Vaticanum II

Henri de Lubac: Erneuerer der Tradition

"Tagespost"-Reihe über die „Köpfe des Konzils“: Henri de Lubac prägte nicht nur Joseph Ratzinger und Hans Urs von Balthasar, sondern auch das Zweite Vatikanum.
Kardinal Henri de Lubac, französischer Theologe und Jesuit
Foto: KNA-Bild (KNA) | Erst Lehrverbot, dann Jahrhunderttheologe: Kardinal Henri de Lubac, französischer Theologe und Jesuit.

Wenn es um die Frage geht, welcher katholische Denker des 20. Jahrhunderts mitunter vollkommen unterschiedlich gesinnten Theologen und Kirchenmännern wie Joseph Ratzinger, Hans Urs von Balthasar, Walter Kasper und Karl Lehmann als intellektueller Lehrmeister diente, dann lautet die Antwort unisono: Henri de Lubac. Der 1983 von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal kreierte Jesuitenpater zählt zu den bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts und beeinflusste sowohl mit seinen Schriften als auch mit seiner Persönlichkeit nicht nur zahlreiche Theologen, sondern auch den Fortgang des Zweiten Vatikanischen Konzils maßgeblich.

Zurück zu den Vätern und ihren Quellen

Mit gerade einmal 17 Jahren trat Henri-Marie Joseph Sonier de Lubac, wie der 1896 im französischen Cambrai geborene und aus einer alteingesessenen Adelsfamilie stammende Theologe hieß, der Gesellschaft Jesu bei, der er bis zu seinem Lebensende angehörte. 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde er eingezogen und erlitt 1917 eine schwere Kopfverwundung, deren Folgen wie Kopfschmerzen und Schwindelgefühle ihn zeitlebens belasteten und ihn immer wieder dazu zwangen, mit seiner intellektuellen Arbeit zu pausieren. Bis kurz vor seiner Abkommandierung zur Front 1914 und dann schließlich von 1920 bis 1928 studierte de Lubac Philosophie und Theologe unter anderem in Canterbury, auf der britischen Kanalinsel Jersey, in Hastings und Lyon – und legte in diesen Jahren den Grundstein für sein umfangreiches theologisches Wissen und Schaffen. Denn de Lubac erwies sich in diesen scheinbar stillen Jahren als eifriger und systematischer Leser der Väterliteratur – und konnte hierdurch neben einem immensen Wissenserwerb zudem einen großen, nach Kirchenvätern und Themen sortierten Zitatenschatz anhäufen. Dieser ermöglichte es ihm, seine späteren Werke innerhalb eines erstaunlich kurzen Zeitraums niederzuschreiben – und durch zahlreiche Quellenbezüge seine zuweilen überraschenden Äußerungen und Ansichten akribisch zu belegen.

Bereits ab 1923 begann der als hochintelligent wahrgenommene und nobel auftretende de Lubac zu unterrichten, 1927 wurde er zum Priester geweiht. Von 1929 bis 1961 war er zudem Professor für Fundamentaltheologie und Religionsgeschichte am Institut catholique in Lyon. 1938 erschien dann sein erstes Werk, das bahnbrechende „Catholicisme“, welches 1943 von niemand Geringerem als Hans Urs von Balthasar ins Deutsche übertragen wurde – zunächst unter dem Titel „Katholizismus als Gemeinschaft“, seit 1970 jedoch als „Glauben aus der Liebe“. Von Balthasar studierte von 1933 bis 1937 bei Henri de Lubac in Lyon Theologie – und entwickelte sich im Laufe der Jahre nicht nur zu de Lubacs maßgeblichem Übersetzer, sondern aufgrund seines in Einsiedeln ansässigen Johannes-Verlags auch zum hauptsächlichen Verbreiter von de Lubacs Werken im deutschsprachigen Raum.

Wegbereiter des Ressourcement

Über die Bedeutung von „Catholicisme“ für sein eigenes Leben sowie die katholische Theologie des 20. Jahrhunderts schrieb wiederum Joseph Kardinal Ratzinger in den 1980er-Jahren: „Für mich wurde die Begegnung mit diesem Werk zu einer wesentlichen Markierung auf meinem theologischen Weg. Lubac … macht uns die Grundintuition des christlichen Glaubens auf eine neue Weise sichtbar, so dass von dieser inneren Mitte her alle Einzelheiten in neuem Lichte erscheinen … Die Idee des Katholischen, des Allumfassenden … ist der Schlüssel, der die Tür zum rechten Verstehen des Ganzen öffnet. Das Wunderbare dabei ist, dass Lubac … die Väter zum Sprechen bringt und uns so die Stimme des Ursprungs in ihrer Frische und in ihrer erstaunlichen Aktualität hören lässt.“

So gelang es de Lubac aufgrund seines theologischen Ansatzes, der das Denken der lateinischen und griechischen Väter neu ins Bewusstsein brachte, als Vorreiter der irritierenderweise vielfach als „Nouvelle théologie“ bezeichneten „Zurück zu den Quellen und Vätern“-Bewegung zu gelten. Diese heute korrekt als „Ressourcement“ bezeichnete Bewegung interessierte sich nicht nur neu für die Vätertheologie, sondern auch für eine spirituelle Bibelexegese, Typologie, Kunst, Literatur und Mystik – und konnte damit zwar an das Wirken orthodoxer Theologen wie Georges Florovsky, Vladimir Lossky oder Alexander Schmemann anknüpfen, sorgte innerkatholisch jedoch auch für große Irritationen.

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Erst Lehrverbot, dann Jahrhunderttheologe

Die Folge: Einige der am Ende rund 40 Werke, die Henri de Lubac im Laufe der Jahrzehnte verfasste, galten vor allem in neothomistischen Kreisen der 1950er-Jahre als „modernistisch“. Und nachdem Papst Pius XII. in seiner Enzyklika „Humani generis“ von 1950 anscheinend eben jener „Nouvelle théologie“ eine klare Abfuhr erteilte, ohne jedoch de Lubac und andere explizit beim Namen zu nennen, erhielt dieser wegen seiner Gnadenlehre, die er 1946 in seinem Werk „Surnaturel“ darlegte, vom Jesuitenorden acht Jahre Lehrverbot – eine Situation, die sein Verhältnis zur Gesellschaft Jesu dauerhaft schädigen sollte.

Doch er machte aus der Not eine Tugend und veröffentlichte in dieser Zeit, da er sich zu kirchlichen beziehungsweise katholischen Themen nicht mehr äußern durfte, drei Bücher über den Buddhismus. Später verteidigte er zudem in drei weiteren Büchern seinen Ordensbruder Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) gegen einseitige und destruktive Kritik, ohne jedoch die Schwachstellen von Teilhards Denken zu übersehen.

1960 dann die endgültige Rehabilitierung: Kardinal Pierre-Marie Gerlier, Erzbischof von Lyon, ernannte ihn zu seinem Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil – und gerade der Einfluss de Lubacs sowohl auf die Konzilsdokumente „Lumen gentium“ und „Gaudium et spes“ als auch bereits ebenjener Einfluss vor dem Konzil, den seine Schriften und Gedanken auf zahlreiche Konzilsteilnehmer ausübten, gilt unter Experten als unbestritten.

Verteidiger der Tradition

Die spätere „nachkonziliare Krise“ nahm der Vordenker des zeitgenössischen Katholizismus zum Anlass, deutlich zugunsten der Tradition zu argumentieren. So diagnostizierte er in „Krise zum Heil“: „Die Tradition der Kirche wird verkannt und nur noch als Last empfunden. (…) Dieser Tradition, die glaubend empfangen und im Glauben weitergeführt wird, stellt man vermessen die eigene persönliche ,Reflexion‘ entgegen.“ Eine Tradition, die Henri de Lubac unter anderem aufgrund seiner intensiven Auseinandersetzung mit den Vätern („Glauben aus der Liebe“), dem Wiederaufzeigen des vierfachen Schriftsinns bei Origenes („Geist aus der Geschichte“), der Wesensbestimmung von Kirche („Corpus Mysticum“, „Die Kirche“) und Glauben („Credo“) und dank seiner Durchdringung des philosophisch-politischen Nihilismus („Über Gott hinaus. Die Tragödie des atheistischen Humanismus“) neu zum Erstrahlen gebracht hat. Wie Johannes Paul II. zu sagen pflegte: „Ich neige mein Haupt vor Pater de Lubac.“

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