Vatikan

Johannes Paul I. war ein unverdientes Geschenk Gottes

Ein neuer seliger Papst. Der Fürsprache von Johannes Paul I. wurde jetzt ein Wunder zugesprochen. Damit steht der Seligsprechung des 33-Tage-Papstes nichts mehr im Weg.
Kardinal Karol Wojtyla bei Papst Johannes Paul I.
Foto: (dpa) | Der Erzbischof von Krakau, Kardinal Karol Wojtyla (r), während einer Audienz bei Papst Johannes Paul I. im Jahr 1978.

Am 13. Oktober hat Papst Franziskus den Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren in Audienz empfangen. In ihr gab er seine Zustimmung zu einem Dekret, mit dem ein Wunder Anerkennung findet, das der Fürsprache von Albino Luciani, Papst Johannes Paul I., zugeschrieben wird. 2011 war ein damals elfjähriges Mädchen aus Buenos Aires Argentinien, das an einer unheilbaren Krankheit litt, nach Anrufung des verstorbenen Pontifex auf wundersame Weise geheilt worden. Damit ist nun der Weg für die Seligsprechung des  Papstes frei.

Unermüdlicher Seelsorger

Albino Luciani wurde am 17. Oktober 1912 in Forno di Canale (heute: Canale d'Agordo) in der norditalienischen Provinz Belluno geboren. Er war der Sohn eines Arbeiters, der lange Zeit als Emigrant in der Schweiz das Auskommen der Familie gesichert hatte. Dem Wunsch und Anliegen seines Vaters, stets „auf der Seite der Armen zu stehen, denn Christus war auf ihrer Seite“, blieb Luciani sein Leben lang treu.

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1935 empfing er die Priesterweihe. 1958, unmittelbar nach der Wahl von Johannes XXIII., ernannte und weihte ihn der Papst zum Bischof von Vittorio Veneto. Mit Begeisterung nahm Luciani am Zweiten Vatikanischen Konzil teil und setzte sich für dessen Umsetzung ein. Er galt als unermüdlicher Seelsorger, der es sich auch als Bischof nicht nehmen ließ, Beichte zu hören.

Demut im Wappen

In den Jahren, in denen über die Rechtmäßigkeit der Empfängnisverhütung diskutiert wurde, sprach er sich für eine Offenheit der Kirche in der Verwendung der Antibabypille aus. Nachdem jedoch Paul VI. in seiner Enzyklika „Humanae Vitae“ (1968) anders entschieden hatte, stellte sich der Bischof in Treue zum Lehramt hinter das päpstliche Schreiben.

Paul VI., der auf Luciani aufmerksam geworden war, ernannte ihn 1969 zum Patriarchen von Venedig und erhob ihn vier Jahre später in den Kardinalsrang. Großes Unbehagen empfand der Oberhirte der Serenissima bei einem Vorfall des Jahres 1972. Damals war Paul VI. in der Lagunenstadt zu Besuch. Auf dem Vorplatz der Markusbasilika legte der Papst zur Verblüffung der Venezianer dem Patriarchen seine Stola um. Luciani errötete und bemerkte entsetzt: „Heiligkeit, was tun Sie da?“ – „Wir wissen genau, was Wir tuen“, antwortete ihm Paul VI. Die Stola findet nach diesem Ereignis kein einziges Mal mehr Verwendung. Sie habe in der Schublade zu bleiben, schärfte Luciani seiner Umgebung mit einen für ihn ungewöhnlich harten Tonfall ein. Vielleicht korrespondierte dieser „Befehl“ auch mit einer Prophezeiung, die ihm angeblich von der letzten Seherin von Fatima mitgeteilt worden sei: Er werde einst den Stuhl Petri besteigen, aber nur kurz auf ihm verweilen. Über diese Spekulation hinaus verweist er jedoch auf den Wappenspruch Lucianis: „Humilitas – Demut“.

Ein altes Auto

Das Jahr 1978 gehörte zu den „anni di pimbo“ Italiens, der „bleiernen Zeit“, in der das Land unter Attentaten, Entführungen und Morden, rechtem und linkem Terror litt. Hohe Kirchenmänner wurden in umstrittenen Papieren der berüchtigten Geheimloge P2 zugerechnet, das Bankinstitut des Vatikans in Finanzskandale hineingezogen und Aldo Moro, der ehemalige Ministerpräsident Italiens, entführt und ermordet.

Am 6. August des Jahres stirbt Paul VI. Die Kardinäle machen sich zur Wahl eines neuen Papstes nach Rom auf. Unter ihnen auch Albino Luciani. Nur mit Mühe und Not kommt er mit einem alten Wagen in der Ewigen Stadt an, immer wieder hatte der Motor des Vehikels ausgesetzt. Seinen Sekretär bittet er, auf eine rasche Reparatur zu drängen: „Mitte nächster Woche werden wir wieder nach Hause fahren können.“

Der lächelnde Papst

 

 

Doch der Patriarch hat nicht mit dem unnachgiebigen Wehen des Heiligen Geistes gerechnet. Am 26. August hat er sich „urbi et orbi“, Rom und der Welt, auf der Benediktionsloggia von Sankt Peter als Johannes Paul I. zu zeigen. Sein Lächeln berührt die Menschen. Schon mit dem ersten Auftreten erobert er die Herzen. Seinen nunmehr auch päpstlichen Wappenspruch „Humilitas“ verlebendigt er. Auf der Krönung mit der Tiara verzichtet er. Dem Getragenwerden mit Sedia Gestatoria stimmt er nach anfänglichem Zögern zu – um besser gesehen zu werden.

Trotz der Freude über die Wahl des „lächelnden“ Papstes und der damit verbundenen Hoffnungen steht auch dieses Pontifikat im Schatten der „anni di piombo“ und tragischer Ereignisse. Bei der Messe zum Amtsantritt des Papstes detonieren am Beginn der Via della Conciliazione Autobomben; vom Petersplatz aus nehmen die Gläubigen deren Rauchsäulen wahr. Tage später stirbt in den Armen Johannes Pauls I. Metropolit Nikodim von Leningrad, der von der russisch-orthodoxen Kirche zu der Feierlichkeit entsandt worden war, an einem Herzinfarkt. Bei den Generalaudienzen, die der neue Pontifex erteilt, zeigt sich, welch hochgebildeter Katechet und begnadeter Seelenhirte der Kirche geschenkt worden war.

Schock nach 33 Tagen

Nur 33 Tage nach seiner Wahl wird der italienische Kurienkardinal Sergio Pignedoli gegenüber einem Fernsehsender erklären: „Wir hatten dieses Geschenk Gottes nicht verdient!“ Am Morgen des 29. September stehen Rom und die Welt unter Schock. Der Papst ist tot. Er sei bei der Lektüre einer frommen Schrift entschlafen und von einem seiner Privatsekretäre tot aufgefunden worden, lässt der Heilige Stuhl verlauten. Doch der herzkranke Johannes Paul I. verschied beim Aktenstudium, und als erste Person stand dem Verstorbenen eine Ordensschwester gegenüber.

Aber für die Hüter der vatikanischen Etikette darf das nicht sein. Sie ahnen nicht, dass sie Verschwörungstheorien einen fruchtbaren Boden bereiten. „Sie haben ihn umgebracht“, wird es in Rom heißen. David Yallop trägt 1984 mit seinem Buch „Im Namen Gottes?“ zur Entstehung einer düsteren Legendenbildung bei. Und Francis Ford Coppola macht den Tod des Papstes in seinen Film „Der Pate III“ zum Thema, stellt ihn als Mord dar. Zu überaus kurzen Pontifikaten kennt man in Rom den Ausspruch: „Ostensus magis quam datus – Mehr gezeigt als gegeben“. Doch die 33 Tage Johannes Pauls I. haben ausgereicht, der Universalkirche und der Welt Heiligkeit aufzuzeigen. Eine Heiligkeit, die durch die anstehende Seligsprechung fortwirkt und zum Ansporn für uns alle wird.

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