Kirchenkrise

Eine durchschlagende Kirchenreform

Was der Synodale Weg wieder einführen will: Die Krise der Kirche im 10./11. Jahrhundert endete, als die „Laieninvestitur“ und die Priesterehe abgeschafft wurden.
Aachener Liuthar-Evangeliar
Foto: Wikipedia | Der Kaiser als Stellvertreter Gottes: Im Aachener Liuthar-Evangeliar erscheint Otto III. als unmittelbar von Gott gekrönt.

Der Ausdruck „finsteres Mittelalter“ hat sich so sehr ins kollektive Bewusstsein eingebrannt, dass er – vorwiegend in den Medien oder ideologisch aufgeladen – tautologisch gebraucht wird. Dass jedoch elfhundert Jahre – die zwischen dem 5. und dem 16. Jahrhundert – wohl kaum samt und sonders als „finster“ oder „dunkel“ bezeichnet werden können, liegt auf der Hand. Dagegen sprechen unter anderem die karolingische oder die ottonische „Renaissance“ und etwa auch die sich aus den Domschulen und dem Generalstudium verschiedener Orden entwickelnden Universitäten als weltweites Erfolgsmodell für die Förderung der Wissenschaft.

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Dunkles Jahrhundert

Kann der Beiname „dunkel“ nicht für das gesamte Mittelalter gelten, so bezeichnet der Fachbegriff „Saeculum obscurum“ (dunkles Jahrhundert) doch das zehnte und die erste Hälfte des elften Jahrhunderts, genauer den Zeitraum von 882 bis 1046. Der gewaltsame Tod von Johannes VIII. – dem historischen Vorbild für die Legende der „Päpstin Johanna“ – markiert den Beginn der wohl größten Krise des Papsttums und insgesamt der Kirche.

Durch den Niedergang der Karolinger, die seit der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstag 800 durch Papst Leo III. als Erneuerer des römischen Kaisertums zugleich zur Schutzmacht des Papstes geworden waren, wurde das Papstamt wie schon in der Zeit vor Leo III. zum Zankapfel unter den römischen Adelsfamilien. Päpste wechselten sich in schneller Folge ab – Bonifatius VI. amtierte 896 lediglich 15 Tage, Theodor II. 897 nur 20 Tage. Etliche Päpste wurden ihres Amtes enthoben, andere landeten im Kerker oder wurden ermordet. Schauriger Höhepunkt: die „Leichensynode“, auf der Stephan VI. 897 seinen Vorgänger Formosus, den er hatte exhumieren lassen, posthum als Häretiker verurteilen ließ.

Schutzfunktion der Päpste

Mit Johannes XII., der wohl als Minderjähriger 955 das Amt antrat, beginnt das römisch-deutsche Kaisertum: Mit der Kaiserkrönung des ostfränkischen Königs Otto I. 962 wird nicht nur das römische Imperium erneuert. Nun übernehmen die deutschen Könige die Schutzfunktion für die Päpste. Damit kamen jedoch das Papsttum und insgesamt die Kirche vom Regen in die Traufe. Zwar hörte das Papstamt auf, ein Spielball des römischen Adels zu sein. Die Weihe des gewählten Papstes sollte aber erst vorgenommen werden, nachdem dieser dem kaiserlichen Vertreter einen Treueid auf den römisch-deutschen Kaiser abgelegt hatte.

Es begann eine Auseinandersetzung zwischen der weltlichen und der geistlichen Gewalt. Anlässlich der großen Ausstellung „Otto der Große, Magdeburg und Europa“ 2011 sagte etwa Magdeburgs Bischof (und Kirchenhistoriker) Gerhard Feige: „Der König und noch mehr der Kaiser verstand sich im Mittelalter als Vertreter Christi“. Habe sich das Königtum bis dahin „durch Abstammung legitimiert“, so habe sich Otto durch die „sakrale Weihe“ über die Reichsfürsten gestellt. Denn: „Königs- und Kaiserweihe wurden als Sakrament verstanden.“

Die Kaiserweihe wurde als Sakrament verstanden

Dieses Selbstverständnis führte zu der Frage, wer im „Reich Gottes auf Erden“ im Sinne einer Vermischung von Thron und Altar Stellvertreter Gottes sei – der Kaiser oder der Papst. Für die Ottonen war die Antwort eindeutig: der Kaiser. Ikonografisch wird dies deutlich in Darstellungen etwa der Krönung Ottos III. unmittelbar von Gott – und nicht vom Papst. Auf solchen Darstellungen wie dem im Liuthar-Evangeliar stehen Adlige wie Bischöfe eine Stufe unter dem Kaiser.

Denn Otto I. der Große (912–973, ab 936 König, ab 962 Kaiser) stützte seine Herrschaft verstärkt auf die Reichskirche. Obwohl der herkömmliche Begriff „Reichskirchensystem“ inzwischen in der Forschung umstritten ist, steht fest, dass Otto durch großzügige Ausstattung der Kirche mit Gütern und Hoheitsrechten die Voraussetzung für den Reichsdienst der Bischöfe und Äbte schuf. Eine besondere Stütze in der Ausbildung der Reichskirche fand er in seinem jüngsten Bruder Brun, den er zum Erzbischof von Köln ernannte, sowie in seinem unehelichen Sohn Wilhelm, den er zum Erzbischof von Mainz machte.

Eigenkirchen 

Parallel zur Stellung des Kaisers als Lehnsherr der Bischöfe entwickelten sich die freilich seit Jahrhunderten verbreiteten sogenannten Eigenkirchen weiter. Auf deren Grund und Boden hatten Laien das Recht der Investitur: Sie bestimmten, wer als Priester geweiht werden sollte; sie setzten Pfarrer und Äbte ein und ab. Da die Eigenkirchen und -klöster gekauft und vererbt werden konnten, wuchs deren Verweltlichung bis hin zum Kauf und Verkauf geistlicher Ämter (Simonie). Die Geistlichen gerieten in zwei Einflussbereiche: den des Kaisers beziehungsweise des Lehnherrn und den des Papstes respektive des Bischofs.

Einher ging damit eine systemische Sittenlosigkeit, die sich insbesondere im Ungehorsam gegenüber dem Bischof und in der Verbreitung der Priesterehe äußerte. Das kirchliche Leben war an einem moralischen Tiefpunkt angelangt.
Ausgehend von der cluniazensichen Reformbewegung wurde diesen Entwicklungen dadurch entgegengewirkt, dass über die Stellung von Laien und Klerikern zueinander und über die Stellung des Papstes nachgedacht wurde.

Gegen Simonie und Priesterehe

Hier setzte das sogenannte Reformpapsttum ein. Es richtete sich einerseits gegen die Simonie und die Priesterehe: Der Zölibat sollte durchgesetzt werden. Bereits 1022 wiederholte die Kirchenversammlung unter Benedikt VIII. auf dem Konzil von Pavia die Pflicht der Kleriker bis einschließlich des Subdiakons zum Zölibat.

Andererseits ging es um die Freiheit der Kirche gegen die weltliche Macht und insbesondere gegen die Laieninvestitur. So bestimmte die von Nikolaus II. 1059 erlassene Papstwahlordnung, dass der Papst von den Kardinälen gewählt werden sollte. Das Kardinalkollegium wurde ausgebaut und die römische Kurie institutionalisiert. Das Verbot der Laieninvestitur führte zum Investiturstreit.

Kirchliche Ordnung

An dessen Ende wurden mit dem „Wormser Konkordat“ 1122 nicht nur die Bischofsernennungen zugunsten des Papstes, sondern auch die Emanzipation der geistlichen Gewalt von der weltlichen und somit die Trennung von Thron und Altar entschieden.

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Laut dem bekannten französischen Historiker Jacques Le Goff (1924–2014) wurde es zum Hauptziel der Reform, „die kirchliche Ordnung zu einer unabhängigen Ordnung zu machen und den weltlichen Herren die Ernennung der Bischöfe, Äbte und Pfarrer zu entreißen“. Dafür mussten schwere Missstände innerhalb der Kirche, etwa die Verweltlichung des Klerus, der Ämterkauf und die Priesterehe, beseitigt werden.

Aus der Geschichte lernen

Angesichts dieser geschichtlichen Erfahrungen ist es verwunderlich, dass heute der Synodale Weg in seinen Forderungskatalog mit einer stärkeren Beteiligung der Laien bei Bischofsernennungen und einer Lockerung des Priesterzölibats ausgerechnet zwei Entwicklungen aufnimmt, die zu einer der schwersten Krisen in der Kirchengeschichte führten. Aus der Geschichte lernen, heißt es ja, die Fehler der Vergangenheit wenigstens nicht bewusst zu wiederholen.

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