Kirchengeschichte

Als der Papst scheiterte

Mit der Enzyklika „Humani generis“ versuchte Pius XII., sich dem Zeitgeist in den Weg zu stellen.
Papst Pius XII. im Jahr 1940
Foto: imago stock&people, via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Pius XII. sah im Kampf gegen den Modernismus eine Aufgabe.

Seit der Öffnung der Archive aus der Zeit Pius‘ XII. im Frühjahr 2020 erscheinen Einzelarbeiten zu verschiedenen Aspekten seines von 1939 bis 1958 dauernden Pontifikates. Immer wieder wird die Haltung zur Juden-Verfolgung thematisiert. Das geschieht häufig in der Pose der moralischen Überlegenheit der Nachgeborenen, die genau wissen, was sie damals getan hätten. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg trieb den Papst aber eine andere Sorge um: Er sah den Modernismus in das theologische Lehrgebäude der Kirche einsickern – unter dem Schlagwort der Nouvelle théologie – und meinte, dagegenhalten zu müssen. Eine Frucht dieses letztlich fruchtlosen Kampfes ist die Enzyklika „Humani generis“ vom 12. August 1950. Ihre Entstehungsgeschichte und Zielrichtung – eingebettet in einen breiten und instruktiven Aufriss der ganzen modernistischen Bewegung – legt der österreichische Zisterzienser David Zettl in seiner sorgfältig erarbeiteten kirchengeschichtlichen Dissertation dar. Die Ausgangsthese ist, dass jenes Lehrschreiben der letzte Versuch nicht nur des Pacelli-Papstes, sondern des päpstlichen Lehramtes überhaupt war, die Reihen zu schließen und den neuen Lehren zu wehren.

Unumkehrbare Selbstbestimmtheit

Eine spannende Frage in Bezug auf päpstliche Schreiben ist die nach der Verfasserschaft, die fast immer eine aufgeteilte ist. Denn kein Petrus-Nachfolger hat die Zeit, sich einige Monate seiner Amtszeit dem Studium der Fachliteratur und dann der Niederschrift des Textes zu widmen. Anders als Matthias Daufratshofer, dem es gelungen ist, den rheinischen Jesuiten Franz Hürth als Ghostwriter oder Mitautor einiger wichtiger Dokumente Pius‘ XI. und seines Nachfolgers zu identifizieren, muss dies für „Humani generis“ offen bleiben. David Zettl hat ebenso fleißig in den römischen und anderen Archiven geforscht, allein, es lässt sich nicht eine zentrale Figur als Entwurf-Lieferant festmachen. Wohl traut sich Zettl die Aussage zu, dass der einflussreiche Dominikaner und römische Professor Réginald Garrigou-Lagrange – den ein Biograph das „heilige Monster des Thomismus“ nennt – zumindest Teile der Enzyklika inspiriert hat. In großen Abschnitten ist das Lehrschreiben aber auch Zeugnis für den beliebten päpstlichen Sport, sich selbst und seine Vorgänger ausführlich zu zitieren. Für „Humani generis“ reicht diese Traditionslinie bis zum „Syllabus errorum“ von Pius IX. aus dem Jahr 1864, zu „Aeterni Patris“ von 1879, mit der der Neuthomismus Programm wurde, und zu Lamentabili und Pascendi von 1907, in Zeiten also, als Päpste noch kraftvoll formulieren und zubeißen konnten. Der Platz, den der Autor für die Jagd nach dem Verfasser nicht verwenden musste, nutzt er sehr sinnvoll für eine Gesamtgeschichte des theologischen Modernismus auf immerhin 200 Seiten.

Zettl selber lässt keinen Zweifel daran, wo er steht und dass er die Überwindung des Anti-Modernismus im Zweiten Vatikanischen Konzil als gegeben ansieht: „Die Orientierung an unverrückbaren Wahrheiten und überkommenen Strukturen, an Dogmen und seit Jahrhunderten geglaubten Formulierungen, die alten Verstehenshorizonte, welche man nicht übersteigen dürfe – all dies war den Menschen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nicht mehr nachvollziehbar geworden. Der Weg hin zur denkenden Selbstbestimmtheit war eingeschlagen und nun unumkehrbar.“ Bevor die Dinge aber so erfreulich einfach wurden, hatten die Vertreter der neuen Theologie viel Ungemach zu erleiden. Wir kennen ihre Namen, sie werden alle im Buch einzeln vorgestellt – der Modernismus sprach französisch: Von Pierre Rousselot über Jacques Maritain zu Marie-Domenique Chenu, Louis Charlier und Henri Bouillard und Jean Daniélou, wobei zwei Namen – zu Recht – besondere Aufmerksamkeit widerfährt, Yves Congar und Henri de Lubac, den der Autor den Jahrhundert-Theologen nennt. Die Letztgenannten sind in der Tat besonders deutliche Beispiele für Verfolgung – in Form von Lehrverboten – und Triumph des Modernismus. Angelo Roncalli, als Nuntius in Paris mit allen Details vertraut, sorgte als Papst durch die Ernennung beider zu Konzilstheologen für ihre glanzvolle Rehabilitierung, die mit dem Kardinalat für beide vollendet werden würde. Dass auch Romano Guardini und der große Außenseiter Hans Urs von Balthasar im modernistischen Kontext abgehandelt werden, ist legitim, kann diese beiden Autoren aber nicht ausreichend würdigen, was Zettl auch bewusst ist. Der englischsprachige Beitrag zum Modernismus ist etwas unterbelichtet im Buch.

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Vom Antimodernisten-Eid zum Aggiornamento

Bemerkenswert ist, dass es dem Autor gelungen ist, die enge innere Beziehung der Enzyklika von 1950 zum Schreiben Pascendi von Pius X. aus dem Jahr 1907 und dem von diesem Papst 1910 eingeführten Antimodernisten-Eid herauszuarbeiten. Dieser musste bis 1967 von jedem Kleriker abgelegt werden. Der Eid-Text enthielt nicht nur positive Elemente, sondern auch die Verurteilung diverser Irrtümer und Häresien. Für Pius X. war der Modernismus, den er als Sammelbecken aller Häresien ansah (omnium hereseon collectum), eine Gabe des Teufels, die unbedingt und mit allen Mitteln zu bekämpfen sei. So wurden Theologen-Karrieren zerstört oder jedenfalls empfindlich behindert, wurde ein System des institutionalisierten Misstrauens und des Spitzeltums etabliert, das der Kirche keine Ehre machte. Freilich spürte ein durchaus Konservativer wie Angelo Roncalli, dass man in eine Sackgasse geraten war. Es war wohl auch schon Eugenio Pacelli aufgegangen, dass es Zeit für eine Neuorientierung war. Der Gedanke, ein Konzil einzuberufen, geht ja auf ihn zurück. Sein Nachfolger Roncalli sprach von der Notwendigkeit einer „Verheutigung“, eines Aggiornamento der Kirche. Eine andere Sprache, ein anderer Stil, als ihn „Humani generis“ nahelegte, wo nacheinander Evolutionslehre, „Pragmatismus“ à la Scheler, innerweltlicher „Immanentismus“, Existenzialismus, Historismus und Rationalismus aufgerufen und abgeurteilt wurden. Aber auch in dem sich etwas unverbunden anschließendem zweiten Teil der Enzyklika, einer Leistungsschau für gut befundener Theologie, wird streng darauf geachtet, dass sich alles dem päpstlichen Lehramt unterordne. Wahrer philosophischer Fortschritt sei nur in der „Philosophia perennis“ zu finden, die auf ihrem Gebiet das leisten solle, was für die Theologie die Lehre des Thomas darstellte. „Humani generis“ war also ein Versuch, mit der Macht der römische Autorität Denkverbote aufzurichten und Denkformen vorzuschreiben, für Autor Zettl aber nicht mehr als ein letztes Aufbäumen des Antimodernismus. Er sieht die Nouvelle théologie durch das Zweite Vatikanum als vollständig rehabilitiert und insofern die Enzyklika in ihrem Ziel als gescheitert: „Ein letzter Versuch, die strikt antimodernistische Haltung durchzusetzen, misslang, nachdem für die Dauer eines Jahrhunderts diese Geisteshaltung die offizielle Gestalt der römisch-katholischen Theologie und Kirche, das Lehramt, geprägt hatte.“

Was mit der faktischen Aufgabe des Thomismus in Lehre und Priester-Ausbildung verloren ging und wodurch es ersetzt wurde, steht auf einem anderen Blatt. Mit seiner gründlichen Arbeit ist Zettl geradezu ein theologiegeschichtliches Kompendium gelungen, das viel Licht auf die letzten Jahre vor dem Konzil wirft.

David Zettl: Ein letztes Aufbäumen des Antimodernismus? Die Enzyklika Humani generis und ihr theologie-geschichtlicher Kontext. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2022, 437 Seiten, ISBN 978-3-7917-3326-5, EUR 49,95

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