Vatikanstadt

Als die Päpste weiß wurden

Der Dominikaner Pius V. war ein Asket und entschiedener Reformer. Der Kirche hinterließ er nicht nur das weiße Papstgewand. Ein Papst mit Licht und Schatten.
Pius V. - die weiße Soutane des Papstes
Foto: li:Wikipedia/ re: Archiv Nersinger | Der weißgewandete Papst ist heute eine Selbstverständlichkeit. (rechts) Doch das war nicht immer so. Historischen Konstruktionen zufolge geht dieses Attribut auf Pius V. (links) zurück.

Welche kirchen- oder gar weltgeschichtliche Bedeutung einem Pontifikat zukommt, kann zumeist erst Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach dem Tod des jeweiligen Kirchenoberhauptes annähernd erfasst werden. Dass die eindringlichen Appelle Johannes XXIII. an die Machthaber der USA und der Sowjetunion während der Kubakrise einen positiven, vielleicht sogar den entscheidenden Einfluss zur Beilegung der weltbedrohenden Krise hatten, gilt inzwischen als historisch unbestritten. Dass Johannes Paul II. durch seine Unterstützung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc zum Fall des Kommunismus und damit auch zum Fall der Berliner Mauer beigetragen hat, wird ebenfalls weithin anerkannt.

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Papst Pius V. war ein strenger Asket

Doch haben beide genannten Päpste gemeinsam, dass sie den Menschen der Gegenwart in bleibender Erinnerung sind. Anders verhält es sich mit Päpsten, die zwar Einfluss auf die Nachwelt genommen haben, deren Bedeutung jedoch im Laufe der Jahrhunderte verblasst und heute allenfalls noch Kirchenhistorikern bekannt ist.

Umso wichtiger scheint es, gerade diese leuchtenden Gestalten der Vergangenheit wieder in den Blick zu nehmen und ihnen ein Gesicht zu geben. Bei Pius V., der am 17. Januar 1504 als Antonio Ghislierie das Licht der Welt erblickte, handelt es sich um einen solchen Papst. Überlieferte Porträts zeigen den Pontifex als einen hageren, fast dürren Mann mit jugendlichen Gesichtszügen und einem weißen Bart. Dabei zeugt sein Blick von einer durchdringenden Klarheit und Entschlossenheit, die tatsächlich sein Pontifikat geprägt hat.
Dies zeigte sich bereits unmittelbar nach seiner Wahl zum Papst. Denn der Dominikanermönch, der als strenger Asket galt und die Tugend der Bescheidenheit pflegte, beschloss, als Oberhaupt der katholischen Kirche seinen weißen Habit nicht abzulegen, sondern ihn zu tragen, damit er ihn an die bisher gepflegten Tugenden erinnere. Ohne dies beabsichtigt zu haben, veränderte Pius V. dadurch das äußere Erscheinungsbild der Päpste mit ihrer weißen Soutane bis in die Gegenwart hinein.

Klare Entscheidungen

Doch hatte dieser Papst noch wesentlich mehr zu bieten als nach außen getragene Symbolik. Auch im Inneren der Kirche setzte er durch die Klarheit seiner Entscheidungen Maßstäbe, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein als unabänderlich galten.

So machte er es sich zur Aufgabe, die Beschlüsse des Konzils von Trient (1545–1563) entschieden umzusetzen. Dies tat er schon im ersten Jahr seines Pontifikats – 1566 – durch den ersten römischen Katechismus, zwei Jahre später durch das erste Brevier und wiederum zwei Jahre darauf durch das „Missale Romanum“, durch das die Texte der heiligen Messe für die Gesamtkirche vereinheitlicht und verbindlich vorgegeben wurden.

Damit ist Pius V. sogar am gegenwärtigen Konflikt um die Feier der Alten Messe indirekt beteiligt, verfügte er doch in seiner Entschlossenheit als Papst, dass das „Missale Romanum“ für immer gelten solle und nicht modifiziert werden dürfe. Bekanntermaßen setzte sich mit Paul VI. und der auf ihn zurückgehenden Liturgiereform erst vierhundert Jahre später ein Papst über diese Maßgabe hinweg.

Unter dem Papst entstand der ersten Katechismus

Die konsequente Umsetzung der Beschlüsse des Konzils von Trient verdeutlichen, welch starke Persönlichkeit Pius V. gewesen sein muss; ein Ruf, der ihm bei seiner Wahl bereits vorauseilte, zumal sein Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie dies zu belegen schien.

Mit 14 Jahren trat er ins Kloster ein, mit 24 Jahren wurde er Priester, anschließend Universitätsdozent; er wurde Inquisitor und Generalkommissar der Inquisition in Rom, mit 52 Jahren Bischof, ein Jahr später Kardinal, wieder ein Jahr später Großinquisitor und schließlich Papst. Wen konnte es da wundern, dass es im Kirchenvolk zu großen Befürchtungen bezüglich seiner Amtsführung kam. Konnte dieser Papst wirklich zum Brückenbauer werden? Oder würden Unnachgiebigkeit und Strenge sein Pontifikat prägen?

Doch rasch musste man feststellen, dass wohl beides gleichermaßen zutraf. Die strenge Askese Pius V. im Zusammenhang mit seiner großen Bescheidenheit und Frömmigkeit einerseits, die klaren Entscheidungen zu einer Vereinheitlichung und Stärkung des katholischen Glaubens andererseits brachten ihm rasch den Ruf der Heiligkeit ein und machten ihn im Kirchenvolk beliebt. Man wusste bei ihm, woran man war. Dies zeigte sich auch in seinem politischen Handeln, war er doch – wie alle Päpste zwischen 756 und 1870 – zugleich weltliches Oberhaupt des Kirchenstaates. Und als solches schickte er seine Truppen in einer Heiligen Allianz mit Spa-nien und Venedig gegen die feindliche Bedrohung durch das Osmanische Reich in die berühmte Seeschlacht von Lepanto.

Rosenkranzfest

Wenngleich die Aussicht auf einen Sieg gegen das übermächtig scheinende gegnerische Heer gering war, schrieb man es im Nachhinein seinem inständigen Gebet – und seiner Gebetsinitiative zum Gebet des Rosenkranzes – zu, dass es zum wundersamen Sieg gegen die Türken kam. Damit war zu-gleich die Vorherrschaft des Osmanischen Reiches im Mittelmeerraum gebrochen.

Wie bei vielen Heiligen kommt zum tugendhaften Leben der Aspekt des Wundersamen hinzu. Der Legende nach soll Pius V. den Sieg in der Seeschlacht von Lepanto in einer Vision gesehen haben. Belegen lässt sich dies nicht. Und doch wird bis heute der 7. Oktober als Tag des Sieges über das türkische Heer in der besagten Schlacht als Rosenkranzfest – Fest „Unserer lieben Frau vom Rosenkranz“ – als Gebotener Gedenk-tag in der katholischen Kirche begangen. Kann es angesichts dieses herausragenden Pontifikats tatsächlich verwundern, dass man Pius V., der über die großen Taten hinaus im Kleinen zudem noch Krankenhäuser und ein Leihhaus für die Armen gründete, 1672 – hundert Jahre nach seinem Tod – selig- und im  Jahre 1712 sodann heiligsprach?

Licht und Schatten

Und doch bleibt aus heutiger Sicht bei diesem Kirchenmann und Heiligen ein Makel bestehen. Wenn auch aus der Zeit heraus – lange vor der Aufklärung oder gar der Erklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils – verständlich, setzte er den katholischen Glauben ohne Rücksicht auf Andersgläubige entschieden durch. So legte er sich mit anderen europäischen Machthabern wie Königin Elisabeth I. von England an, die er exkommunizierte. In seinem Antijudaismus ging er zudem entschieden gegen Juden vor. Diese hatten den Kirchenstaat zu verlassen. Andernfalls drohte ihnen die Exekution.

Licht und Schatten prägen folglich diesen herausragenden Heiligen, der jedoch auf jeden Fall dem Vergessen entrissen werden sollte.

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