Synodaler Weg

Auflösung der Schöpfung ist eine missverstandene  Geschlechtergerechtigkeit

Die Rückbindung an den geschöpflichen Geschlechtsleib als Mann oder Frau ist uns vorgegeben. Das natürliche Geschlecht wird durch die Erlösung nicht verabschiedet, sondern verwandelt. Eine Antwort an den Synodalen Weg.
Mann und Frau
Foto: Jan-Philipp Strobel (dpa) | Über die Bedeutung der Geschlechterdifferenz neu nachzudenken, ist unbedingt nötig.

Die Einforderung von Gehorsam ohne Einsicht" birgt "die Gefahr einer Spaltung der christlichen Glaubensgemeinschaft" in sich, so die Texte des Synodalen Wegs aus Forum III. Ja, es braucht Einsicht, dass es sich nicht um Geschlechter-Ungerechtigkeit handelt, wenn nur Männer Priester werden können. Die Feststellung von Johannes Paul II. in "Ordinatio Sacerdotalis" (1994), eine Lehraussage Pauls VI. bestätigend, kann als "Basta"-Verlautbarung missverstanden werden, wenn man nicht erkennt, dass das natürliche Geschlecht keine nebensächliche, machtspielerische Angelegenheit ist.

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Zeichen der Zeit 

Über die Bedeutung der Geschlechterdifferenz neu nachzudenken, ist unerlässlich, da viele Katholiken im Zuge der Gender-Theorien Judith Butlers den Unterschied der leiblichen Vorgaben eines Menschen minimieren. Je geringer die Geschlechterdifferenz gewichtet wird, desto leichter sind Egalitätsdenken und vermeintliche Geschlechtergerechtigkeit durchzusetzen. Diese Tendenz betrifft sowohl das Sakrament der Ehe, wenn homoerotische Lebensweisen als zur anthropologischen Norm gehörig verstanden werden (Forum IV), wie das Sakrament der Priesterweihe. Wird Geschlecht als etwas Fluides, Veränderbares, als Persönlichkeitsmerkmal neben anderen verstanden, kann es keinen Unterschied machen, ob ein Mann, eine Frau, ein Transmann oder eine Transfrau am Altar "in persona Christi capitis" steht.

Die "Zeichen der Zeit", dass Frauen in Berufen kompetent arbeiten, die traditionell Männern ausübten, deutet man in Forum III als Willen Gottes, nun Diakonat und Priesteramt der Frau einzuführen. "Zeichen der Zeit" sind aber auch die Unsicherheit bei Jugendlichen, was Mann- und Frausein bedeutet, ob sie "homo", "hetero" oder "bi" sind oder sich im "falschen" Körper fühlen. In diesen Fragen finden wir eine Sehnsucht nach Orientierung in Fragen der Geschlechterdifferenz. Jedes "Zeichen der Zeit" muss theologisch von der Lehre der Heiligen Schrift und der Kirche her gedeutet werden. Der Glaube bezeugt, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat und damit zwei Aussagen durch das Mensch-Sein macht: Nur wenn Empfangen (Braut) und Zeugen (Bräutigam) in Liebe sich leiblich ergänzen, ist Fruchtbarkeit möglich.

Schöpfung Gottes

Das verstehen wir Katholiken sowohl auf die Beziehung von Priester (Bräutigam) und Gemeinde (Braut), als auch auf die eheliche Intimität hin. Dabei weisen beide Haltungen aktive und passive Elemente auf: Die Frau nimmt den Mann aktiv gastfreundlich in ihrem Leib auf, empfängt ihn und neues Leben zugleich passiv und wird durch den Mann zur Mutter; der Mann wird passiv von seiner Dranghaftigkeit getrieben, dringt aktiv in die Frau ein, zeugt und wird durch die Frau zum Vater. Auch die Beziehung von Priester und Gemeinde kann nicht einseitig vom Priester aktiv und von der Gemeinde passiv sein, sollen doch geistliche Väter und Mütter geformt werden, die wiederum der Kirche durch Evangelisierung geistliche Kinder schenken. Mit Hilfe der Leib-Phänomenologie (Edith Stein, Jörg Splett) lassen sich diese Beobachtungen entweder als Zeichen der guten Schöpfung Gottes deuten oder in ihrer Bedeutsamkeit ignorieren.

Es ist möglich, den geschlechtlichen Leib als äußeres, verformbares Material gering zu schätzen, und die durch Christus befreite Potenz des Menschen so zu überschätzen, dass man in nahezu unbegrenzter Selbstbestimmtheit über die Bedeutung des Geschlechts verfügen möchte. Damit steht die Erlösungs-Wahrheit (Freiheit) gegen die Schöpfungs-Wirklichkeit (Leib). Im Gegensatz zum postmodernen, flach verstandenen Freiheits-Begriff wird uns im christlichen Glauben offenbart, dass Mann und Frau durch die Gabe des Heiligen Geistes zu "neuen Menschen" werden. Christi Erlösung meint daher keine Freiheit von der Schöpfung. Wäre ich von der Schöpfung befreit, wäre weder Dankbarkeit für mein Frausein gegenüber meinem Schöpfer noch Gehorsam gegenüber meiner potenziellen Fähigkeit zur Mutterschaft und meiner seelisch-geistigen Weiblichkeit und Mütterlichkeit nötig. Folgerichtig fehlen in den Texten des Forum III die Worte "Mutter", "Kind", "Familie"; man spricht stattdessen funktionalistisch von der "weiblichen Reproduktionsrolle".

 

 

Die zweite Schöpfung

Die Erlösung durch Christus ist die "zweite Schöpfung", die Neu-Schöpfung des Menschen in Christus. Die erste Schöpfung (das natürliche Geschlecht) wird nicht verabschiedet, sondern verwandelt. Freiheit gegenüber kulturellen und sozialen Geschlechterrollen und Gehorsam gegenüber den von Gott geschenkten leiblichen Vorgaben schließen sich in der Liebe zu Christus und der Kirche nicht aus. Diese Liebe eröffnet uns den Sinn der Geschlechterdifferenz und versöhnt uns mit unserer eigenen Geschlechtlichkeit, und der des anderen.

Die Eigenart der Frau wurde in der Geschichte zu lange nicht positiv gedeutet als ergänzende Andersartigkeit, sondern als Minderwertigkeit der Frau gegenüber dem Mann, wie in Forum III zu Recht kritisiert wird. Noch immer gibt es zu wenige demütige Priester, die einer starken Frau selbstsicher gegenübertreten können sie als Bereicherung statt als Bedrohung aufzufassen. Statt jedoch die Unfähigkeit mancher Priester auf ihre individuelle Fehlerhaftigkeit zurückzuführen, werden im Sinne einer funktionalistischen Geschlechtergerechtigkeit Diakonat und Priesteramt für Frauen gefordert. Die kirchliche Überbetonung des Mutterseins der Frau, zulasten ihrer geistigen und geistlichen Fähigkeiten, ist zu Recht abzulehnen.

"Die Texte missdeuten den Heiligen Geistes
als Kraft, die das natürliche Geschlecht so fluide macht,
dass es sich in seiner Bedeutung auflöst. "

Die synodalen Texte führen jedoch in den entgegengesetzten Straßengraben: Traditionelle "typisch weibliche" Eigenschaften würden "all das ausschließen, was für Christinnen und Christen notwendig ist, um frei auf ihre Berufung antworten zu können: Freiheit von Beziehungen und sozialen Strukturen, Freiheit von menschlicher Macht und Druck, Gewissensfreiheit, Selbstbestimmung, Chance zur (kritischen) Wahrnehmung der eigenen Berufung". Denn Frauen sollen "Subjekte ihrer eigenen Lebensentscheidungen   einschließlich ihrer Sexualität" sein. In der Tat ist in der christlichen Anthropologie die "Freiheit von Beziehungen" ausgeschlossen. Hier wird ein unwirkliches Bild einer "Unabhängigkeit" von Menschen, von Gott und seinem verbindlichen Wort in Schrift und Tradition gezeichnet. Das ist eine andere Anthropologie: Freiheit von Beziehungen kann man im Buddhismus anstreben, nicht jedoch in der Nachfolge Jesu Christi.

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Bedeutung aufgelöst

Die Texte missdeuten den Heiligen Geistes als Kraft, die das natürliche Geschlecht so fluide macht, dass es sich in seiner Bedeutung auflöst. Der "Vollzugsbegriff Repräsentation" erwachse aus "dem kommunikativen Offenbarungsverständnis und einer soteriologischen Erschließung der Sakramentalität": "Die Repräsentanz Jesu Christi, die dem Priester zukommt, ist in der Feier der Eucharistie ein relationaler Vollzug  Das ,in persona Christi -Handeln ist auf die Gemeinde der Glaubenden bezogen   Menschen ist zuzutrauen, dass sie im Heiligen Geist wahrnehmen, dass Jesus Christus ihnen begegnet, wenn ein Mensch   Frau oder Mann   ihnen zuhört, sie tröstet, sie aufrichtet, sie heilt und im Leben orientiert."

Hier wechseln die synodalen Autoren unmerklich vom sakramentalen Priestertum (Eucharistie) zum allgemeinen Priestertum (Zuhören). Das ist Absicht: "Die traditionelle substanzontologische Repräsentanz Jesu Christi und ein sacerdotal-kultisches Amtsverständnis werden aufgebrochen, und in dieser soteriologischen Perspektive spielt das Mann-Sein Jesu Christi keine Rolle." Durch die "pneumatologische Akzentuierung der Amtstheologie" wird das natürliche Geschlecht Jesu und somit das Mann-Sein des Priesters in seiner Bedeutung aufgelöst.

Um das Sakrament aber in seiner Symbolsprache wahrnehmen zu können, muss eine natürliche Ähnlichkeit der eucharistischen Gaben mit Brot und Wein vorliegen und die des Priesters durch sein natürliches Geschlecht mit dem Mann-Sein Christi. Wenn die Wirkkraft des Heiligen Geistes nicht in konkreten leiblichen Formen inkarniert wird, dann kann es zu spalterischen und zerstörerischen Wirkungen kommen. "Vielleicht ist die katholische Kirche", so hoffte Hans Urs von Balthasar, "aufgrund ihrer eigenen Struktur das letzte Bollwerk in der Menschheit einer echten Würdigung der Differenz der Geschlechter".

Kein Machthaber

Das sacerdotale Moment, die rituelle Vergegenwärtigung des Opfergeschehens Christi im eucharistischen Mahl, wird in den synodalen Texten zugunsten der Verkündigung des Evangeliums in der Messe zurückgedrängt. Das Evangelium verkünden, dazu sind auch Theologinnen im Sinn ihres allgemeinen Priestertums berufen. In der Messe ist dem Priester die Einheit von eucharistischem Opfer und Wortverkündigung "in persona Christi" vorbehalten. In allen Texten des Forum III wird kaum zwischen dem "allgemeinen Priestertum" und dem "sakramentalen Priesteramt" unterschieden.

Das führt von einer Priester-Funktion als "Jünger Christi im allgemeinen Priestertum", zur Frage der Effektivität: "Welche Gestalt von Diensten und Ämtern dient der Verkündigung des Evangeliums am besten"? Jesus hat über diese Frage eine Nacht lang betend den Willen des Vaters gesucht. Aus den Jüngern und Jüngerinnen wählte er nicht die treue Maria Magdalena, nicht seine Mutter, sondern zwölf Männer aus, die "Apostel im engeren Sinne". Jesus, und in seinem Auftrag der Bischof, verleiht dem Priester bei seiner Weihe "Vollmacht".

Damit ist er kein "Machthaber", sondern Diener. Ein Mann muss nicht "von Natur aus" einem schwächeren Leben dienen, wie die Frau ihren Kindern. Jesus musste daher als Mann kommen, weil Gott nur als menschlicher Mann dem Mann das Dienen beibringen konnte. Uns Frauen hat Jesus eine andere Aufgabe zugedacht: Er berief "Frauen zur innigsten Vereinigung mit sich", "als Sendboten seiner Liebe, als Verkünderinnen seines Willens an Könige und Päpste, als Wegbereiterinnen seiner Herrschaft in den Herzen der Menschen" (Edith Stein).


Die Autorin ist freiberufliche Religionsphilosophin und Präsidentin der Edith Stein Gesellschaft Deutschland.

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