Glaubensvorbilder

Vom Silicon Valley ins Kloster

Die Spanierin Montserrat Medina Martínez hat erkannt, dass das wahre Leben nicht im beruflichen Erfolg zu finden ist.
Monsterrat Medina Martinez
Foto: Kloster Santa Ana | Am 10. September 2022 trat die spanische Start-up-Gründerin Montserrat Medina Martinez in den Augustinerinnenorden ein – und entschied sich für ein Leben mit Gott.

Die Geschichte von Montserrat Medina Martínez ist der Stoff, aus dem in früheren Jahrhunderten Heiligenlegenden gewebt wurden. Denn die junge Frau, die sich im Alter von 36 Jahren entschieden hat, ein Leben fernab der Welt im Kloster zu verbringen, hatte alles, was man sich für eine erfolgreiche Karriere in derselben nur wünschen kann: Ruhm, Geld, internationale Anerkennung – all das flog ihr nur so zu. Das Einzige, was ihr zum wahren Glück fehlte, war eben dies: das Glück. Sie empfand es nicht, obwohl sie –, wunderschön, ein vielversprechendes Talent und erfolgreich – doch genau dies spüren musste. Doch offenbar war ihr klar geworden, dass die innere Leere, die sie empfand, nur von einem gefüllt werden konnte – jenem Herrn und Gott, dem sie nun als kontemplative Nonne in einem Konvent der Augustinerinnen, dem in der Stadt Sant Mateu, Castellón gelegenen Kloster Santa Ana, dient.

Das kontemplative Leben der Augustinerinnen vollzieht sich seit der Gründung vollständig im Verborgenen, unterbrochen nur von einer kurzen Periode während des Spanischen Bürgerkriegs, in dessen Folge der Konvent im Jahr 1936 für kurze Zeit von den Republikanischen Truppen aus seinem Kloster vertrieben wurde. Dass die frischgebackene Nonne ihr Glück ausgerechnet dort und nirgendwo anders fand, macht nachdenklich. Denn von außen betrachtet, war ihre Entwicklung ideal gewesen.

San Francisco und Deloitte waren nicht genug

In einem Brief an ihre ehemaligen Geschäftspartner erzählt sie davon: Montserrat Medina Martínez hatte zunächst Maschinenbau für Luftfahrzeuge in Stanford studiert und mit Bestnoten abgeschlossen. Nach dem Erwerb zweier Master hatte man ihr ein Stipendium für Computermathematik mit dem Ziel der Promotion angeboten. Vor 13 Jahren ging sie deshalb nach San Francisco, um dort ihre Dissertation zu schreiben. In diesem inspirierenden Umfeld gründete sie gemeinsam mit anderen das Start-up Jetlore, eine Firma, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, die eingesetzt wird, um elektronisches Marketing voranzubringen und zu einem Leuchtturm in Silicon Valley wurde, der schließlich vom Tech-Giganten PayPal aufgekauft wurde.

Schon hier öffnete sich ein Fenster, denn Montserrat Medina Martínez musste sich nach einer neuen Beschäftigung umsehen. Als sie das Angebot erhielt, als Partnerin bei Deloitte, einer 1845 in London gegründeten und nun in Spanien ansässigen Firma einzusteigen, die eines der vier größten Wirtschaftsprüfungsunternehmen der Welt ist, war sie gerade einmal 34 Jahre alt.

Doch sie erkannte für sich, dass sie nun ein Problem hatte: Denn die zahlreichen Talente, die sie, wie die Katholikin sehr wohl wusste, Gott verdankte, nutzte sie, wie sie in ihrem Brief an ihre ehemaligen Kollegen schreibt, ausschließlich zu ihrer eigenen Ehre und um Reichtümer in dieser Welt anzusammeln. Dass diese im Angesicht Gottes nichts gelten, wurde ihr nach und nach klar: Denn die immer größer werdende innere Leere, die mit dem äußeren Reichtum einherging, brachte Montserrat Medina Martínez zu der Erkenntnis, dass sie auf ihrem Lebensweg dem Selbstbetrug aufgesessen war. Das, wonach sie mit viel Energie und überragendem Erfolg gestrebt hatte – äußerer Erfolg, Reichtum, Aufstieg auf der Karriereleiter – hatte sich, was das innere Leben anging, als komplettes Verlustgeschäft erwiesen. „Ich glaube, dass Gott mich ruft, all dies hinter mir zu lassen und seinem Sohn Jesus nachzufolgen“, schreibt sie in ihrem auf ihrem LinkedIn-LinekdIn Profil veröffentlichten Brief an ihre ehemaligen Geschäftspartner.

Ihre Entscheidung wurde in den sozialen Medien verständlicherweise viel diskutiert. Die Radikalität, mit der eine junge Frau, die alles erreicht hat, von dem viele träumen, und all das hinter sich lässt, weil sie das in ihren Augen wahre Leben gefunden hat, fasziniert, irritiert aber auch. Denn die Fülle des inneren Lebens liegt in einer Welt, die offenkundig auf äußere Werte setzt, außerhalb des allgemeinen Wahrnehmungsbereichs. Umso stärker wirkt das Zeichen, das Montserrat Medina Martínez mit ihrer Kehrtwende gesetzt hat.

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Vom goldenen Käfig zum Leben in Fülle

Ihr Leben besteht nun aus einem ruhigen Wechsel von Gebet und Arbeit. Der Konvent ist wirtschaftlich autark. Die Nonnen verdienen ihren Lebensunterhalt mit selbst gemachten Nudelprodukten, dem Anbau von Süßkartoffeln, Kürbis-Pastete und anderen Backwaren, die sie in einer eigenen Bäckerei verkaufen.

Dass Montserrat Medina Martínez sich gerade dieses Kloster als neuen Lebensmittelpunkt ausgesucht hat, ist kein Zufall. Sie kam schon seit Jahren zu Exerzitien hierher, die jeweils acht bis zehn Tage dauerten und kennt die 13 Nonnen, die dort leben, gut. Schwester Asunción ist davon überzeugt, dass ihre neue Mitschwester in Santa Ana gefunden hat, was sie eigentlich suchte: „Montserrat hat eine starke Berufung, die vom Herrn kommt, und sie will alles hinter sich lassen.“

Martínez hatte sich, bevor sie zu regelmäßigen Exerzitien kam, genau über die Struktur des Lebens der Nonnen informiert. Und sie ist nicht die einzige moderne und erfolgreiche junge Frau, die sich diesen Konvent ausgesucht hat: Eine andere Mitschwester war Biologin in Valencia, bevor sie in Santa Ana eintrat.

Berufungen wie die von Montserrat Medina Martínez sind immer ein Wunder. Sie selbst schreibt in ihrem offenen Brief: „Ich weiß nicht, warum der Herr mich bemerkt hat. Ich weiß nicht, warum es mich seit meiner Kindheit jeden Sonntag innerlich bewegt, wenn ich in einem Kirchenlied die Worte hörte: ,Ich habe dich beim Namen gerufen'. Ich habe es nicht verstanden, weil es eine besondere Gnade war. Ich weiß nicht, warum Seine Liebe mir freigiebig die unverdienten Talente gegeben hat, die mich befähigt haben, all die Jahre meine Arbeit zu tun, genauso wenig, wie ich weiß, welchen Plan er von nun an mit mir hat.“ Doch sie ergänzt: „Das Einzige, was ich sicher weiß, ist: Ich habe den Schatz gefunden, wie das Evangelium sagt und ich will alles verkaufen, was ich in der Welt habe, um ihn zu erwerben.“ Martinez beschreibt, dass der Ruf, den sie hörte, sie schon seit längerem zu einer Antwort verlockte, die sie aber nur zögernd in ihrem Inneren gab. Die Folge war eine Rastlosigkeit, die mit caritativen Tätigkeiten nicht zu beruhigen war – Gott wollte sie ganz. Nun ist Montserrat Medina Martínez seinem Ruf gefolgt.

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Barbara Stühlmeyer Klöster

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