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Weisheit ist viel mehr als reines Wissen

Die Worte Jesu Christi und sein Lebenszeugnis erschließen dem Menschen etwas von der göttlichen Weisheit.
Weisheit in der Bibel
Foto: Pixabay | Biblische Weisheit ist mehr als nur Wissen. Der Weise hört und meditiert das Wort Gottes.

Es würde am Bedeutungsspektrum des biblischen Weisheitsbegriffes vorbeigehen, wenn man den Weisen nur als denjenigen verstehen würde, der viel weiß. Natürlich kann der Weise viel Wissen und intellektuelle Kompetenzen besitzen, doch der Weise der Bibel zeichnet sich dadurch letztlich nicht aus.

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Weise zu sein bedeutet vielmehr, eine Einsicht in die Zusammenhänge der Welt und des Lebens gewonnen zu haben. Den Ausgangspunkt bildet die Vorstellung, dass der Wirklichkeit eine Ordnung eingestiftet ist, der man als Mensch auf die Spur kommen kann. Erkennt man diese Ordnung und berücksichtigt sie, dann kann man ein gutes Leben führen. Gewonnene Einsichten in diese Ordnung hat man immer wieder festgehalten, um sie von Generation zu Generation zu überliefern.

Tun und Ergehen 

Beispielsweise war man der Überzeugung, im sogenannten Tun-Ergehen-Zusammenhang eine solche Ordnung gefunden zu haben, an der man sein Leben ausrichten könne. Kurz gesagt geht es hier um die Annahme, dass gutes Ergehen auf gutes Handeln folgt und in umgekehrter Weise schlechtes Ergehen auf schlechtes Handeln. Obwohl die Annahme eines solchen Zusammenhangs auch schon in der Bibel kritisiert und diskutiert wurde, ist dieser Gedanke derart wirkmächtig, dass man ihn heute noch in so manchem Sprichwort wiederfindet: Wie man sich bettet, so liegt man.

Gleichzeitig beinhalten viele Texte der Bibel auch die Einsicht in die epistemologischen Grenzen des Menschen, der die Wirklichkeit nie völlig durchschauen kann. Umfassende Weisheit bleibt ein Desiderat, wie sie in Goethes Faust zum Ausdruck gebracht wird: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Wenig überraschend siedelt die Bibel die Fülle der Weisheit bei Gott an, der allein die Ordnung und Zusammenhänge der Wirklichkeit kennt.

Woher kommt die Weisheit

Auf dem Hintergrund der Weisheitsthematik ist das Evangelium dieses Sonntags zu beleuchten. Jesus lehrt in der Synagoge, was zu Reaktionen führt, die das Außerordentliche seiner Rede unterstreichen: Die Leute sind außer sich vor Staunen – man stelle sich das einmal vor – und können es sich nicht erklären, woher Jesus diese Weisheit hat. Das, was Jesus sagt, scheint den Leuten also einen tieferen Einblick in die Wirklichkeit vermittelt zu haben und menschliche Maßstäbe zu sprengen.

Das Evangelium macht so auf etwas Entscheidendes aufmerksam: Die Verkündigung Jesu und sein Lebenszeugnis erschließen dem Menschen etwas von der göttlichen Weisheit. Wer das Wort Jesu hört und sein Tun meditiert, der kann zu tieferer Erkenntnis seines Daseins gelangen.

Text unter der Lupe

Ez 1,28b–2,5
2 Kor 12,7–10
Mk 6,1b–6
Zu den Lesungen des 14. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B) 2024

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Martin Seiberl Bibel Jesus Christus Johann Wolfgang von Goethe Weisheit

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