Vatikanstadt

„Unendlich viel Herbes und Schlimmes“

„Mit brennender Sorge“: Eine Enzyklika auf Deutsch. Die unmissverständliche Kampfansage von Pius XI. an den Nationalsozialismus.
Papst Pius XI.
Foto: Wikimedia/Gemeinfrei | „Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche...", so beginnt die einzige jemals in deutscher Sprache verfasste Enzyklika, die Papst Pius XI. am 14.

Wer die katholische Kirche liebt oder sich ihr zumindest innerlich verbunden fühlt, blickt durchaus sorgenvoll in die Zukunft. Und doch muss stets bedacht werden: Nicht der Mensch ist Herr über die Geschichte! Sein Verhalten – sogar die schlimmste Gräueltat – bleibt stets vorläufig und muss sich einst vor dem ewigen Richter verantworten.

So groß die Sorge um die Kirche in diesen Tagen auch sein mag, so zeigt ein Blick in die Geschichte, dass es immer wieder schwierige Situationen zu meistern gab; dass immer wieder Anfeindungen und Herausforderungen zu bewältigen waren; dass Gläubige und Päpste immer wieder mit brennender Sorge auf ihre jeweilige Gegenwart schauten.

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Nazis hielten die Welt in Atem

Am 14. März jährt sich eine solche Situation zum 65. Mal. Denn an diesem Tag vor 85 Jahren unterschrieb Papst Pius XI. die erste und bis jetzt einzige Enzyklika in deutscher Sprache. In seiner Biographie über Benedikt XVI. schreibt Peter Seewald diesbezüglich: „Die deutsche Enzyklika war ein Novum und ist es bis heute geblieben… Schon in der Symbolik, die im Datum der Bekanntgabe lag, dem Passionssonntag, war eine eigene Botschaft zu lesen. Mit dem Gang an die Öffentlichkeit machte der Vatikan deutlich: Die Beschwichtigungspolitik der deutschen Bischöfe ist gescheitert.“

Doch zurück ins Jahr 1937, in dem der Nationalsozialismus die Welt bereits in Atem hielt, auch wenn das Schlimmste erst noch bevorstand. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 verschlechterte sich das politische und gesellschaftliche Klima, vor allem in Deutschland, rapide. Das Ausland startete diplomatische Bemühungen, um den sich allmählich anbahnenden Krieg zu verhindern; so auch der Vatikan. Zwar hatte man bereits am 20. Juli 1933 das „Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem deutschen Reich“ geschlossen und wähnte sich zunächst politisch abgesichert.

Schwere Bedenken

Doch war spätestens 1937 klar, dass Hitler sich nicht an die Vertragsbedingungen hielt. Angesichts der schon im Vorfeld des Krieges durch die Nationalsozialisten begangenen Verbrechen verwundert es nicht, dass auch Papst Pius XI. sorgenvoll auf die Situation in Deutschland blickt und dies bereits im Titel seiner 17. (!) Enzyklika zum Ausdruck bringt, die sich mit der „Lage der katholischen Kirche im Deutschen Reich“ auseinandersetzt.

„Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche, die wachsende Bedrängnis der ihr in Gesinnung und Tat treubleibenden Bekenner und Bekennerinnen“, so schreibt er im ersten Satz seiner Enzyklika und erklärt, dass ihm von Bischöfen „unendlich viel Herbes und Schlimmes“ über die Situation in Deutschland berichtet worden sei. Im weiteren Verlauf des päpstlichen Schreibens geht Pius zunächst auf die Gründe ein, die zum Abschluss des Reichskonkordates geführt haben. Er lässt dabei jedoch keinen Zweifel daran, dass es seinerseits bereits im Jahr 1933 „manch schwere Bedenken“ gegeben habe.

Die deutsche Enzyklika war ein Novum

Die guten Absichten der Kirche und ihres Oberhauptes beim Abschluss des Konkordates seien jedoch vonseiten des Nationalsozialismus durch „Vertragsumdeutung“, „Vertragsumgehung“, „Vertragsaushöhlung“ und „Vertragsverletzung“ ignoriert worden. Deutlich spricht Pius XI. in diesem Zusammenhang von „Machenschaften, die von Anfang an kein anderes Ziel kannten als den Vernichtungskampf“. Auch wenn er die Täter nicht beim Namen nennt, was wohl auf die Redaktion seines wichtigsten außenpolitischen Beraters, Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, zurückgeht, nimmt Pius in der Charakterisierung der Nationalsozialisten kein Blatt vor den Mund: „Wer die Rasse, oder das Volk, oder den Staat, oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung … aus dieser ihrer irdischen Wertskala herauslöst, sie zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge.“

So ist denn auch in der Folge hinsichtlich des nationalsozialistischen Denkens von „Irrlehre“, „verderblichen Irrtümer[n]“ und „noch verderblichere[n] Praktiken“ zu lesen. Kritiker der Enzyklika monieren bis in die Gegenwart hinein, dass die Verbrechen gegen die Juden nicht thematisiert werden. Doch ist im klaren Bekenntnis Pius‘ XI. zum Alten Testament zugleich auch dieser wichtige Aspekt indirekt ins Auge gefasst, wenn es heißt: „Nur Blindheit und Hochmut können ihre Augen vor den heilserzieherischen Schätzen verschließen, die das Alte Testament birgt. Wer die biblische Geschichte und die Lehrweisheit des Alten Bundes aus Kirche und Schule verbannt sehen will, lästert das Wort Gottes, lästert den Heilsplan des Allmächtigen, macht enges und beschränktes Menschendenken zum Richter über göttliche Geschichtsplanung.“ Dass Pius XI. nicht vor einer noch deutlicheren Verurteilung des Antisemitismus zurückschreckte, zeigt zudem der Entwurf einer weiteren Enzyklika („Humani generis unitas“) aus dem Jahr 1938. Diese wurde jedoch aufgrund des Todes Pius‘ XI. am 10. Februar 1939 nicht mehr veröffentlicht.

Nicht nur im Stillen 

Zudem galt die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ nun einmal thematisch der Situation der katholischen Kirche in Deutschland, auf die sich Pius im weiteren Verlauf denn auch konzentriert. So prangert er die nationalsozialistischen Praktiken gegen gläubige Katholiken an, die „mit verhüllten und sichtbaren Zwangsmaßnahmen, Einschüchterungen, Inaussichtstellung wirtschaftlicher, beruflicher, bürgerlicher und sonstiger Nachteile“ unter Druck gesetzt werden.

Er geht auf die „Umdeutung heiliger Worte und Begriffe“ ein, auf die Loslösung einer nationalsozialistischen Sittenlehre vom christlichen Glauben und wendet sich in eindringlichen Worten an die Jugend. Priestern und Ordensleuten dankt er für ihre Treue zur Kirche und zum Glauben an Jesus Christus, im festen Wissen um „ordensfeindliche Maßnahmen“, mit denen sie immer stärker zu kämpfen haben. Pius XI. wendet sich aber auch an „die Getreuen aus dem Laienstande“ und ermutigt hier insbesondere die katholischen Eltern, die ihre Kinder – trotz aller Anfeindungen – im wahren Glauben erziehen.

So wird in der Gesamtschau auf die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ deutlich, dass die katholische Kirche nicht nur – wie ihr häufig vorgeworfen wird – im Stillen geholfen hat. Die eindringlichen und deutlichen Worte Pius‘ XI. beweisen das Gegenteil.


Der Text der Enzyklika.

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