Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Zwischen Pizza und Pasta

In Mediengewittern

Wenn der Römer essen geht, werden die Schlagzeilen sortiert: Was ist falsch, was könnte stimmen, wer hat was warum lanciert.
das Bistro „Perdinci“
Foto: Guido Horst | Das Bistro „Perdinci“ liegt einen Steinwurf von Santa Marta entfernt in der Via della Stazione di S. Pietro, Hausnummer 8.

Der römische Kollege hat einmal „nachrecherchiert“. Es waren magere 9.000 Follower, mit denen jener anonyme Account auf dem Nachrichtendienst „X“ aufwarten konnte, bevor er vor Kurzem mit der Falschmeldung für Aufsehen sorgte, Papst Leo habe das Staatssekretariat angewiesen, dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron keinen Termin für eine Audienz zu gewähren. Doch genau diese Nachricht wurde dann eine Million Mal aufgerufen, landete in römischen Tageszeitungen und schwappte von dort dank leichtgläubiger Medienagenturen ins Ausland über. Das Pikante war, dass der Falschmelder als Quelle für die angebliche Order des Papstes Erzbischof Giovanni Cesare Pagazzi angab, ehemals Sekretär des Dikasteriums für die Kultur und seit einem knappen Jahr Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche. Also vom Fach her um Lichtjahre von den „politischen“ Schalthebeln des Vatikans entfernt, fügt der Kollege an und bestellt passend zu der Fake News „Strozzapreti (Priesterwürger) all’Amatriciana“ und ein Glas Wein.

Lesen Sie auch:

Wir sitzen im „Perdinci Bistrò“, ein beliebter Ort für Vatikangeflüster, weil es im Schatten der Audienzhalle liegt, allerdings auf der anderen Seite der „heiligen Mauer“, und schmackhafte Snacks durchgehend von 10 Uhr morgens bis spät in die Nacht serviert. Der Kollege zeigt mir den Post, mit dem die französische Botschaft in Rom postwendend auf den Fake reagierte: „Falsch. Wir sind gerade dabei, das Treffen zu organisieren. Die Diplomatie kann vieles bewirken. Aber die Terminkalender des Papstes und des Präsidenten aufeinander abzustimmen, bleibt eines der größten Rätsel ... Wir werden ein schönes Foto machen.“

Päpste weisen keine Staatsoberhäupter ab

Der Vatikan brauchte länger. Einen Tag später teilte er über seinen Pressesprecher mit, die von einigen Medien dem Vatikan-Archivar zugeschriebenen Äußerungen habe es nicht gegeben. Da hatte Erzbischof Pagazzi schon längst alles klargestellt: Er habe nie etwas Derartiges gesagt, und darüber hinaus gehörten Beziehungen zu Staatsoberhäuptern nicht zu seinen Aufgaben, erklärte er gegenüber den etwas braveren Journalisten, die sich noch die Mühe machen, schräge Nachrichten erst einmal zu verifizieren. Denn Päpste weisen aus Prinzip keine Audienzgesuche eines Staatsoberhaupts ab, meint der Kollege, in der Vergangenheit habe dies selbst für international geächtete Diktatoren gegolten. Wir wenden uns einer „Saltimbocca alla Romana“ mit Chips aus Polenta zu und sprechen darüber, wie der Vatikan denn seine wirklich gewollten Botschaften lanciert.

Denn dienstags, wenn Papst Leo XIV. einen Tag in der „Villa Barberina“ in Castel Gandolfo verbringt, erwartet ihn abends vor der Rückfahrt ein ganzer Pulk von Journalisten, der dem Papst auch Äußerungen zu durchaus politischen Fragen entlocken will. Von wegen „entlocken“: Der Kollege ist sich sicher, dass diese „spontanen“ Treffen mit der Presse von den vatikanischen Medienleuten ziemlich gut vorbereitet sind. Wie es heißt, wagt er zu vermuten, würden zumindest mit den „Vaticanisti“ des Staatsfernsehens RAI, die ja keine kritisch nachbohrenden Reporter, sondern eher gefügige Sprachrohre sind, die Fragen, die sie dem Papst stellen, vorher genau abgesprochen. Denn Papst Leo antworte stets so flüssig und druckreif, als habe er schon gewusst, wozu er was zu Protokoll geben könne. Etwa als er – gefragt nach den Ukraine-Verhandlungen – eine Lanze für die Europäer brach: „Es ist unrealistisch, ein Friedensabkommen anzustreben, ohne Europa in die Gespräche einzubeziehen. Der Krieg findet in Europa statt, und ich denke, dass Europa bei den angestrebten Sicherheitsgarantien dabei sein muss.“ Da saß wirklich jedes Wort. 

Das Bistro „Perdinci“ liegt einen Steinwurf von Santa Marta entfernt in der Via della Stazione di S. Pietro, Hausnummer 8.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Mario Monte Das Römische Reich Emmanuel Macron Erzbischöfe Leo XIV. Päpste

Weitere Artikel

Wenn der Römer Vertrauliches zu besprechen hat, verlässt er kurz die Stadt. Kulinarische Perlen gibt es dort wie Sand am Meer.
26.10.2025, 07 Uhr
Redaktion

Kirche

Die katholische Kirche galt einmal als die stabile Institution an sich. Der Synodale Weg zeigt, dass dies nicht mehr so ist. Welche Fragen das aufwirft, kann man bei Arnold Gehlen lernen.
02.02.2026, 12 Uhr
Sebastian Sasse
ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp beklagt fehlende Antworten Roms auf Schreiben des Synodalen Weges. Tatsächlich hat der Vatikan mehrfach reagiert.
02.02.2026, 16 Uhr
Dorothea Schmidt