Liturgie

Heiliger Ernst für Gott

Wie spielerische Zugänge zur Liturgie Zugang zum Glauben an die Sakramente eröffnen.
Die Mysterien der heiligen Christina
Foto: Katharina Ebel | Das Martyrium der heiligen Christina wird im volkstümlichen Mysterienspiel in Bolsena anschaulich.

Museen sind Friedhöfe für spirituelle Objekte, sagte kürzlich der Leiter einer Völkerkundesammlung und meinte damit keineswegs nur die exotischen Gegenstände aus fernen Ländern, die in seinem Depot ein neues Zuhause gefunden haben. Auch in den Museen hierzulande finden sich reichhaltige Zeugnisse einer lebensfrohen, lebensnahen und verweiblichten Religiosität, die neu zu entdecken sich lohnt. Denn die Seelenkinder und Sakramentalien, die unsere Vorfahren in vielen Lebenszusammenhängen nutzten, sind keineswegs Zeugnisse eines naiven Zugangs zur Sphäre des Göttlichen, sondern vielmehr in heiligem Ernst genutzte Objekte, mit denen sie sich in das Geheimnis des Glaubens hineinspielten, es mit Leib und Seele erfahrbar machten und so beispielhaft eine inkarnatorische Spiritualität lebten.

Interdisziplinäre Ansatz

Der vorliegende „Heilige Spiele. Formen und Gestalten des spielerischen Umgangs mit dem Sakralen“, von Jürgen Bärsch, Christel Köhle-Hezinger und Klaus Raschzok im Pustet Verlag herausgegebene Band thematisiert genau diese wichtige Funktion und entfaltet die im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlichen Zugänge von verschiedenen Blickwinkeln aus. Es ist vor allem dieser interdisziplinäre Ansatz, der die Fachbereiche der Liturgiewissenschaft, der Praktischen Theologie und der Völkerkunde vereint und der diesen Band zu einem so lebensnahen und zugleich auf hohem Niveau reflektierenden Leseerlebnis macht. Der warme menschliche Grundton, den die Autorinnen und Autoren in ihren Beiträgen anschlagen tut ein Weiteres dazu, hier ein wichtiges Gebiet der Glaubensgeschichte neu zu erschließen und für diese und künftige Generationen nutzbar zu machen.

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Der Hauptgewinn bei der Lektüre dieses Bandes ist zweifellos die Bewusstmachung, welch zentrale Rolle die persönliche Gottesbeziehung in einer gelingenden religiösen Entwicklung spielt. Genau sie wird bei den heiligen Spielen gestärkt, seien es liturgische, wie die Osterspiele, in denen der Jubel am Palmsonntag, das letzte Abendmahl, die Nachtwache am Ölberg, die Grablegung, die Auferstehung, die Himmelfahrt Christi und die Sendung des Heiligen Geistes nachgespielt und so auf einer tieferen Ebene nachvollzogen werden.

Spielerisch zur Heiligkeit

Spielerischer Umgang mit dem Heiligen ist, wie wir von neuen Versuchen mit dem Bibliodrama, die an altes Wissen, dass sich schon bei Kirchenvätern wie Gregor von Nyssa findet, anknüpfen, immer eine Angelegenheit von tiefem Ernst und nachhaltiger Wirkung. Denn das spielerisch Nachvollzogene verweiblicht sich, schlägt tiefe Wurzeln in Körper, Geist und Seele und ist dem Menschen deshalb aufgrund des ganzheitlichen Ansatzes und Zugangs zum Glaubensgeheimnis nutzbringender, als die bloß intellektuelle Reflexion.

Das Gleiche gilt für den Umgang mit Krippen, die keineswegs reine Schaustücke sind, sondern eine wirkliche Annäherung an den menschgewordenen Gott darstellen. Ein besonders berührendes Beispiel sind die Seelkinder, die eine Zeitlang fester Bestandteil der Zelle von Ordensfrauen waren und, liebevoll umsorgt, dem Verlauf des Kirchenjahres entsprechend gekleidet und ausgestattet, sowohl eine psychohygienische Funktion für die auf eigene Kinder verzichtenden Frauen hatten, als auch die persönliche Beziehung zu Jesus Christus vertieften.

Ohne Spaß kein Spiel

Bemerkenswert sind auch die reichen Hinweise aus katholischen wie evangelischen Gebieten, die vom „Messe“ oder „Gottesdienst“ spielend berichten und für die es zeitweise vonseiten der Spielwarenhersteller ganze Ausstattungsserien mit Miniaturaltären, Kelchen, Hostienschalen und Gewändern gab. Ein weithin vergessenes Faktum, das die zentrale Stellung solcher Spiele bezeugt, denn die Spielwarenindustrie hätte sich keineswegs die Mühe gemacht, Produkte anzubieten, die niemand erwerben möchte.

Auch der Blick auf die religiösen Brettspiele, die den Lebensweg als zielführende Reise in die himmlische Wirklichkeit beschreiben, sind enorm aufschlussreich. Hier ist bemerkenswert, dass das Interesse an diesen Spielen in dem Maße nachließ, indem sie den spielerischen Aspekt hintanstellten und den katechetisch lehrhaften überbetonten. Ohne Spaß kein Spiel und so verschwanden diese unangenehm doktrinär wirkenden Quartette und Brettspiele bald in der Versenkung.

Spielerisches Intresse ist versiegt

Dass der Zugang zu dieser farbenreichen Palette spielerischer Zugänge zum Glauben in der Mitte des letzten Jahrhunderts abgerissen und die Quellen, aus denen sie entsprangen, versiegt zu sein scheinen, wirft Fragen auf, ebenso wie die Tatsache, dass spielerische Zuwege zum Glauben sich heute, folgt man den die Gegenwart thematisierenden Beiträgen im dritten, „Formationen“ überschriebenen Teil des Buches, ungeachtet aller Bemühungen um Einbeziehung der Gemeinden eher im intellektuell-artifiziellen Bereich abspielen und daher keine der volksreligiösen Praxis vergleichbare Tiefenwirkung erzielen.

Diesen Bruch thematisieren die Beiträge nicht. Zu Recht, er steht nicht im Fokus dieses ausgezeichneten und sehr lesenswerten Bandes. Es wäre Thema eines weiteren Buches, herauszufinden, welche verleiblichten Formen an die Stelle der alten Glaubenspraktiken getreten sind, wo Surrogate aus dem Gebiet der Esoterik ersetzen, was an herzerwärmenden Glaubensspielen verloren gegangen ist und wie es möglich ist, sich neu in das Zentrum des Glaubens hineinzuspielen.

Auch hierzu könnte man, wie in der vorliegenden Publikation Theologen, Kunstgeschichtler, Völkerkundler und Musiker hinzuziehen und den materiellen Spuren des Umgangs mit dem Sakralen weiter folgen.
„Heilige Spiele. Formen und Gestalten des spielerischen Umgangs mit dem Sakralen“ ist eine lohnende und kurzweilige Lektüre, die neue Zugänge zu bewährten Formen des heiligen Spiels eröffnen kann und daher allen, denen der Glaube am Herzen liegt, wärmstens empfohlen wird.

Jürgen Barsch; Christel Köhle-Hezinger, Klaus Raschzok (Hg.): Heilige Spiele. Formen und Gestalten des spielerischen Umgangs mit dem Sakralen. Pustet, Regensburg, 2022, 368 Seiten, ISBN 978-3-7917-3245-9, EUR 39,95

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