Vatikanstadt

Böses Omen

Dass sich Moskaus Patriarch Kyrill einer Friedensgeste verweigert, dürfte den Papst schmerzen. Hinzu kommt noch sein angeschlagener Gesundheitszustand. Ein Kommentar.
Papst-Messe zum zweiten Ostersonntag
Foto: Andrew Medichini (AP) | Seit Ostern weiß auch die Weltöffentlichkeit, wie angeschlagen Franziskus ist. Die Gebrechlichkeit des Körpers setzt Grenzen. Den terminfreudigen Papst trifft das besonders hart.

Mitten am Dienstagvormittag teilte das Presseamt des Vatikans mit, dass der Papst wegen der Schmerzen im Knie alle Termine absagen musste. Selbst den Kardinalsrat hat er nicht mehr wie vorgesehen aufgesucht. Seit Ostern weiß auch die Weltöffentlichkeit, wie angeschlagen Franziskus ist. Die Gebrechlichkeit des Körpers setzt Grenzen. Den terminfreudigen Papst trifft das besonders hart.

Kein Paradies auf Erden

Mitten in der Vorbereitung eines zweiten Treffens mit dem russischen Patriarchen Kyrill hat der Papst selber über die argentinische Zeitung "La Nacion" bekannt gemacht, dass das für Juni geplante Treffen nicht stattfinden wird. Eine Begegnung mit dem orthodoxen Kirchenführer würde unter den augenblicklichen Umständen "zu viel Verwirrung führen". Kyrill unterstützt vorbehaltlos Putins Krieg. Das vatikanische Staatssekretariat wird dem Papst deutlich gemacht haben, dass ein gemeinsamer Auftritt mit dem Patriarchen "die höheren Ziele gefährden würde", wie Franziskus sagte, "nämlich ein Ende des Krieges, einen Waffenstillstand oder zumindest einen humanitären Korridor". Auch die Gebrechlichkeit der Seele setzt Grenzen. Dass der Papst nicht gemeinsam mit dem "Bruder" in Moskau ein Zeichen für den Frieden setzen kann, schmerzt mindestens genauso wie das Knie.

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In seiner letzten Enzyklika "Fratelli tutti" hatte Franziskus keineswegs das Bild eines Paradieses auf Erden gezeichnet. Sondern das einer friedlosen Welt, in der er aber immerhin mit dem Großimam Ahmad Al-Tayyeb eine gemeinsame Erklärung zur Brüderlichkeit unterschreiben konnte. Dass diese Friedens-Initiative des Jahres 2019 mit einem Führer des sunnitischen Islams möglich war, sich aber jetzt das orthodoxe Oberhaupt in Moskau einer vergleichbaren Geste verweigert, ist ein böses Omen. Es hängt wie ein Menetekel über den einfachen Leuten, die "den Frieden wollen, und nicht eine weitere Eskalation des Konfliktes", wie Franziskus am Sonntag sagte. Doch genau diese Eskalation geht jetzt weiter. Und das Christentum erwies sich wegen Kyrill als zu schwach, um sich geeint der Logik der Gewalt und Gegengewalt zu widersetzen.

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