Vatikanstadt

Das Leiden der Päpste

Der Umgang mit der Gesundheit des Nachfolgers Petri hat sich in der jüngeren Vergangenheit völlig gewandelt.
Papst im Rollstuhl
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Papst Franziskus kommt in einem Rollstuhl zur Audienz. Der Umgang mit Krankheiten der Päpste hat sich stark gewandelt.

Papst Franziskus hat mit schweren Knieproblemen zu kämpfen. Bei Begegnungen mit ihm lässt sich dies nicht verheimlichen und beschönigen. Mit seiner schmerzhaften Erkrankung geht der Heilige Vater offensiv um. Er spricht über sie und klärt Besucher des Vatikans über seine Beschwerden auf. Zu den Audienzen lässt er sich mittlerweile ohne Scheu im Rollstuhl fahren.

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Über Krankheit spricht man nicht

Wer einen Blick in die fast zweitausendjährige Kirchengeschichte – und damit auch des Papsttums – wirft, weiß, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist. In der Vergangenheit war eine Beschäftigung mit Krankheiten des Oberhauptes der katholischen Kirche ein Tabu. Man sprach nicht über sie, zumindest nicht offiziell. Ein Nachfolger Petri hatte zu „funktionieren“. Nach Auffassung seiner Umgebung war das Gerede über seine Gesundheit der Ausführung seines Amtes abträglich. Sein pastorales Wirken, die Leitungsgewalt eines Papstes, aber auch kirchen- wie weltpolitische Entscheidungen schienen dadurch gefährdet.

Das Verschweigen oder Herunterspielen päpstlicher Erkrankungen bewirkte jedoch, dass der Tod eines Papstes nicht selten mit Gerüchten verbunden wurde; oft sah man ihn als Folge bewusster Vergiftungen. Zumeist jedoch erwiesen sich Anschuldigungen, der Pontifex sei nicht auf eine natürliche Weise aus dem Leben geschieden, als haltlos, aber Verdächtigungen ließen sich nicht vermeiden.

Nach dem Tode Alexanders VI. (1492–1503) wurde behauptet, diesem sei bei einem abendlichen Festmahl mit seinem Sohn Cesare Gift beigebracht worden – zwischen dem besagten Fest und dem Ableben des Papstes lagen jedoch sieben Tage, während derer Alexander keinerlei Symptome zeigte. Der schwarze und aufgedunsene Leichnam Leos X. (1513–1521) erklärte sich durch die Malaria-Erkrankung des Papstes. Auch beim Tode Clemens VII. (1523–1534) sprach man von einem Giftanschlag; der Papst aber war an Magenkrebs verstorben.

Krankheiten auch von den Päpsten verheimlicht

Der Leichnam Clemens‘ XIV. (1769–1774) wies eine bläulich-schwarze Verfärbung auf und zeigte starke Auflösungserscheinungen, so dass für die Aufbahrung das Antlitz des Papstes mit einer Maske bedeckt werden musste. Der erschreckende Zustand des Körpers dürfte unter anderem auf die Auswirkungen des schweren Hautausschlages zurückzuführen sein, an dem der Papst litt und den man zu Lebzeiten des Pontifex zu kaschieren versuchte.

Wenn auch ein Jahrhundert später Erkrankungen Pius‘ IX. (1846?–1878) und Leos XIII. (1878–1903) publik wurden, so war der Päpstliche Hof immer noch bemüht, die Krankheit eines Papstes herunterzuspielen und ließ in einem Fall die Vatikanzeitung von einer „leichten Erkältung“ schreiben. Doch bei deren Erscheinen läuteten bereits die Totenglocken.

Manchmal war aber auch ein Papst selber der „Vertuscher“. Der Privatsekretär Pius‘ XI. führte ein Tagebuch, das eine seriöse Quelle zu der Krankheitsgeschichte des Pontifex darstellt. Einmal verlor Pius aufgrund eines Schwächeanfalls das Gleichgewicht und stürzte rücklings zu Boden, wobei der Hinterkopf hart aufschlug. Weder der Arzt noch sonst jemand durfte zur Hilfeleistung gerufen werden: „Der arme Sekretär, der mit dem Heiligen Vater allein war, musste sehen, wie er zurechtkam. Verzweifelt kramte er seine schon verstaubten Kenntnisse aus dem Kriege hervor, in dem er als Sanitätsgehilfe tätig gewesen war, allerdings mehr am Schreibtisch als im Lazarett.“ Eine Bekanntmachung seiner gesundheitlichen Probleme kam für den Papst nicht infrage, selbst gegenüber seinen Ärzten nicht – bis sie sich nicht mehr vermeiden ließ.

Öffentliche Passion

Die Spekulationen um den Tod Johannes Pauls I. (1978) entsprangen der ungewöhnlichen Kürze des Pontifikates, bestimmter Vorgänge im Vatikan und einer katastrophalen Informationspolitik des Heiligen Stuhls. Der Papst selber hatte stets auf seine gesundheitlichen Probleme hingewiesen und so manchen Kardinal bei den Konklave-Versammlungen auf diese aufmerksam gemacht – vergeblich.

Mit dem heiligen Johannes Paul II. (1978–2005) brach eine neue Epoche an. Hatte schon das Ringen um das Überleben des Papstes nach dem Attentat des Jahres 1983 öffentlich stattgefunden, wurde die Parkinson-Erkrankung des Pontifex nicht bemäntelt. Unerschrocken, mit großem Gottvertrauen stand der Heilige zum Abnehmen seiner körperlichen Fähigkeiten, zum Verfall seines irdischen Leibes. Der Papst sei nicht gewillt, so schrieb Eckhard Fuhr in der „Welt“, „dem Publikum der säkularisierten Moderne das altertümliche Drama um seinen Körper ersparen zu wollen“. Unisono sprachen die Medien von einer „öffentlichen Passion“ Johannes Pauls II.

Öffentliches Leiden medial teils kritisch gesehen

Die mediale, von vatikanischen Kreisen unterstützte Darstellung des päpstlichen Leidenswegs stieß auf teils heftige Kritik. Die französische Tageszeitung „Liberation“ hielt vor: „Sein öffentlicher und inszenierter Kreuzgang wird zu einem Schauspiel, das Millionen Zuschauer und Fernsehzuschauer in Atem hält, wobei die Sünde des Voyeurismus nicht auszuschließen ist.“ Der österreichische Journalist Alfred Worm klagte, der Papst halte nichts von Tabus und Zurückhaltung: „Er inszeniert seinen körperlichen Zusammenbruch wie eine Filmdokumentation, an deren Ende unweigerlich der Tod steht.“

In einem Anfang März 2005 geführten Interview merkte indessen Kardinal Joseph Ratzinger an, man habe in den letzten Jahren gelernt, „dass das Zeugnis eines leidenden Papstes eine große Bedeutung hat, dass Leiden eine eigene Art der Verkündigung ist“.

Viele leidende Menschen hätten sich dadurch neu angenommen gefühlt. Selbst der „Spiegel“ mutmaßte: „Vielleicht haben die Bilder des Papstes dazu beigetragen, dass der Umgang der Medien mit Behinderung und Krankheit sich in den letzten Jahren zum Besseren wandte.“

Pasquino, eine der „sprechenden“ Statuen der Ewigen Stadt, mit dem sarkastischen Humor der Römer ausgestattet, verbeugte sich ungewohnt ehrfurchtsvoll vor dem toten Pontifex: „Du bist als Pole geboren, als Römer gestorben und ein wahrer Mensch bist du gewesen.“

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Ulrich Nersinger Clemens VII. Clemens XIV. Johannes Paul Johannes Paul II. Kardinäle Kirchengeschichte Papst Franziskus Passion Pius IX. Pius XI. Päpste

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