Vatikanstadt

Papst Benedikt XVI.: Pontifex  zwischen den Welten

Zum 95. Geburtstag Benedikts XVI.
Papst Benedikt XVI.
Foto: Christian Gennari | Zum 95. Geburtstag Benedikts XVI.

Es war bei unserer ersten Begegnung im November 1992. Als ehemaliger Kommunist und Spiegel-Autor stand ich Joseph Ratzinger nicht sonderlich nahe. Umso überraschter war ich, als ich auf einen Mann traf, der nichts von einem Kirchenfürsten an sich hatte, und von einem "Panzerkardinal" schon gar nicht.

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Bescheiden und unprätentiös

Alles an ihm wirkte bescheiden, unprätentiös, zugänglich. Als es um seinen Job ging, gestand mir der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, er sei müde und ausgebrannt. Es müsse jetzt eine jüngere Kraft seine Aufgaben übernehmen. 13 Jahre später wird er, in einem der kürzesten Konklave der Geschichte, Oberhaupt der ältesten und größten Religionsgemeinschaft des Erdballs. Er stellte sogar noch einen Rekord auf: als der seit dem Apostel Petrus am längsten lebende Papst überhaupt.

Joseph Ratzingers Leben schrieb eine Jahrhundertbiografie. Es gibt keinen zeitgenössischen Deutschen, der ihm an Bedeutung gleichkäme. Da ist der blutjunge Professor als neuer Stern am Himmel der Theologie, der es vermochte, eine neue Frische und Intelligenz im Erkennen und Aussagen der Geheimnisse des Glaubens zu vermitteln.

Kirche in der Moderne

Der 35-jährige Spindoctor, dessen Initiativen das Zweite Vatikanum zu jenem Ereignis werden ließen, das die katholische Kirche in die Moderne katapultierte. Als Glaubenshüter trug er dafür Sorge, dass das Schiff Kirche auf Kurs blieb. Das im Evangelium überlieferte Wort Gottes, betonte er, sei zwar interpretierbar und enthülle immer neue Geheimnisse, sein Grundgehalt jedoch sei nicht verhandlungsfähig.

 

 

Der Großinquisitor als Papst 

Unvergesslich die historischen Tage im Frühjahr 2005. Kaum jemand glaubte wirklich daran, dass der "Großinquisitor" auch nur den Hauch einer Chance hätte, Papst zu werden. Als der neue Pontifex endlich selbst auf die Loggia des Petersdomes trat, löste sich ein Jubel ohne Grenzen. Un papa tedesco   ein deutscher Papst! Der erste wieder nach einem halben Jahrtausend. Er sei nur "ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn", stellte sich Benedikt XVI. vor. Ihn tröste jedoch "die Tatsache, dass der Herr auch mit ungenügenden Werkzeugen zu arbeiten und zu wirken weiß".

Ich mochte seinen trockenen Humor, seine Gelassenheit, den Einsatz für die Frömmigkeit der einfachen Gläubigen. Dialog war ihm wichtig. Legendär seine Dispute mit linken Intellektuellen, etwa dem Soziologen Jürgen Habermas. Bei unseren Gesprächen legte er gelegentlich ein Bein über die Stuhllehne, um dann, im Eifer der Diskussion, seinen Geist in höchste Höhen zu treiben. Joviales Schulterklopfen hingegen war nicht zu erwarten. Der Gedanke, mit dem Mann spätabends noch einen Whisky zu trinken, konnte gar nicht erst aufkommen. Niemals in den fast 30 Jahren, die ich ihn als Journalist begleite, lud er mich zum Essen ein. Wohl auch deshalb, um die journalistische Distanz nicht zu unterlaufen, die die Grundlage für unsere Interviews bildete.

Eine Welt ohne Gott 

Geprägt in einer Jugend, als der Wahn, eine Welt ohne Gott, und einen "neuen Menschen" schaffen zu wollen, in Terror und apokalyptischer Verwüstung endete, verließ Ratzinger nie der Mut, sich gegen das "man" zu stellen. Gegen das, was "man" zu denken, zu sagen und zu tun habe. Eine Wahrheit auch dann auszusprechen, wenn sie unbequem ist, fühlte er sich genauso verpflichtet wie dem Widerstand gegen alle Versuche, aus der Botschaft Christi eine Religion nach den Bedürfnissen der "Zivilgesellschaft" zu machen.

Im Grunde rannte kein Kirchenmann so vehement gegen die Verflachung und Verbürokratisierung seiner Kirche an wie der Präfekt der Glaubenskongregation. Insbesondere dem katholischen Establishment in Deutschland hielt er vor, es habe die "Dynamik des Glaubens" abgewürgt durch Geschäftigkeit, Selbstdarstellung und lähmende Debatten um Strukturfragen, "die am Auftrag der katholischen Kirche völlig vorbeigehen". Im Übrigen habe es der Kirche nie geschadet, ihre Güter aufzugeben, um stattdessen ihr Gut zu bewahren.

Wie viel Schmutz

Unüberhörbar seine Anklage am Karfreitag des Jahres 2005: "Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm (Christus, A.d.R.) ganz zugehören sollten?"

Ab den 80er-Jahren übernahmen Journalisten das Wording vom "Großinquisitor", das Hans Küng in die Welt setzte   neben die Legende von der Wende Ratzingers vom Progressiven zum Reaktionär  , um den ehemaligen Kollegen kaltzustellen. In Wirklichkeit hatte es diese Wende nie gegeben. Wer etwa Ratzingers "Einführung in das Christentum" liest, wird darin vor 1968 keinen anderen Theologen finden als nach  68.

Der Neutestamentler Siegfried Wiedenhofer war deshalb überzeugt: Im Eigentlichen sei es im Konflikt mit Ratzinger "um eine epochale Wegscheide in der Kirchengeschichte" gegangen. Zur Disposition stand, Jesus nach dem Credo weiterhin als den Christus, den Sohn Gottes anzuerkennen, oder lediglich als historische Figur, die interessante ethische Ansätze zur Diskussion stellte. "So gesehen stand nicht weniger auf dem Spiel", so Wiedenhofer, "als die Identität des Glaubens und seine Relevanz in der modernen Welt."

Zwischen den Welten

Nicht zuletzt verstand sich Benedikt XVI. als der Pontifex zwischen den Welten. Als der letzte einer alten und der erste einer neuen. Tatsächlich war er der letzte Papst, der am eigenen Leib den Terror der Nazis und den Weltkrieg erlebte. Der Letzte, der ein Europa verkörperte, das sich in seiner Kultur, seiner Wissenschaft, seinem Glauben auf das Erbe der griechischen und römischen Antike sowie der religiösen Prägung durch das Juden- und Christentum stützte.

Der erste aller Stellvertreter Christi, dem es gegeben war, der Menschheit eine Christologie vorzulegen. Und schließlich der Erste, der eine Kirche voraussah, die wieder in der Diaspora existieren wird   und der für die schwierige Situation der Katholiken in einer den Überlieferungen des Christentums wieder feindlich gegenübertretenden Umwelt das Konzept anbot, auch in einer säkularisierten Gesellschaft wirken zu können.

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Die Auseinandersetzung um das Vermächtnis Benedikts wird anhalten. Unmöglich jedoch könnte ein 
seriöser Historiker behaupten, ohne Ratzinger wäre die Geschichte genauso verlaufen wie mit ihm. Sein für die Zukunft von Kirche und Welt bedeutendes Erbe ist das eines Jahrhundertzeugen, eines Mannes der Mitte, der versuchte, in der Erneuerung zu bewahren, in der Bewahrung zu erneuern.

Benedikt XVI. verkörpert dabei wie kaum jemand sonst das Narrativ einer Kirche, die ihren Stifter und dessen Auftrag in den Mittelpunkt stellt   und nur so Orientierung und Hoffnung geben kann; weit über alles Irdische hinaus. Wäre die katholische Kirche in Deutschland seiner Linie gefolgt, hätte sie sich nicht, ähnlich wie die deutsche Politik, gegenüber einem potenziell feindlichen Aggressor, in ihren Lebenslügen eingesponnen, sie stünde heute vielleicht nicht mitgliederstärker, aber gewiss profilierter, glaubensstärker und überzeugender da.

Eine himmlische Regie

Es lässt fast an eine himmlische Regie denken, dass der diesjährige Geburtstag des deutschen Papstes auf einen Karsamstag fällt, auf dieses zeichenträchtige Datum, an dem Ratzinger vor 95 Jahren das Licht der Welt erblickte und die Taufe empfing. Der "Erste des neuen Osterwassers" zu sein, bekannte er, sei in seiner Familie "immer als eine Art Privileg betrachtet worden, in dem eine besondere Hoffnung, auch eine besondere Weisung liegt, die sich im Laufe der Zeit enthüllen muss". Dieses "Bewusstsein" habe ihn stets begleitet, so dass er versucht habe, die Aussage des Karsamstags "immer tiefer zu verstehen"   auch als ein "Programm für mein Leben".

In die Tiefe hinab

In der Symbolik dieses Tages, so Ratzinger, liege etwas "von der Situation der menschlichen Geschichte überhaupt". Da seien "einerseits die Dunkelheit, das Ungewisse, das Fragende, die Gefährdungen, das Drohende   aber auch die Gewissheit, dass es Licht gibt, dass es sich lohnt, zu leben und weiterzugehen".

Letztlich sei Jesu karsamstägliches Hinabsteigen "in die unterste Tiefe", die Sphäre der Gottverlassenheit, dieses "dunkelste Geheimnis des Glaubens", auch "das hellste Zeichen der Hoffnung": "Die Liebe ist eingedrungen in das Reich des Todes: Auch in der extremsten Dunkelheit können wir eine Stimme hören, die uns ruft, eine Hand suchen, die uns ergreift und uns nach draußen führt."


Portal der Tagespost- Stiftung ermöglicht persönliche Geburtstagsgrüße an Papst Benedikt XVI. 

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