Vatikanstadt

„Vier Nähen“ statt Klerikalismus

Priestertum in der Krise. Vor dem Hintergrund der Missbrauchskrise befasste sich eine Vatikan-Tagung mit Priestern und der Berufung aller Getauften. Es geht nicht um Macht.
Internationales Symposium im Vatikan
Foto: Stefano Dal Pozzolo (Romano Siciliani) | Papst Franziskus und Kardinal Marc Ouellet verloren kein Wort über den beim Synodalen Weg gefassten Beschluss, den Zölibat aufzuweichen.

Mit der im Dezember vergangenen Jahres in Kraft getretenen Reform des kirchlichen Strafrechts, einer Meldepflicht und verschärften Aufsicht sowie den Bestimmungen des Papstes gegen Vertuschung und Schweigekartelle in seinem Motu proprio „Vos estis lux mundi“ vom Mai 2019 hat der Vatikan die Zügel im Kampf gegen sexuellen Missbrauch durch Kleriker angezogen. In einem beträchtlichen Ausmaß sogar – wenn man das Instrumentarium von heute mit der Praxis vor etwa 20 oder 30 Jahren vergleicht. Aber ist man in Rom auch bis zum Kern dieses Dramas vorgedrungen?

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Theologie des Priestertums

Als Ende vergangener Woche etwa 500 Teilnehmer zu einer von Kurienkardinälen geleiteten Tagung zum Thema „Für eine Fundamentaltheologie des Priestertums– Zur Förderung aller Berufungen der Getauften“ in der Synodenaula des Vatikans zusammenkamen, war man deshalb darauf gespannt, auch etwas über die Ursachen dieser Krise des Priestertums und den Kern des Missbrauchsübels zu erfahren.

Kardinal Marc Ouellet, Präfekt der vatikanischen Bischofskongregation, hatte zu der Tagung eingeladen und sie von dem in Frankreich ansässigen „Forschungszentrum für die Anthropologie von Berufungen“ vorbereiten lassen. In seinem Eröffnungsvortrag gab er zumindest die Richtung an, in die man im Vatikan denkt, wenn es um die Bekämpfung des Missbrauchs geht. „Was kann man sich von einer Fundamentaltheologie des Priestertums in dem gegenwärtigen historischen Kontext erwarten, der vom Drama der sexuellen Missbräuche durch Kleriker dominiert wird?

Ein neues Gleichgewicht

Müsste man nicht darauf verzichten, vom Priestertum zu sprechen, wenn die Sünden und Verbrechen unwürdiger Amtsträger die ersten Seiten der internationalen Presse füllen, weil sie ihren Auftrag verraten oder weil sie die Schuldigen dieser Laster schändlicher Weise gedeckt haben?“ Als einen der Gründe dieser Untaten sah Ouellet einmal mehr das, „was Papst Franziskus Klerikalismus nennt“, um dann gleich zu erläutern: „Dieser Ausdruck ist ein allgemeines und zugleich konkretes Wort, das ein Bündel von Phänomenen – Machtmissbrauch, geistlicher Missbrauch und Missbrauch der Gewissen – beschreibt, von denen die sexuellen Missbräuche nur die sichtbare und perverse Spitze des Eisbergs sind, der von tiefer liegenden Abirrungen herrührt, die zu identifizieren und zu demaskieren sind“.

Und Ouellet stellte dazu folgende These auf, die auch erklärt, warum der Veranstalter das Thema Priestertum in den Zusammenhang mit der „Förderung aller Berufungen der Getauften“ gestellt hatte. Es habe im Verlauf der Geschichte eine Überbewertung der einen Form des Priestertums, der des geweihten, im Gegensatz zu der anderen Form, der des Priestertums aller Gläubigen, gegeben. Ouellet wörtlich: „Historisch gesehen hat die lehramtliche Verteidigung des priesterlichen Dienstes gegen die protestantische Reformation die andere wesentliche Dimension in den Schatten gestellt und so in gewisser Weise einer exzessiven Kontrolle der gesamten kirchlichen Gemeinschaft durch die Kleriker Vorschub geleistet.“ Da müsse ein neues Gleichgewicht geschaffen werden, so Ouellet.

Keine angemessene Weise

Die weiteren Referate gingen dann nicht in die Richtung, einfach den Zölibat abzuschaffen oder Frauen zu weihen, um das von Ouellet genannte Gleichgewicht zwischen geweihten Priestern und dem Priestertum aller Getauften wieder herzustellen. Auch sahen die Redner und Rednerinnen nicht alles durch die Brille der Machtfrage wie beim Synodalen Weg in Deutschland. Für die an der römischen Universität Gregoriana lehrende Dogmatikerin Michelina Tenace ist die Priesterweihe der Frau „keine angemessene Weise, ihre Würde anzuerkennen“. Ämter in der Kirche seien Dienste, die sich wiederum aus der Notwendigkeit dessen bestimmen, wie die Kirche ihre Aufgabe besser erfüllen könne. Zu dienen sei „kein Recht, sondern eine Pflicht“. Und zum Frauendiakonat sagte sie, die Mitglied der ersten, 2016 eingesetzten Kommission zum antiken Frauendiakonat war: Auch wenn es in der Antike Diakoninnen mit einer eigenen Beauftragung gab, so dürfe man heute alte Traditionen nicht einfach wiederbeleben.

Vom Leben eines „christlichen Priestertums“ im Alltag sprach die heute 55 Jahre alte Politikwissenschaftlerin Chiara Amirante, die mit 27 Jahren begonnen hatte, sich um Kinder und Jugendliche am römischen Bahnhof Termini zu kümmern. Sie erzählte vom „Volk der Nacht“, von Missbrauch, Drogen, Prostitution – vor allem aber dem Hunger nach Liebe und Zuwendung. In ihrer „Comunità Nuovi Orizzonti“, der Gemeinschaft „Neue Horizonte“, lebe sie ihr christliches Priestertum.

Eucharistie und Amt

Kardinal Kurt Koch, Präsident des vatikanischen Einheitsrats, stellte in seinem Vortrag den Zusammenhang zwischen Eucharistie und Amt heraus und verwies dabei auf die Gemeinsamkeit der katholischen und der orthodoxen Sicht, dass „alle Glieder der Kirche als Glieder des Leibes Christi an seinem Priestertum teilnehmen“. Doch im Dialog mit den aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften bleibe es bei der Schwierigkeit, „dass die zwischen den Kirchen fehlende Kommuniongemeinschaft nicht nur in Differenzen in der Lehre der Eucharistie oder des Abendmahls begründet ist, sondern prioritär in der Lehre des Amtes, da in katholischer Sicht die Feier der Eucharistie wesensgemäß des Priesters bedarf“. Nicht leichter werde der Dialog angesichts der Tatsache, dass im Luthertum weithin kein klarer Konsens darüber bestehe, wie die Ordination überhaupt zu verstehen sei. Papst Franziskus hatte die Tagung am Donnerstag mit einer langen und ausgearbeiteten Ansprache eröffnet.

Hatte Kardinal Reinhard Marx vor nicht langer Zeit im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ das Ende des Pflichtzölibats damit begründet, für manche Priester sei das besser, „nicht nur aus sexuellen Gründen, sondern weil es für ihr Leben besser wäre und sie nicht einsam wären“, so ging der Papst erst gar nicht auf die Frage der Priesterheirat ein. Er sprach von den Säulen, auf denen das priesterliche Leben gerade in den gegenwärtigen Zeiten des Umbruchs ruhen müsse und nannte diese die „vier Nähen“, die das Geschenk der von Gott erhaltenen Berufung lebendig erhalten würden. Es sei die „Nähe zu Gott“, die mehr sei als religiöse Praxis, sondern vor allem in einem wirklich geistlichen Leben bestehen müsse. Es sei die „Nähe zum Bischof“, die vom Priester erfordere, Gehorsam zu sein, vom Bischof aber ebenso, für seinen Klerus wirklich ein Vater zu sein.

Nähe zum Volk

Franziskus nannte dann die „Nähe unter den Priestern“, eine gegenseitige Liebe, die auf dem Wort Jesu gründe: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Wenn es Brüderlichkeit unter den Priestern gebe, könne man auch heiter und unbeschwert seine zölibatäre Grundentscheidung leben. „Der Zölibat“, so der Papst, „ist ein Geschenk, das die lateinische Kirche bewahrt, aber es ist ein Geschenk, das, um als Heiligung gelebt werden zu können, gesunde Beziehungen, Beziehungen wirklicher Wertschätzung und des wirklich Guten braucht, die ihre Wurzeln in Christus haben. Ohne Freunde und ohne Gebet kann der Zölibat zu einem unerträglichen Gewicht und zu einem Gegen-Zeugnis für die Schönheit des Priestertums werden.“ Und als vierte Säule nannte er die „Nähe zum Volk“, das wirkliche Mitleben in der Gemeinde, für die der Priester bestellt sei.

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