Zum Tod Benedikts XVI.

Bewegende Tage des Abschieds

Massen waren es nicht, die Benedikt XVI. das letzte Geleit gaben. Doch für viele hat die bedrängte Kirche in Deutschland jetzt einen Fürsprecher im Himmel mehr.
Beerdigung Benedikt XVI.
Foto: IMAGO/Valeria Ferraro | Haben jetzt einen himmlischen Fürsprecher mehr: bayerische Pilger der Initiative Neuer Anfang bei der Beerdigung des emeritierten Papstes in Rom.

Zuerst hatten die „Römer" ihren Abschied genommen. Um die 200000 Menschen waren nach dem Neujahrstag zum Petersplatz gekommen. Da hieß es erst einmal Schlange stehen. Von Montag bis Mittwoch nahm das Defilee am aufgebahrten Emeritus kein Ende. Von morgens bis abends. „Römer“ ist hier nicht wörtlich gemeint. Aber vor allem kamen die, die in der Nähe waren, die es vergleichsweise einfach einrichten konnten, Benedikt XVI. ihre letzte Ehre zu erweisen. Schon am Dienstag und Mittwoch reihten sich vereinzelt die ersten Besucher aus der Heimat Joseph Ratzingers in den Zug der Trauernden ein. Mit 200000 hätte niemand gerechnet. Von etwa 60000 war zunächst die Rede gewesen.

Dann schlug die Stunde der „Deutschen“. Auch das ist wieder nicht wörtlich gemeint. Aber am Donnerstag, zur Stunde der Exequienmesse auf dem Petersplatz, waren dann die Gäste aus der deutschsprachigen Heimat Benedikts angereist. Vielleicht waren es insgesamt 60000, die den Weg zum Requiem gefunden hatten. Der Petersplatz wies noch viele freie Flächen auf. Die 50000, von denen anschließend die Medien und Behörden sprachen, waren vielleicht doch realistischer. Aber es waren auch Polen, Spanier und natürlich viele Italiener dabei. Die letzte große Ansammlung auf dem Petersplatz hatte es am 15. Oktober gegeben, bei der Audienz von Papst Franziskus für die Anhänger der Bewegung „Comunione e Liberazione“. Damals waren tatsächlich 60000 gekommen, aber Franziskus konnte am Ende mit dem Papamobil weit in die Via della Conciliazione hineinfahren, um die Anwesenden zu begrüßen. Das war jetzt nicht der Fall. Die einzigen, die im wahrsten Sinne „die Fahne hoch hielten“, waren die Rompilger von der Initiative „Neuer Anfang“, die mit Bayernfähnchen und zwei großen Transparenten mit den fetten Worten „Danke Papst Benedikt“ zum Blickfang auch für die visuellen Medien wurden.

Franziskus zitiert Benedikt XVI.

Diese Zahlenspiele sagen nichts über die Bedeutung Joseph Ratzingers und den Rang, den der deutsche Papst in der Reihe der großen Lehrer des Glaubens einnehmen wird. Und auch nichts über die Verehrung des verstorbenen Emeritus, wie sie jetzt bei den vielen Gedenkgottesdiensten in deutschen und österreichischen Kirchen zum Ausdruck kam. Aber wer vielleicht an eine baldige Seligsprechung oder Erhebung zum Kirchenlehrer Benedikts XVI. denkt, muss auch wissen, dass es jetzt keine Massen waren, die ihn auf seinem allerletzten Weg von der Altarinsel vor dem Petersdom zu den Papstgräbern in der Krypta der Basilika begleitet haben. Für einen kurzen Augenblick stockte der Zug der zwölf Männer, die den Sarg nach dem Requiem in die Basilika trugen. Franziskus legte die Hand auf die äußere Hülle aus Eichenholz und senkte den Kopf. Zehn Jahre hatte der amtierende Papst im Emeritus so etwas wie den Großvater im Vatikan gesehen. Diese historische Zeit der beiden Päpste im kleinen Kirchenstaat war nun vorüber.

Zuvor hatte Franziskus in seiner Predigt vier Zitate von Benedikt XVI. über die betende Hingabe mit dem Ruf Jesu aus der Kreuzigungsszene bei Lukas, „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“, verknüpft. So etwa einen Satz Benedikts aus der Predigt in der Messe zu seiner Amtseinführung: „Weiden heißt lieben, und lieben heißt auch, bereit sein zu leiden. Und lieben heißt: den Schafen das wahrhaft Gute zu geben, die Nahrung von Gottes Wahrheit, von Gottes Wort, die Nahrung seiner Gegenwart.“ Viele auf dem Petersplatz und vor den Fernsehschirmen konnten den hohen Gehalt der Predigt nicht sofort erkennen und hörten nur, dass Franziskus erst im letzten Satz den Verstorbenen beim Namen nannte: „Benedikt, du treuer Freund des Bräutigams, möge deine Freude vollkommen sein, wenn du seine Stimme endgültig und für immer hörst!“ Franziskus mag auch an sich selbst gedacht haben, als er, wiederum Benedikt zitierend, in seiner Predigt sagte: „Dies ist das Bewusstsein des Hirten, dass er nicht allein tragen kann, was er in Wirklichkeit nie allein tragen könnte, und deshalb weiß er sich dem Gebet und der Fürsorge des Volkes zu überlassen, das ihm anvertraut wurde.“

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Ein Fürsprecher mehr

Das „Bewusstsein“ der Hirten, denen ein Volk anvertraut ist: Das war auch ein Thema der etwa hundert Wallfahrer des „Neuen Anfangs“, die die Sorge um die schismatische Entwicklung in der Kirche Deutschlands zu den Apostelgräbern nach Rom geführt hatte, und die Sorge um manche Hirten im Bischofsamt, die im Zuge des Synodalen Wegs ihrem gläubigen Volk zumuten, sich innerlich von heiligen Grundsätzen und einem christlichen Menschenbild verabschieden zu sollen, die diese Bischöfe selbst noch bis vor einigen Jahren hochgehalten haben. „Kirchenrechtlich fragwürdig, theologisch schlecht durchdacht und unmäßig in den Forderungen wollen einige mit Gewalt eine andere Kirche, schließen sogar ein Schisma nicht aus“, hatte es etwa in der Anzeige geheißen, mit der auch diese Zeitung zu der Rom-Wallfahrt eingeladen hatte. Und da kommt man nach Rom und wird scheinbar zufällig in die Tage des Abschieds von Papst Benedikt geworfen, der im Gegensatz zu den Vordenkern des Synodalen Wegs als der Garant schlechthin einer evangeliumsgemäßen Reform erscheinen muss, so wie er sie etwa in der Freiburger Konzerthaus-Rede über die „Entweltlichung“ formuliert hat.

Für die Pilger aus Deutschland wurden die Tage des Gebets in den großen römischen Kirchen, der Gespräche mit Kardinälen wie Kurt Koch, Marc Ouellet oder Gerhard Müller sowie schließlich des letzten Grußes vor den sterblichen Überresten des deutschen Papstes zu einem emotional fast überwältigenden Erlebnis. Die Lage der Kirche in der deutschen Heimat ist ernst. Doch im Himmel hat man nun einen Fürsprecher mehr, der helfen kann, das drohende Schisma abzuwenden.

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