Passau

„Jüngerschaft ist ein Lebensstil“

Es entstehen immer mehr Jüngerschaftsschulen. Warum sich das Format unter jungen Erwachsenen großer Beliebtheit erfreut: Ein Besuch in der jüngst eröffneten J9 in Passau.
Pfarrer Frank Cöppicus-Röttger spricht über das Wochenthema "Geistiger Kampf"
Foto: Veronika Wetzel | Pfarrer Frank Cöppicus-Röttger spricht in der J9 Passau über das Wochenthema "Geistiger Kampf".

Der Duft von Kaffee liegt in der Luft, Gelächter hallt durch das Treppenhaus und führt den Besucher in einen gemütlichen Wohn-Essbereich. Drei Studenten sitzen in Hängekorbsesseln und unterhalten sich, andere lehnen in Sweatshirt und Jeans an der Kaffeetheke. Eine Girlande mit dem Schriftzug „Jesus ist auferstanden“ hangelt sich von einer Lampe mit großen Glaskugeln zur nächsten. Ein Sessel mit Zebramusterbezug steht in einer Leseecke, daneben ein Bilderrahmen, der Einzelporträts aller Studenten zeigt, die von einer Muttergottes-Statue bewacht werden. In dem Bücherregal, das sich über die halbe dunkelgrau gestrichene Wand erstreckt, finden sich zahlreiche Bücher von Joseph Ratzinger, über Mutter Teresa oder die Theologie des Leibes. Die Jüngerschaftsschule J9 in Passau führt zusammen, was viele für unvereinbar halten: katholisch und modern zu sein.

Jüngerschaft ist ein Lebensstil

Seit Oktober vergangenen Jahres leben neun Studenten in der Jüngerschaftsschule der charismatischen „Loretto-Gemeinschaft“. Hier sollen die jungen Erwachsenen lernen, was es heißt, Jesus in seinem Leben nachzufolgen. „Ziel der J9 ist es, den Studenten beizubringen, wie man einen jüngerschaftlichen Lebensstil lebt. Die Frage ist: Durchdringt der Glaube mein ganzes Leben – nicht nur auf einer Werteebene, sondern auch auf einer Beziehungsebene zu Gott?“, erklärt der Leiter der Jüngerschaftsschule, Sebastian Raber, im Gespräch mit der „Tagespost“. Jüngerschaft sei keine Theorie, sondern ein Lebensstil, den man vorleben müsse und so weitergebe. „Deswegen ist es wichtig, in christlicher Gemeinschaft zusammen zu leben, nahe an den Studenten dran zu sein, in gewisser Weise wie eine Familie zu sein.“

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Jede Woche behandeln verschiedene Referenten ein Thema, darunter: Gottesfurcht, Selbstannahme, falsche Gottesbilder und das Vaterherz Gottes, Anbetung, Lobpreis, Theologie des Leibes. Das Thema heute: geistiger Kampf. Dafür lässt der Referent Pfarrer Frank Cöppicus-Röttger aus Österreich einen Leiter mit ermutigenden und demotivierenden Worten von sich selbst und einem anderen Leiter beschallen. Sie sollen die Stimme Gottes und die des Widersachers darstellen.

Ehrlichkeit als Fundament

Die entscheidende Frage sei, so Cöppicus-Röttger, wem man im Kampf zwischen Gott und dem Widersacher Glauben schenke. „Glaubst du der Stimme des Widersachers oder springst du in die Arme des Herrn?“, fragt der Priester, auf der orangenen Ledercouch im Klassenzimmer sitzend in die Studentenrunde. Um schwierige Themen wie den Begriff „schwere Sünde“ macht er dabei keinen Bogen und lockert das Thema auf, indem er selbst „Lebenslügen“ teilt, mit denen er immer wieder zu kämpfen hat. Die Ehrlichkeit ist ein Baustein, die das familiäre Fundament in der J9 bildet. Es werden keine „perfekten Fassaden“ aufgebaut, auch beim Priester nicht.

Auch die Herzlichkeit, die sich darin zeigt, dass die Studenten den Priester mit Spitznamen „Frankie“ ansprechen und er darauf achtet, sie immer beim Namen zu nennen, fällt auf. Ebenso die Wertschätzung im Umgang miteinander, wenn sowohl Leiter als auch Studenten betonen, was sie am anderen bewundern. Neben den Unterrichtszeiten prägen Gebetszeiten am Morgen, gemeinsames Mittagessen und Workshops am Nachmittag den Alltag in der J9, auch Haushaltsarbeiten werden gemeinsam erledigt.

Glauben im Alltag leben

Freitags gehen die Studenten zum „Impacting“, zu Deutsch „Einfluss nehmen“ in die Stadt, um für Personen zu beten, die ihnen ins Auge stechen oder um Hilfe anzubieten, wo sie benötigt wird. Aber auch der Kontakt zu den verschiedenen Pfarrgemeinden des Bistums soll gepflegt werden, indem die Studenten Abende der Barmherzigkeit oder einen Gottesdienst mitgestalten. Raber betont: „Wir sind kein Eliteverein, sondern wir wollen mit allen Leuten in Kontakt kommen.“

Dass die aktive Mission weniger Raum als die Lehre einnimmt, erklärt der studierte Theologe damit, dass Jüngerschaft sich nicht in erster Linie durch Missionsausflüge zeige, sondern dadurch, wie man den Glauben im Alltag lebe: „Es ist mindestens genauso wichtig, wertschätzend mit seiner Familie umzugehen, wie als Missionar im Ausland zu leben und zu wissen, wie man einen Vortrag über Jesus hält.“

Auf Spendenbasis

Das Programm richtet sich an junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren und kostet im Monat 700 Euro für Unterkunft, Verpflegung, Referenten und Ausflüge. Um den Beitrag finanzieren zu können, setzen die Studenten auf eigens Erspartes oder auf Unterstützerkreise. Voraussetzung für die Teilnahme an der J9 ist, katholisch zu sein und eine gewisse Glaubensbasis zu haben, auf die aufgebaut werden kann.

Die Jüngerschaftsschule zog auf Vorschlag des Bischofs Stefan Oster in die ehemalige Wirtschaftsschule ein. Die Renovierung im Umfang von 4,8 Millionen Euro finanzierte der bischöfliche Stuhl und stellte zudem für den Start 300 000 Euro zur Verfügung. Doch ansonsten finanziert sich das Haus, das neben der Jüngerschaftsschule eine Kantine für Bedürftige und einen öffentlich zugänglichen Gebetsraum beherbergt, von Spenden.

Große Nachfrage bei Jüngerschaftsschulen

Die Jüngerschaftsschule in Passau ist zwar die jüngste ihrer Art in Deutschland und Österreich, aber nicht die Einzige. Das Mutterhaus der J9 befindet sich in Salzburg, die Nachfrage dort ist groß: 25 Plätze bietet die „J9 classic“, bis auf dieses Jahr seien alle immer belegt gewesen, teilt die Leiterin der Home Akademie, Bernadette Lang, der „Tagespost“ auf Anfrage mit. Für jede Staffel – also jedes Studienjahr – habe es bisher zwischen 35 und 40 Bewerber gegeben, die sich teilweise erst einmal mit Wartelisten begnügen mussten. Wegen der hohen Nachfrage sei zusätzlich noch der Zweig „J9 Sports“ mit einem sportlichen Schwerpunkt eingeführt worden.

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Das starke Interesse der jungen Erwachsenen an der Jüngerschaftsschule erklärt Lang sich damit, dass sie Grundfragen behandle, die sich junge Menschen stellen würden. Die Kirche könne zwar Antworten auf diese Fragen bieten, aber es gelinge ihr zu wenig, sie nach außen zu kommunizieren. Auch die Gemeinden müssten daher wieder missionarischer werden: „Die beste Werbung sind junge Menschen, die bei dem Programm die lebensverändernde Kraft durch die Beziehung zu Jesus erlebt haben. So beginnt Multiplikation: Das ist Jüngerschaft, das ist der Herzschlag der Kirche. Daher sollte das Prinzip auch in den Pfarreien neu integriert werden. Liturgische Gemeinschaft allein reicht nicht.“

Absolventen bleiben Licht und Salz

Auch der Leiter der Jüngerschaftsschule „Flameacadaemy“ des Gebetshauses Augsburg, Johannes Hartl, stellt gegenüber der „Tagespost“ eine große Nachfrage junger Menschen nach Glaubensunterweisung fest: Von den 50 Plätzen, die die Jüngerschaftsschule jährlich zur Verfügung stellt, seien immer zwischen 40 und 50 belegt gewesen, rund die Hälfte der Bewerber würden abgelehnt.

Die Veränderungen, die die Studenten während der zehn Monate erlebten, hätten sich auch als nachhaltig erwiesen: Durch Fragebögen könne festgestellt werden, dass die Glaubensvertiefung mit der nach den zehn Monaten, die die Schule dauert, nicht aufgehört habe. „Es ist sehr ermutigend zu sehen, wie die Absolventen ihr Christsein in ihrem Umfeld, an den Unis, Arbeitsplätzen, in ihren Familien und Gemeinden leben, dort Licht und Salz sind“, so Hartl.

Fester Glaubensanker

Erste Veränderungen können auch die Studenten der J9 Passau bei sich beobachten. Acht der neun Monate sind vorbei, die Staffel neigt sich dem Ende zu. Die 26-jährige Maria bedauert das, aber freut sich zugleich darauf, Zeugnis geben zu können: „Ich merke bei meiner Familie und auch bei meiner besten Freundin, dass sie für den Glauben offener werden. Es ist für mich total schön, dass ich in meinem Umkreis Zeugnis geben darf.“

Nach der J9 möchte sie einen Gebetskreis gründen, um weiterhin einen festen Glaubensanker zu haben. Denn sie hat sich erst vor drei Jahren bei einem Alphakurs bekehrt. Über ihren Gebetskreis kam sie zur Loretto-Gemeinschaft und damit auch zur J9. Im Rückblick auf die vergangenen acht Monate stellt Maria fest: „Bisher hat sich in meinem Denken und Glauben unheimlich viel verändert: Ich habe jetzt eine ganz andere Sicht auf das Leben; ich habe gelernt, meine Mitmenschen wertschätzend zu behandeln und sie zu ehren: das bedeutet für mich Jüngerschaft.“

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