Vatikanstadt

Hauptsache, das Treffen der Kardinäle hat stattgefunden

Das Konsistorium der Kardinäle mit dem Papst brachte keine Überraschungen. Doch Franziskus nutzte die Gottesdienste dieser Tage, um in seinen Predigten drei starke geistliche Anstöße zu geben.
Franziskus
Foto: IMAGO/VATICAN MEDIA / ipa-agency.net (www.imago-images.de) | Franziskus bei der Predigt vor den Kardinälen am zweiten Tag des nicht-öffentlichen Konsistoriums.

Das lang erwartete Konsistorium der Kardinäle der Weltkirche ist am vergangenen Dienstag zu Ende gegangen, ohne dass irgendetwas von dem geschehen wäre, was die Unkenrufer so alles vorhergesagt hatten: Weder ist Papst Franziskus zurückgetreten, noch hat er seinen Nachfolger aus der Tasche gezogen oder die Wahlordnung des Konklave so geändert, dass der Kandidatenkreis erheblich eingeengt würde. Auch wird es (vorerst) keine Kardinälin geben – was in Rom in den vergangenen Wochen immer wieder diskutiert worden war.

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Kein Rücktritt

Noch nicht einmal – was man schon eher erwartet hatte – hat Franziskus das Konsistorium genutzt, um das Prozedere bei zukünftigen Fällen von Papst-Rücktritten eindeutig zu regeln. So war der nicht-öffentliche Teil des ordentlichen Konsistoriums am Montag und Dienstag das, was er im Grunde auch sein sollten: eine Gelegenheit zum Austausch, ein Sich-Kennenlernen – und das besonders mit Blick auf die neuen Kardinäle aus den Randgebieten der Kirche, die die älteren Purpurträger und die sich auch selber untereinander überhaupt nicht kannten. Und das in einer gelösten und brüderlichen Atmosphäre, wie gleich mehrere Teilnehmer anschließend übereinstimmend berichteten. Knapp zweihundert Kardinäle nahmen an dem Konsistorium teil, man teilte sich zum Gespräch in Sprachgruppen auf – eine deutsche Sprachgruppe gab es nicht, dafür sind die Deutschsprachigen im Kardinalskollegium zu wenige.

Kardinäle sollen „feurige Mission“ erfüllen

Allerdings hat der Papst im Verlauf dieser Tage drei programmatische Predigten gehalten, die es verdienen, kurz nachgezeichnet zu werden. Die erste am Samstag, als er am Nachmittag im Petersdom 20 neue Kardinalshüte verlieh und über den Satz Jesu aus dem Lukasevangelium predigte: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen.“ Dieses Feuer, so Franziskus, stehe für die „mächtige Flamme“ des Heiligen Geistes. An die Kardinäle gewandt rief er gerade die Hirten der Kirche dazu auf, wie Elias eine „feurige Mission“ zu erfüllen: „Für uns, die wir in der Kirche zu einem besonderen Dienst unter den Menschen berufen sind, ist es, als würde Jesus uns die brennende Fackel übergeben und sagen: Nehmt sie, ,wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch‘ (Joh 20,21). So will der Herr uns seinen apostolischen Mut, seinen Eifer für das Heil aller Menschen, niemand ausgeschlossen, weitergeben.

Er möchte uns seine Großherzigkeit, seine grenzenlose, vorbehaltlose, bedingungslose Liebe mitteilen, denn in seinem Herzen brennt die Barmherzigkeit des Vaters.“
Aber es gebe da noch ein Feuer, so Franziskus weiter, von dem das Evangelium spreche, das Kohlenfeuer, das Jesus selbst für die Jünger am See von Tiberias entzündet habe. Dieses Feuer stehe für den „Stil Gottes“: Nähe, Mitgefühl und Zärtlichkeit. „Dieses Feuer brennt in besonderer Weise in der Anbetung, wenn wir in Stille vor der Eucharistie verweilen und die demütige, unauffällige und verborgene Gegenwart des Herrn wie ein Kohlenfeuer erfahren, so dass diese Gegenwart selbst zur Nahrung für unser tägliches Leben wird.“

Flug zu Coelestin

Auch das wolle der Herr den Hirten der Kirche vermitteln, „damit wir wie er mit Sanftmut und Treue, mit Nähe und Zärtlichkeit viele Menschen die Gegenwart des lebendigen Jesus in unserer Mitte spüren lassen können“. In dieser Predigt hob der Papst sehr darauf ab, dass die Kardinäle – aber mit ihnen alle, die in der Kirche Verantwortung tragen – die Gegenwart des lebendigen Jesus Christus spüren lassen. Was kann es Wichtigeres geben gerade in den Teilen der Kirche, wo die Kirche an Attraktion verloren hat und von vielen verlassen wird.

Am Sonntag flog Franziskus mit dem Helikopter nach L'Aquila, wo er die Heilige Pforte zu der diesjährigen Vergebungs-Wallfahrt der „Perdonanza Celestiniana“ öffnete und auch die vom Erdbeben der Jahres 2009 heimgesuchte Bevölkerung stärken wollte. Vor der Basilika „Santa Maria in Collemaggio“, in der die Gebeine des freiwillig zurückgetretenen Papstes Coelestin V. ruhen, setzte er dem Papst des Amtsverzichts nochmals ein Denkmal, der nicht, wie Dante in der „Göttlichen Komödie“ geschrieben habe, der Mann „der großen Weigerung“ gewesen sei, nicht ein Mann des „Nein“, sondern ein Mann des „Ja“.

Willen Gottes erfüllen

Es gebe keine andere Art, so Franziskus, den Willen Gottes zu erfüllen, „als die Kraft der Demütigen anzunehmen. Gerade weil sie so sind, erscheinen die Demütigen vor den Augen der Menschen als Schwache und als Verlierer, aber in Wirklichkeit sind sie die wahren Sieger, weil sie die einzigen sind, die vollkommen auf den Herrn vertrauen und seinen Willen kennen.“ Die Stärke der Demütigen sei der Herr – „nicht Strategien, menschliche Mittel, die Logik dieser Welt. In diesem Sinne war Coelestin V. ein mutiger Zeuge des Evangeliums, denn keine Logik der Macht hat ihn einsperren, ihn kontrollieren können. In ihm bewundern wir eine Kirche, die frei ist von der Logik dieser Welt und Zeugnis ablegt für den Namen Gottes, der Barmherzigkeit ist. Das ist das Herzstück des Evangeliums, denn Barmherzigkeit bedeutet, dass wir uns auch in unserem Elend geliebt wissen.“

Gott sei die Stärke der Demütigen

Und dann die dritte Predigt, in der Franziskus etwas Programmatisches zu sagen hatte, gehalten nach den zweitägigen Gesprächen mit den Kardinälen, als er am Dienstagnachmittag die Messe mit ihnen feierte. War es ihm am Samstag um die „brennenden“ Hirten gegangen, die das Feuer des Heiligen Geistes weitergeben, am Sonntag um das Frei-Sein der Kirche und ihrer Verantwortlichen von der Logik dieser Welt, so ging es ihm bei der Abschlussmesse mit den Kardinälen um das Staunen.

Als Jesus die Apostel ausgesandt habe, alle Völker zu seinen Jüngern zu machen und sie zu taufen, habe Gott die Menschen in seinen Heilsplan mit einbezogen. „Die unergründliche göttliche Entscheidung, die Welt ausgehend von dieser armseligen Gruppe von Jüngern zu evangelisieren, die – wie der Evangelist anmerkt – noch voller Zweifel waren, lässt uns immer wieder staunen. Aber genau betrachtet ist das Staunen, das sich einstellt, wenn wir auf uns schauen, die wir heute hier versammelt sind und denen der Herr dieselben Worte gesagt und dieselbe Sendung übertragen hat, nicht anders!“

In sommerlicher Ruhe

Dankbares Stauen sei der Weg, legte Franziskus dar und sagte: „Wahrhaftig, das Wort Gottes erweckt heute in uns ein Staunen darüber, dass wir in der Kirche sind, dass wir Kirche sind! Und das ist es, was die Gemeinschaft der Gläubigen anziehend macht, zunächst für sie selbst und dann für alle: das doppelte Geheimnis, in Christus gesegnet zu sein und mit Christus in die Welt zu gehen. Dieses Erstaunen wird mit den Jahren nicht kleiner, es wird nicht weniger, wenn unsere Verantwortung in der Kirche wächst. Gott sei Dank ist das nicht der Fall. Es wird stärker, es wird tiefer. Ich bin mir sicher, dass dies auch für euch gilt, liebe Brüder, die ihr nun dem Kardinalskollegium angehört.“

Am Ende dieses sonderbaren Ferienmonats August, in dem in anderen Jahren über dem Vatikan noch sommerlicher Ruhe liegt und in dem diesmal die Kardinäle der Weltkirche für Unruhe und viele Erwartungen sorgten, waren es am Ende nicht die Kirchenpolitik oder spektakuläre Entscheidungen des Papstes, die das Konsistorium prägten, sondern zutiefst geistliche Worte des Papstes, der die alten und neuen Kardinäle für ihre Mission stärken wollten.

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Inflation von Synodalität

In den zweitägigen Gesprächen der Kardinäle in den Sprachgruppen und mit dem Papst gab es auch ganz praktische Fragen, die angesprochen wurden: So etwa die lehrmäßig zu klärende Frage, ob die Grundlage der Rechtsprechung in der Kirche das Weiheamt oder die höchste Vollmacht des Papstes sei. Andere Kardinäle sprachen die Inflation des Wortes „Synodalität“ an, das verwendet werde, um alles zu rechtfertigen, auch solches, wo eher die Communio gefragt sei. Andere Sprachgruppen beschäftigten sich ausgehend von der neuen Konstitution zur Kurienreform mit der stärkeren Einbeziehung von Laien in die Führungsebene der vatikanischen Dikasterien, wobei auch aufgelistet wurde, welche dieser Behörden von einem Laien geleitet werden könnten.

Kein Spektakel, sondern geistlicher Rat

Das alles war eher ein Gedankenaustausch – auch zu einem Thema, das dann am Dienstagnachmittag erörtert wurde: Die katholische Kirche steht vor dem Heiligen Jahr 2025, es wird unter dem Motto „Pilger der Hoffnung“ gefeiert und will in mehreren Etappen vorbereitet werden. Hilfreich wäre es, wenn die neu geordneten Dikasterien des Vatikans nun auch eine verjüngte Spitze erhalten und die Zuständigkeiten für die Hinführung zum Heiligen Jahr klar verteilt würden. Aber wie gesagt, Nägel mit Köpfen zu machen war nicht Gegenstand dieses Konsistoriums. Und ob die drei starken geistlichen Impulse, die Papst Franziskus in diesen Tagen setzen wollten, nun auch in der ganzen Kirche ihre Kreise ziehen, bleibt noch abzuwarten.

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