Was die Synodalversammlung ergab

Nervenzusammenbrüche, Kopfwäschen und Siegerfäuste

Die vierte Synodalversammlung betreibt unter Hochdruck Los-von-Rom-Theologie und stellt die Weichen für einen Synodalen Rat.
Vierte Synodalversammlung des Synodalen Weges
Foto: Maximilian von Lachner (Synodaler Weg / Maximilian von L) | Bischöfe im Clinch: Georg Bätzing nach der Aussprache über die Sperrminorität der Bischöfe.

Die geballte Faust auf Maria 2.0-Plakaten am Eingang des Frankfurter Congress Centers stimmt die gut 200 Teilnehmer – darunter 62 Bischöfe – auf die Betriebstemperatur der vierten Synodalversammlung ein. Schon die erste Pressekonferenz liefert einen Vorgeschmack auf die Strategie des Präsidiums. Angesprochen auf die Verbindlichkeit der kirchenrechtlich nullwertigen Voten für den einzelnen Diözesanbischof, verweist der Vorsitzende der deutschen Bischöfe, Georg Bätzing, auf „eine Atmosphäre der Erwartung“, die aus den Beschlüssen entstehe, so dass „ein Bischof sehr gut begründen muss, wenn er einem Beschluss nicht folgt“.

Zwei Stunden später folgt der erste Härtetest: Aachens Bischof Helmut Dieser wirbt geschmeidig um Zustimmung für den Grundtext für die weitreichende Liberalisierung der katholischen Sexualmoral: Man verlasse das katholische Erbe nicht, schreibe es aber für eine Epoche neuer Chancen für die christliche Verkündigung fort, beschwichtigt er. „Wir legen die christliche Deutung der Sexualität so vor, dass darin das Größere, das Schönere, das Heiligere der christlichen Berufung erscheint“. Doch trotz der gefälligen Formulierungen kommt keine richtige Debatte in Gang. Als Dorothea Schmidt (Maria 1.0) nach einer sachlich vorgetragenen Meinungsäußerung zu den Ursachen der Missbrauchskrise von Gregor Podschun (BDKJ) öffentlich beleidigt wird, ermannt sich Rainer Nomine (Diözesanrat der Katholiken im Bistum Görlitz) und springt ihr ritterlich bei. Rottenburgs Bischof Gebhard Fürst weist auf ein Defizit der Beschlussvorlage hin: Das Papier insinuiere einen angeblichen wissenschaftlichen Konsens über die Auflösung eines binären Codes, den es nicht gebe. Weihbischof Dominik Schwaderlapp aus Köln unterstreicht, der Text sei keine Fortschreibung der kirchlichen Lehre, sondern breche mit dieser. Aufgrund des bischöflichen Weiheversprechens könne er nicht zustimmen. Kurz darauf teilt das erstarrte Präsidium dem Plenum mit,dass der Text an der Sperrminorität von 21 Bischöfen gegen 33 Ja-Stimmen gescheitert sei, obwohl die Synodalversammlung ihn mit 82 Prozent Zustimmung angenommen hatte.

Steinhäuser: „Ich habe seit Monaten Angst“

Es ist die Stunde des großen Synodaltheaters: In Vorwürfen, Protestplakaten, Nervenzusammenbrüchen und Beschimpfungen („Verrat! Heckenschützen! Feigheit! Faulheit!“) entlädt sich der Zorn der Gescheiterten. Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, schwelgt in Betroffenheit, ehe sie vor laufender Kamera in Tränen ausbricht. Bischof Bätzings spontane Zusage, er werde das abgelehnte Papier in seinem Bistum umsetzen und auch in Rom vorlegen, beruhigt die aggressive Stimmung im Saal nicht. Passaus Bischof Stefan Oster SDB verwahrt sich gegen den Vorwurf der Menschenfeindlichkeit und erklärt, es sei nicht leicht, als Anhänger der Minderheit offen seine Position in der Versammlung zu vertreten.

In der Aussprache kritisieren mehrere Bischöfe der Sperrminorität den fehlenden Raum für den freien Austausch. Weihbischof Steinhäuser beschreibt den Druck, der vor der Abstimmung ausgeübt wurde: „Ich habe seit Monaten Angst“. Die Bischöfe seien „massiert worden mit dem Ansatz: Lasst das bloß nicht scheitern! Doch das ist kein Ansatz für eine Argumentation. Das sind politische Aussagen.“
Das Votum hat ein Nachspiel hinter verschlossenen Türen. Der sichtlich verstimmte Vorsitzende hat seine Mitbrüder zur Aussprache einbestellt. Mancher Hirte fühlt sich erneut beschimpft und wagt eine Gegenrede. Es gilt aus Sicht des Vorsitzenden, Stimmungsbilder vorab zu sondieren, um weitere Pleiten zu verhindern. Erst nach 23 Uhr endet die Krisensitzung. Das Wort vom Zuchtmeister Bätzing macht die Runde.

Stundenlanges Kesseltreiben

Doch nicht nur die Bischöfe liegen miteinander im Clinch. Auch manche Frauen geben sich stutenbissig. Ob es denn sinnvoll sei, in dieser Phase gemeinsam Eucharistie miteinander zu feiern, fragt die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop am Freitagmorgen. Schwester Philippa Rath OSB bescheinigt einer Gruppe von Geistlichen, die morgens zelebriert hat, „sich selbst exkommuniziert“ zu haben und rät, die geplante gemeinsame Eucharistiefeier durch einen Wortgottesdienst zu ersetzen. Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke OSB outet sich als Teilnehmer der „häretischen“ Messe am Morgen und unterstreicht, dass er dennoch an der gemeinsamen Eucharistiefeier teilnehmen wolle. Der Vorsitzende muss um Respekt bitten für „Priester, die täglich zelebrieren wollen“.

Im stundenlangen Kesseltreiben wird die Gegenrede leiser. Als resilient gegen die Gruppendynamik im Saal und weitere Bischofs-Einbestellungen durch den Vorsitzenden erweist sich Bischof Rudolf Voderholzer. Er sieht seine bischöfliche Aufgabe darin, den „Glauben der Kirche zu lehren und zu begründen und das Bistum in Einheit mit der Weltkirche zu leiten“. Das Fragezeichen hinter den von Johannes Paul II. „Ordinatio sacerdotalis“ festgelegten Ausschluss von Frauen von Weiheamt möchte der Regensburger Oberhirte nicht vergrößern.

Widerstand wird schwächer

Doch der Widerstand wird schwächer: Der Grundtext „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“, der die Zulassung von Frauen zu Weiheämtern befürwortet, und die Handlungstexte „Lehramtliche Neubewertung von Homosexualität“ sowie „Grundordnung des kirchlichen Dienstes“ – letzterer entbindet kirchliche Mitarbeiter de facto von einer Lebensführung im Sinne der kirchlichen Lehre – werden in zweiter Lesung mit großer Mehrheit beschlossen. Die höchste Zustimmung erreicht aufgrund zahlreicher Enthaltungen der Bischöfe die Vorlage über die neue Grundordnung des kirchlichen Dienstes, der jeweils mehr als 93 Prozent der Vollversammlung und der Bischöfe zustimmen.

Lesen Sie auch:

Auch die Mehrheiten für die Einrichtung eines „Synodalen Ausschusses“, der die Einrichtung eines „Synodalrates“ als Beratungs- und Leitungsorgan vorbereiten soll, fallen eindeutig aus: 93 Prozent der Vollversammlung und 88 Prozent der Bischöfe votieren für eine Regelung, die den Synodalen Weg verstetigen soll und dessen Kompetenz, kirchenrechtlich bindende Beschlüsse zu fassen, aus Sicht von Kritikern nicht besteht. Zuvor ist der satzungsgemäße Antrag auf geheime Abstimmung über die Frage des Synodalrates gescheitert. Die Wiener Theologin Marianne Schlosser zeigt sich gegenüber dieser Zeitung bestürzt über das Procedere. Die Art und Weise, in der der Antrag auf geheime Abstimmung in der Frage des Handlungstextes über den geplanten Synodalen Rat für die Kirche behandelt worden sei, empört sie. Die Ratzinger-Preisträgerin gehört zur Minderheit, die sich den Aufweichungen von Lehre und Disziplin konsequent durch „Nein“ entzieht. Das gilt auch für Bischof Rudolf Voderholzer, Weihbischof Dominik Schwaderlapp, Katharina Westerhorstmann, Pfarrer Johannes Schaan (Erzbistum Berlin) und Bernhard Ledermann (Bistum Augsburg).

Grundstein für deutsche Nationalkirche gelegt

Als sich die Mehrheiten festigen, greift Bischof Dieser „die Konservativen“ in der Versammlung an, die „ihre Sache nicht gut genug“ machten und deren Argumente auf Verzögerung oder auf Verlagerung in die Ferne setzten. Die Moraltheologin Katharina Westerhorstmann, die sich im Juni aus dem Synodalforum IV, in dem es um Fragen der Sexualmoral geht, zurückgezogen hatte, weist den Vorwurf, dass diejenigen, die gegen einige Texte gestimmt hatten, auch im Vorfeld keine tragfähigen Argumente vorgebracht hätten, gegenüber dieser Zeitung als inakzeptabel zurück. Es habe Alternativtexte gegeben – auch solche, die nicht so genannt worden seien, erklärt sie gegenüber dieser Zeitung und verweist auch „auf eigene Veröffentlichungen, die einen anderen Weg vorschlagen. Diesers Kommentar sei weder hilfreich noch zielführend und vertiefe Gräben: „Deswegen halte ich ihn für falsch.“

In der letzten Sitzung veranschaulicht Svenja Stumpf am Beispiel der Frauenpredigt, wie „stark die Ungleichzeitigkeiten“ innerhalb der deutschen Bistümer seien. Doch nach drei aufreibenden Tagen fehlt es dem Plenum an Zeit und Energie, um darauf einzugehen. Für die Mehrheit steht ohnehin fest, dass Deutschlands Diözesen ein synodaler Flickenteppich werden. Dorothea Schmidts ernüchtertes Fazit lautet: „Im Grunde hat der Synodale Weg auf äußerst unlautere, manipulative und unsynodale Weise den Grundstein für die deutsche Nationalkirche gelegt. Ich muss mir wirklich überlegen, ob ich mir diese elitäre, selbstreferenzielle Veranstaltung noch einmal antue.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Wie sich die deutschen Bistümer an der Aktion von Papst Franziskus am kommenden Freitag beteiligen. Ein Überblick.
24.03.2022, 10  Uhr
Barbara Stühlmeyer
Ein Gespräch mit dem Kölner Kardinal Rainer Woelki über den Synodalen Weg, den Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom und die Kölner Hochschule für Katholische Theologie.
28.09.2022, 17  Uhr
Regina Einig Guido Horst
Themen & Autoren
Regina Einig Bistum Augsburg Bistum Görlitz Bund der Deutschen Katholischen Jugend Deutsche Bistümer Diözesanrat der Katholiken Erzbistum Berlin Exkommunikation Gebhard Fürst Georg Bätzing Gregor Maria Hanke Helmut Dieser Johannes Paul II. Pfarrer und Pastoren Rolf Steinhäuser Rudolf Voderholzer Stefan Oster

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
01.10.2022, 05 Uhr
Stefanos Athanasiou
...theologisch überfrachtet. Zum Orientierungstext des Synodalen Weges: Wie der Dekonstruktivismus feierlich in die katholische Kirche einzieht.
30.09.2022, 21 Uhr
Ludger Schwienhorst-Schönberger