Krieg

Keine Wende ohne Umkehr

In einem Krieg wie dem in Europa ist die Stunde der Jünger Christi gekommen. Sie können Zeugnis geben für das Licht, wenn sie nicht schon selber den Blendungen des bösen Feindes erlegen sind.
Versuchung Jesu
Foto: Adobe Stock | Jesus Christus widersteht den Versuchungen Satans. Detail eines Freskos von einem unbekannten Meister in der Kirche San Abbondio in Como (1315-1324)

Wer bislang dachte, die Coronakrise hätte eine internationale Zeitenwende heraufbeschworen, die wie immer wieder zu lesen war die einschneidendste seit dem Zweiten Weltkrieg ist, der muss nun lernen, dass der gegenwärtig in der Ukraine tobende Krieg alles Bisherige eher wie eine Generalprobe für eine weit größere Belastung aussehen lässt. Der angesichts unsichtbarer Krankheitsmächte und ihrer Unwägbarkeiten arg strapazierte Wissenschaftsglaube wird gegenwärtig abgelöst von einer nicht einkalkulierten Ohnmachtserfahrung. Sie ergibt sich aus dem zerplatzten Glauben an die Möglichkeit der Überwindung kriegerischer Absichten in Europa.

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Wille zur Vernichtung 

Der Tabubruch der sich entladenden Aggressionen bis hin zum artikulierten Willen zur Totalvernichtung in einer Region, in der westliche Touristen bis vor kurzem noch zum Sightseeing unterwegs waren, macht alle fassungslos. Bislang wurden Frieden und Sicherheit wie eine dogmatische Bekenntnisformel in einem europäischen Territorium für unantastbar gehalten. Die Sicherheiten stellten sich über Nacht als trügerisch heraus.

Das allgemein als Wende empfundene abrupte Ende einer Ära, in der so etwas wie ein Krieg in Europa ins beinahe Unmögliche rangiert worden war, stellt neben den vermeintlichen Sicherheiten vor allem den Glauben an den Menschen infrage. Die Bürger des Westens werden aus ihren multikulturellen und diversitätsheischenden Selbstbeschäftigungen und Unverbindlichkeiten geweckt. Im Umgang mit Zerstörungsabsichten gibt es weder Verhaltensmaßregeln noch Impfkampagnen, die einem eine Normalität zurückzugeben versprechen könnten. Das aus der Coronakrise bekannte flaue Gefühl, kein rechtes Mittel zur Bewältigung zu haben, steigert sich gegenwärtig zu einem Schwindelgefühl der globalen Chancenlosigkeit.

Gebrochene Natur

Aus dem Blickwinkel eines an Gott glaubenden Menschen darf der Befund nicht überraschen. Denn die christliche Offenbarung lässt eine tiefgreifende Beschädigung der menschlichen Natur erkennen, die den Menschen im rechten Gebrauch seiner Freiheit behindert und ihn deswegen in jeder Epoche latent gefährlich macht. Christen fallen ob dieses Befundes jedoch nicht in Depressionen, sondern glauben zugleich an die Gnade Gottes, also an eine übernatürliche Hilfe zur Bewältigung des menschlichen Defizits, aus eigener Kraft den Makel der Sündhaftigkeit zu überwinden. Das verleiht Nüchternheit im Umgang mit dem Bösen und seinem zerstörerischen Potenzial. Es nimmt dem Hang des Menschen zum Missbrauch seiner Freiheit das Fatalistische. Die Gnade ersetzt nicht die Natur, sie ergänzt und vollendet sie, so dass der Mensch nicht in der verzweifelten Lage verbleiben muss, dem Bösen ausgeliefert zu sein, das in ihm arbeitet, an ihm zieht und ihn auf sich selbst und seine Abgründe zurückwirft.

Das Böse kennt also ein Mittel des Widerstands, das nicht allein im guten Willen liegt, sondern in der Gnade Gottes, vorausgesetzt, der Mensch glaubt und stimmt der Ordnung zu, die nicht von ihm selbst gemacht ist. Der Umgang mit dem Bösen als Versuchung ist für einen Christen kein Kampf gegen eine fatalistische Ausweglosigkeit, sondern der Kampf gegen sich selbst und gegen seinen Hang, die Ordnung Gottes zu ignorieren. Sicherheit gewinnt das menschliche Leben aus diesem Blickwinkel nicht durch die Kraft der Vernunft, sondern durch Gottes Gnade, die den Menschen hält, wo die Vernunft an ihre Grenzen gekommen ist.

Die Versuchung

In der augenblicklichen Not der Menschheit, sich dem Drama bösartiger Perversion menschlicher Freiheit hilflos ausgesetzt zu sehen und alle humanistisch und demokratisch begründeten Sicherheiten zu Freiheit und Wohlergehen verloren zu haben, begann die katholische Christenheit die Fastenzeit mit dem Evangelium von der Versuchung Jesu in der Wüste. Am Anfang einer Zeit der Neuwerdung steht damit die Mahnung, die eigentliche Herausforderung nicht zu übersehen. Der Satan will selbst Gott sein und versucht alle Menschen, es ihm gleichzutun. Er blendet die Menschen mit der Verheißung vollkommener Freiheit, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.

Er verspricht in der Lösung vom göttlichen Willen die Befreiung. Er karikiert den Gehorsam Gott gegenüber als Versklavung heute würde man sagen: als Diskriminierung. "Du willst machen, was Du willst und kannst es nicht, weil die Ordnung Gottes Dich daran hindert. Werde Du selbst und löse Dich von dem, was Dich einschränkt!" Christus zeigt, wie man mit so etwas umgeht. Er widersteht. Beinahe gelassen pariert er den Umgarnungen des Versuchers mit Zitaten aus der Überlieferung der Heiligen Schriften: "Es steht geschrieben: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen."

Der Zweikammpf

Wer jenseits der Fassungslosigkeit, die viele gegenwärtig in eine Schockstarre fallen lässt, eine Antwort auf die Frage nach der Herkunft dessen sucht, was wie eine unheimliche Götterdämmerung augenblicklich die Welt in ihrer Endlichkeit erschüttert, findet im buhlenden Zweikampf zwischen Christus und Satan eine Erklärung. Dort liegt die Maßgabe für den Sieg des Guten. Es ist der Widerstand gegen die Versuchung, es wie der Teufel zu machen und selbst Gott sein zu wollen.

Betrachtet man die Krise, in der die Welt in diesen Tagen steckt, geistlich, entdeckt man im aufgeschreckten Empfinden einer Wendezeit die Enthüllung dieses alten Zweikampfs. Die Welt ist nicht verunglückt durch den Zerstörungswillen eines Einzelnen. Sie zeigt sich vielmehr als der Schauplatz eines allgemeinen Gottesverlustes. Die Ohnmachtsinszenierungen in Form von Demonstrationen und Mahnwachen, von flammenden Kerzen und Reden offenbaren den eigentlichen Kern des Dramas: die Blindheit für die Ordnung Gottes als Gefahrenpotenzial globaler Selbstvernichtung. Allzulange schon fühlt sich die Welt befreit von der Verantwortung ihrem Schöpfer gegenüber.

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Eine Karikatur

Allzulange schon greift sie ein in das, was ihm allein gehört, ignoriert seine Gebote, tötet millionenfach menschliches Leben vor der Geburt, schafft der Lüge und der Unwahrheit einen festen Platz im Konzert der Informationen und beschädigt die dem Menschen so wesentliche Fähigkeit zu lieben durch das Surrogat einer triebhaft gesteuerten egoistischen Karikatur von Liebe, die ohne Opfer und Hingabe auskommen will. Und über allem steht die digitalisierte Blindheit für das Wirkliche, der es abhanden gekommen ist, in der Endlichkeit das Ewige zu suchen. In dieser agnostischen Ahnungslosigkeit liegt der Kern des Dramas. Die Welt spürt ihren Gottesverlust nicht mehr.

Zurück bleibt die Hilflosigkeit in der Suche nach dem Ausgang. Man wird ihn nicht finden ohne zuvor Wegweiser gefunden zu haben. Deswegen ist die Stunde der Jünger Christi gekommen, die Zeugnis geben können für das Licht. Können? Könnten! Wenn sie nicht schon selbst den Blendungen des bösen Feindes erlegen sind, so wie es sich unübersehbar abzeichnet, wenn Teile der Kirche daran gehen, sich in dem Sumpf, der die Menschen in der Gottesferne versinken lässt, selbst vergnügt und im Rausch gesellschaftlicher Anerkennung zu suhlen.

Nur Bekehrung ist der Ausgang

Am 24. Februar, dem Tag, an dem in den frühen Morgenstunden die Todesmaschinerie des Krieges angeworfen wurde, las die katholische Welt rund um den Globus in der Liturgie aus dem Jakobusbrief über das Drama des Gottesverlustes: "Ihr habt auf Erden ein üppiges und ausschweifendes Leben geführt, und noch am Schlachttag habt ihr euer Herz gemästet. Ihr habt den Gerechten verurteilt und umgebracht, er aber leistete euch keinen Widerstand." (Jak 5, 5-6) Und die Liturgie antwortete darauf mit Versen aus dem Psalm 49: "So geht es denen, die auf sich selbst vertrauen, und so ist das Ende derer, die sich in großen Worten gefallen. Der Tod führt sie auf seine Weide wie Schafe, sie stürzen hinab zur Unterwelt." (Psalm 49, 14.15b)

Es ist nun die Stunde derer gekommen, die diese Hinweise am Tag der "Wende" deuten können und wissen, dass der Ausgang aus der Welt des Bösen sich nicht am Verhandlungstisch finden lässt, sondern nur durch Bekehrung und Umkehr. Solange die Kinder des Lichtes dafür Zeugnis geben, hat die Welt eine reale Chance, sich selbst zu überleben.

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