Geschichte

Heribert Schauf: Emsig, aber im Hintergrund

Eine weitere Folge über die „Köpfe des Konzils“: Der Diözesanpriester und Peritus Heribert Schauf fand nicht viel Anerkennung, hinterließ aber viele Spuren in den Texten des Zweiten Vatikanums.
Heribert Schauf, unbequem, aber einflussreich
Foto: Archiv | Unbequem, aber einflussreich: Heribert Schauf.

Wenn es die „Deutsche Tagespost“ nicht gegeben hätte, wäre Heribert Schauf zum Schweigen verurteilt worden. Schauf hatte in die doch sehr einseitige Berichterstattung über die „Nota praevia“ in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eingreifen wollen. Seine Darstellung passte aber offensichtlich nicht in das Konzilsbild, was die Presse, mit wenigen Ausnahmen, während des Konzils begünstigte, so dass sein Artikel – wie er schrieb ?– „jedoch nach zehn Tagen mit höflichem, vielsagendem Brief zurückgesandt wurde“. Doch lag die Ablehnung wirklich am Inhalt oder vielleicht eher am Autor des Artikels?

Heribert Schauf, geboren 1910 in Düren, war ein hochintelligenter, aber charakterlich nicht ganz einfacherer Aachener Diözesanpriester. Er hatte die Ausbildung in Rom genossen und bei Sebastian Tromp im Jahr 1937 an der Gregoriana promoviert. In der Diözese hatte er zu Konzilszeiten das Amt des Subregens im Seminar inne, im Laufe seines Lebens hatte er jedoch auch noch etliche andere Aufgaben in Aachen übernommen. Dass er bereits 1960 als Theologe zur Vorbereitung des Konzils und später als offizieller Konzilsperitus berufen wurde, verdankte er zunächst Alfredo Ottaviani, der „Nummer 1“ des Heiligen Offiziums, und seinem Doktorvater Sebastian Tromp. Beiden ging er gerne zur Hand und scheute auch die eher stumpfsinnige Redaktionsarbeit der Texte nicht. Aber aus seinem Tagebuch (erschienen im Bautz Verlag im Jahr 2021) geht auch hervor, dass er stets vergeblich darauf wartete, Anerkennung für seine Mühen zu finden. Vielleicht hätte er es verdient, für seine Arbeit – die deutlich mehr Spuren in den Konzilstexten hinterlassen hat als zum Beispiel die eines Karl Rahner – wenigstens eine Ehrung zu bekommen.

Ein unbequemer Zeitgenosse

Das Konzil prägte ihn sein ganzes Leben lang, so dass seine Schriften sich bis ins Jahr seines Todes – er starb im August 1988 – mit den Konstitutionen der Kirchenversammlung beschäftigten. Wobei ihn auch die Ehelehre der Kirche interessierte, über die er schon während der Vorbereitung des Konzils oft mit Franz Hürth, dem langjährigen Moraltheologen Pius‘ XII., diskutierte. Ein letztes und erstes Thema durchzieht auch seine gesamte wissenschaftliche Tätigkeit: die beiden Theologen des 19. Jahrhunderts, Karl Passaglia und Clemens Schrader. Über die Einwohnung des Heiligen Geistes in ihrer Theologie hatte er promoviert.

Schauf war sich nicht nur in der Wissenschaft selbst treu, er war es auch seinen Freunden. Er hielt den Kontakt zu seinen Professoren an der Gregoriana bis zu deren Tod aufrecht, er traf gerade in den Konzilsjahren viele Germaniker-Kollegen und war auch neuen Bekanntschaften nicht verschlossen. Sicherlich stimmt aber auch, was ihm Bischof Jaeger einmal sagte, und er geflissentlich und ehrlich in seinem Tagebuch notierte: „Wen Sie auf den Hörnern haben, den lassen Sie nicht mehr los“. Kein anderer Konzilstheologe produzierte so viele Anmerkungen und Artikel gegen die theologischen Meinungen seiner Kollegen: Otto Semmelroth SJ, Joseph Ratzinger und Eduard Schillebeeckx gehörten zu den intellektuellen „Feinden“.

Der unbequeme Zeitgenosse hatte jedoch in vielem recht. Schauf studierte mit Eifer jedes Problem und scheute dafür keine Mühe, so dass seine Positionen theologisch durchaus große Beachtung fanden.

Kleine und große Theologen

In den letzten Konzilsjahren, als es um die Offenbarung und ihre Quellen ging, beschäftigte er sich intensiv mit dem Thema. Das Konzil von Trient hatte sich in dieser Frage der Offenbarung schon angenommen. So sagt jenes Konzil, dass „diese Wahrheit und Lehre in geschriebenen Büchern und ungeschriebenen Überlieferungen enthalten“ ist. Bedeutete dies, dass die Offenbarung zum Teil in der Heiligen Schrift und zum Teil in der Tradition zu finden ist, oder muss man die Offenbarung sowohl in der Schrift als auch in der Tradition suchen? Gibt es eine Quelle der Offenbarung oder zwei? Die Diskussion darüber entbrannte schon in den fünfziger Jahren und im Konzil kam sie, vor allem unter den Theologen, noch einmal heftig auf.

Doch war Schauf sehr bewusst, dass bei einem Konzil die Bischöfe – die Konzilsväter – die Lehre bestimmten und nicht die Theologen mit ihren Meinungen. Vielleicht hatte es das Konzil von Trient mit seiner Ausdrucksweise besser getroffen, es nannte die Konzilsväter „große Theologen“ und die Konzilstheologen „kleine Theologen“. Die „kleinen Theologen“ diskutierten miteinander und die „großen Theologen“ konnten den Diskussionen beiwohnen. Auf dem Zweiten Vatikanum brachten die Bischöfe der wohlhabenden Länder persönliche Theologen mit, die ihnen raten konnten. Und trotzdem kam es nicht selten vor, dass die Konzilsväter wenig Ahnung von der theologischen Diskussion hatten und oft auch nicht die Lateinkenntnisse, um der Diskussion zu folgen. Schauf vermerkte einmal: „Soll es denn wirklich wahr sein, dass die Bischöfe, da sie nicht mehr den Glauben und die Lehre ihrer Kirche bezeugen, zu den Papageien ihrer Theologen werden?“

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Anerkennung für die „Intransingenten“

Wie war Schauf da froh, dass viele Konzilsväter in ihren Änderungswünschen zum Offenbarungsschema seiner Meinung waren. Im Tagebuch schreibt er, nachdem er die Voten der Konzilsväter ausgewertet hatte, sie hätten doch in vielen Fällen geschrieben: „Es sei nicht alles der Schrift zu entnehmen und aus ihr zu beweisen, was Glaubenslehre sei. Also genau meine These!“ Doch bringt Schmitz van Vorst in einem Artikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Mitte Oktober 1965 noch eine Sensationsnachricht, die Schauf glücklich machen musste: Der Papst stehe hinter den „Intransingenten“, wie die Zeitung die „Konservativen“ nannte. „Zu den von Paul VI. vorgeschlagenen Abänderungen soll die Betonung der Insuffizienz der Schrift gehören, der Gedanke, dass die Bibel als Offenbarungsquelle nicht ausreiche. Damit würde die Zwei-Quellenlehre (Schrift und Tradition) automatisch bekräftigt.“ Schauf konnte feststellen, dass der Papst auf seine Linie lag, und auch das Ergebnis des Konzils lässt ihn zufrieden zurück.

Der eingangs zitierte Artikel Schaufs in der „Tagespost“ gab dem Autor noch einmal Gelegenheit, doch noch ein wenig Anerkennung zu erhalten. Der Vertrauenstheologe Pauls VI., Carlo Colombo, bat ihn um den Artikel in der „Tagespost“, weil er ihn wohl zitieren wollte. Dabei erfahren wir noch, dass Schauf auch über einen theologischen Gegner einen kleinen Sieg erringen konnte: „Dann fragte Colombo nach meinem Artikel in der Deutschen Tagespost und erbat ihn. Ich versprach ihm ihn. Er wolle ihn für eine größere Sache, das heißt einen Artikel über die Nota benützen. Ich sagte ihm, was Ratzinger in seiner Nota über die Nota sage. Wir waren uns einig, dass das nicht genüge. Man müsse auch positiv zeigen, welche Bedeutung der ,Nota praevia‘ zukomme. Ratzinger habe ihm, Colombo, einen Artikel zugesandt, und er, Colombo, habe ihn in zwei wesentlichen Punkten nicht genügend befunden.“

Eine kleine Genugtuung für einen Mann, der trotz seiner großen Fähigkeiten immer zu kurz gekommen war, aber im Konzil große Dinge geleistet hat, wie vor etlichen Jahren auch sein einstiger Gegner gern zugegeben hat.

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