Römischen Kurie ein für alle Mal das Gefühl von Suprematie und jeden klerikalen Dünkel austreiben will?

Ungenaue Rede

Was soll man von ihm halten, der manchmal – etwa bei „fliegenden Pressekonferenzen“ – so ungenau spricht, wie es Päpste nicht tun sollten? Schlag nach bei Matthäus, Kapitel 16: Petrus mag im Kreise der Jünger viel Menschliches von sich gegeben haben, als es aber im Gebiet von Cäsarea Philippi ernst um die Frage wurde, wer denn der Menschensohn sei, war Petrus ganz klar: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Und Jesus vertraute ihm die Kirche an.

Dieses Bekenntnis zählt. So wie das von Franziskus am vergangenen Samstag. Ihm muss man folgen.

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