Weihe

Die späte Antwort auf die Bitte Mariens

Der Dogmatiker Manfred Hauke analysiert die Bedeutung der Weihe Russlands und der Ukraine an das Unbefleckte Herz Mariens im Licht der Botschaft von Fatima.
Friedensgebet mit Papst Franziskus
Foto: Vatican Pool (Romano Siciliani) | Auf diesen Tag hatten viele Gläubige jahrelang gewartet: Papst Franziskus weiht Russland dem Unbefleckten Herzen Mariens.

Ziemlich kurzfristig hatte Papst Franziskus angeordnet, „für den 25. März, das Fest der Verkündigung, einen feierlichen Akt der Weihe der Menschheit und insbesondere Russlands und der Ukraine an das Unbefleckte Herz Mariens zu vollziehen, damit sie, die Königin des Friedens, den Frieden für die Welt erlangen möge.“ Ebenso kurzfristig hat Manfred Hauke, einer der besten Kenner und Förderer der Mariologie im deutschen Sprachraum – und darüber hinaus –, ein kompaktes Werk über die Vorgeschichte dieses Weiheaktes vorgelegt.

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Theologische Grundlage

Zunächst beleuchtet er den Inhalt und die Möglichkeit einer solchen Marienweihe und erläutert ihre theologische Grundlage. Er geht auch auf die Einwände mancher Theologen ein, die eine Weihe eines Menschen, ganzer Länder oder der ganzen Welt problematisieren, weil sie auch Menschen einbeziehe, die nicht darum gebeten hätten. Hauke verweist auf Papst Leo XIII., der vor der Weihe der Welt an das Heiligste Herz Jesu 1899 ein theologisches Gutachten eingeholt hatte. Es gehe dabei um die Weihe an das Herz Jesu als Zeichen der gottmenschlichen Liebe, was jeden Zwang ausschließe.

Zur Weihe Russlands und der Ukraine erklärt Hauke: „Die dort lebenden Menschen sind zu einem erheblichen Teil getaufte Christen, die (sofern es sich um  Orthodoxe und Katholiken handelt) Maria bereits als ihre geistliche Mutter verehren.“ Papst Franziskus hat diesen Gesichtspunkt in seiner Predigt am 25. März erwähnt.

Die neue Eva

Hauke verweist auf die Worte Jesu vom Kreuz an Maria und Johannes, mit denen er beide als Mutter und Sohn einander anvertraut. Ferner geht er auf die Rolle Marias bei der Menschwerdung des Gottessohnes ein. „Sie verkörpert in ihrer eigenen Person die innigste Weihe eines Geschöpfes an Gott.“ Hier liege  auch die „Begründung für die intensive Fürbitte Marias, die sich auf alle Menschen richtet.“ Als „neue Eva“ habe sie eine Sendung für die ganze Kirche und die ganze Menschheit.

Die Bitte der Gottesmutter um die Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz in der zweiten Erscheinung vor den Hirtenkindern am 13. Juli 1917 konnten die Kinder gewiss nicht verstehen. Schwester Lucia hatte sie auf Bitten des Bischofs erst 1941 näher ausgeführt. Darin sind auch ihre Erfahrungen in späteren Erscheinungen (Pontevedra 1925) eingeflossen. Hier bat Maria um die Einführung der Sühnesamstage. Am 13. Juni 1929 erschien ihr Jesus in seinem Kreuzesleiden und Unsere liebe Frau von Fatima mit ihrem Unbefleckten Herzen, einer Dornenkrone und Flammen.

 

 

Mit allen Bischöfen 

Sie sprach zu ihr, dass der Augenblick gekommen sei, „in dem Gott den Heiligen Vater auffordert, in Vereinigung mit allen Bischöfen der Welt die Weihe Russlands an mein Unbeflecktes Herz zu vollziehen.“ Schwester Lucia hatte diese Erfahrung auf Bitten ihres Beichtvater aufgezeichnet. Sie ergänzt, dass die Bedingung genannt wurde, die von Maria 1925 in Pontevedra erbetene Praxis der Sühneandacht an den ersten Monatssamstagen vom Papst gebilligt und empfohlen werden solle. Pius XI. reagierte trotz der Benachrichtigung durch den Beichtvater und den Bischof von Leiria darauf nicht. „Papst Pius XII. weihte 1942 die Welt an das Unbefleckte Herz Mariens und forderte die Bischöfe auf, seinem Beispiel zu folgen.“ Das Weihegebet „vermeidet aber (aus diplomatischen Gründen) eine ausdrückliche Nennung“ Russlands.

Erst 1952 erfolgte die Weihe der Völker, aber ohne Einbeziehung des Weltepiskopats. Eine Gelegenheit dazu ließ das Zweite Vatikanische Konzil verstreichen, obwohl über 700 Bischöfe Papst Paul VI. darum gebeten hatten. Am 21. November weihte er die ganze Welt und das Zweite Vatikanische Konzil dem Unbefleckten Herzen Mariens, ohne Russland zu erwähnen. „Papst Johannes Paul II. nahm am 25. März 1984 in Verbindung mit dem Weltepiskopat eine Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens vor und spielte dabei auf die Bedeutung Russlands an, ohne es freilich ausdrücklich zu nennen. Schwester Lucia sah damit die Bitte der Gottesmutter nicht gänzlich erfüllt an. Durch einen Brief von Kardinal Casaroli wurde sie aufgefordert festzustellen, dass die Weihe Russlands erfolgt sei.

Anerkennung der Sühnesamstage

Manfred Hauke zieht aus der langen Vorgeschichte das Fazit, „dass eine ausdrückliche öffentliche Weihe Russlands durch Papst und Bischöfe an das Unbefleckte Herz Mariens vor dem 25. März 2022 noch ausstand. Das Gleiche gilt für eine formelle päpstliche Anerkennung und Empfehlung der Sühnesamstage, die nach der Weihe durch Papst Franziskus noch zu unternehmen wäre.“ Der Autor hatte noch vor fünf Jahren die Aussichten dafür skeptisch beurteilt. Er nennt aber einige Indizien, die auf die Wertschätzung der Botschaft von Fatima durch Papst Franziskus hinweisen: Er hat die beiden Seherkinder Francisco und Jacinta am 13. Mai 2017 heiliggesprochen.

Er hat den Patriarchen von Lissabon gebeten, sein Pontifikat Unserer Lieben Frau von Fatima zu weihen, was der Patriarch mit allen portugiesischen Bischöfen am 13. Mai 2013 in Fatima erfüllte. Am 25. November wurde Putin von Papst Franziskus im Vatikan empfangen. Ob er den Papst auf die Weihe Russlands an das Herz Mariens angesprochen hat, wie es ihm einige Personen nahegelegt hätten, ist ungewiss. Damals gab sich Putin jedenfalls noch den Anschein eines auf Frieden bedachten Politikers. Das sollte sich bald ändern.

Bitte der Gläubigen

Nach der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland 2014 hatten die ukrainisch-katholischen Bischöfe die Ukraine und Russland der Gottesmutter geweiht. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine wandten sie sich an den Papst, er möge nun die Weihe ihres Vaterlandes und Russlands an das Herz Mariens vollziehen. Dieser Bitte verliehen Gläubige auf dem Petersplatz am 6. März mit Transparenten Ausdruck. Am Sonntag darauf kündigte Papst Franziskus die Weihe der Menschheit, Russlands und der Ukraine an. Mit einem Brief an alle Bischöfe bezog er diese mit ein.

Das Weihegebet mit einer Litanei ist wörtlich bei Hauke abgedruckt und kommentiert. Er sieht damit die Bedingungen als erfüllt an, die Schwester Lucia aufgrund der Marienerscheinung vom 13. Juni 1929 genannt hatte. Noch nicht erfüllt sieht er die formale päpstliche Billigung und Empfehlung der Sühneandachten an den ersten Samstagen  des Monats. Allen an den Vorgängen in Fatima 1917 und den wechselvollen Folgen daraus bis zum Weiheakt am 25. März Interessierten sei das Buch von Manfred Hauke als unverzichtbare Quelle empfohlen.


Manfred Hauke:
Die Weihe Russlands und der Ukraine an das Unbefleckte Herz Mariens. Ihre geschichtlichen Voraussetzungen in der marianischen Prophetie von Fatima und ihre Bedeutung für die Gegenwart,
Media Maria Verlag, Illertissen 2022, 96 Seiten, ISBN: 978-39479314-39, EUR 13,95

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