Vatikanstadt

Der politische Pontifex

Es ist nachvollziehbar, dass Papst Franziskus in Richtung Moskau vorsichtig formuliert. Wenn er die Sanktionen des Westens anspricht, könnte er aber auch Russlands als Aggressor benennen. Ein Kommentar.
Papst Franziskus' Haltung im Ukrainekrieg
Foto: IMAGO/Grzegorz Galazka (www.imago-images.de) | Der Vatikan könnte noch gebraucht werden, wenn es darum geht, wieder Fäden des Dialogs zur russischen Staatsführung und zur orthodoxen Kirche des Landes zu knüpfen.

Wenn Päpste zu den leidigen Fragen von Krieg und Unfrieden in der Welt sprechen, rufen sie in der Regel zu den allgemeinen Prinzipien der christlichen Friedensethik auf. Klar ist, dass ein Pontifex immer gegen die "sinnlosen Gemetzel" Stellung nimmt, wenn sich irgendwo ein Kriegsszenario zusammenbraut. Johannes Paul II. tat das vor dem Golfkrieg, den Amerikaner und Briten 1991 zur Befreiung Kuwaits anführten, und hat damals für teils heftiges Kopfschütteln bei den Atlantikern gesorgt.

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Die langfristigen Folgen dieses Kriegs und erst recht die Invasion des Iraks 2003 haben dem Papst jedoch recht gegeben. Der gewaltbereite Islamismus der jüngeren Zeit oder ein Osama bin Laden gingen in entscheidendem Maß auf diese Kriege zurück.

Die einseitigen Äußerungen des Papstes

Dass nun aber Franziskus, von dem man zum Aufmarsch der russischen Streitkräfte an der ukrainischen Grenze und zur drohenden Kriegsgefahr bis zum 24. Februar nicht viel gehört hatte, nach Kriegsbeginn einseitig die Reaktion der westlichen Staatengemeinschaft kritisiert, geht dann schon sehr ins politische Detail. Im Fall des Ukraine-Kriegs gibt es einen klaren Aggressor, den der Papst - aus guten, zumindest aber nachvollziehbaren Gründen - bisher nicht beim Namen genannt hat. Beim Namen nennt er aber die Sanktionen, mit denen Europäische Union und Vereinigte Staaten auf den Völkerrechtsbruch Putins reagieren, und die Mehrausgaben für die Rüstung, mit denen zum Beispiel Deutschland seine Fähigkeit zur Verteidigung gegen einen nun denkbar gewordenen russischen Angriff wiederherstellen will.

Der Vatikan könnte noch gebraucht werden, wenn es darum geht, wieder Fäden des Dialogs zur russischen Staatsführung und zur orthodoxen Kirche des Landes zu knüpfen. Von daher versteht es sich, dass Franziskus in Richtung Moskau vorsichtig formuliert. Aber zu sagen, dass er sich für das Zwei-Prozent-Ziel der Nachrüstung im Westen schämt, ist dann doch etwas einseitig. Warum schämt er sich nicht öffentlich auch für das, was der russische Angreifer dem Brudervolk der Ukrainer angetan hat?

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