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Franziskus: Gebet ist Sauerstoff des Lebens

Man kann nicht zu viel vom Beten sprechen, so Papst Franziskus in seinen Gebetskatechesen von 2020.
Jesus lebte das ununterbrochene Gebet.
| Jesus lebte das ununterbrochene Gebet.

 Wir setzen die Katechesen über das Gebet fort. Jemand hat zu mir gesagt: „Sie sprechen zu viel über das Gebet. Das ist nicht notwendig.“ Doch, es ist notwendig. Denn wenn wir nicht beten, dann haben wir keine Kraft, um im Leben voranzugehen. Das Gebet ist gleichsam der Sauerstoff des Lebens. Das Gebet bedeutet, die Gegenwart des Heiligen Geistes, der uns immer voranbringt, zu uns zu ziehen. Darum spreche ich so viel über das Gebet. Jesus hat uns das Vorbild gegeben für ein beständiges Gebet, das mit Beharrlichkeit geübt wird. Das ständige Gespräch mit dem Vater, in der Stille und in der Sammlung, ist der Höhepunkt seiner ganzen Sendung. Die Evangelien berichten uns auch von seinen Mahnungen an die Jünger, inständig zu beten, ohne müde zu werden. Der Katechismus ruft die drei im Lukasevangelium enthaltenen Gleichnisse in Erinnerung, die diese Eigenschaft des Gebets Jesu hervorheben (vgl. KKK, Nr. 2613).

Das Gebet muss vor allem hartnäckig sein: Wie der Mann im Gleichnis, der einen unerwarteten Gast aufnehmen muss und mitten in der Nacht bei einem Freund anklopft und ihn um Brot bittet. Der Freund antwortet: „Nein!“, weil er bereits im Bett liegt, aber jener bleibt beharrlich und zwingt ihn schließlich, aufzustehen und ihm das Brot zu geben (vgl. Lk 11,5-8). Eine hartnäckige Bitte. Aber Gott ist geduldiger als wir, und wer mit Glauben und Beharrlichkeit an die Tür seines Herzens klopft, wird nicht enttäuscht. Gott antwortet immer. Immer. Unser Vater weiß gut, was wir brauchen; die Beharrlichkeit dient nicht dazu, ihn zu informieren oder zu überzeugen, sondern sie dient dazu, in uns die Sehnsucht und die Erwartung zu nähren
Das zweite Gleichnis ist das der Witwe, die sich an den Richter wendet, damit er ihr Recht verschafft. Dieser Richter ist korrupt, er ist ein skrupelloser Mensch, aber am Ende, von der Beharrlichkeit der Witwe zur Verzweiflung getrieben, entschließt er sich, sie zufriedenzustellen (vgl. Lk 18,1-8). Und er denkt: „Naja, ich löse ihr besser das Problem und werde sie los, damit sie nicht ständig ankommt und sich bei mir beklagt.“ Dieses Gleichnis lässt uns verstehen, dass der Glaube nicht die Anwandlung eines Augenblicks ist, sondern eine mutige Bereitschaft, Gott anzurufen, auch mit ihm zu „diskutieren“, ohne vor dem Bösen und dem Unrecht zu resignieren. 

Man muss immer beten

Das dritte Gleichnis zeigt einen Pharisäer und einen Zöllner, die zum Tempel gehen, um zu beten. Jener wendet sich an Gott, indem er die eigenen Verdienste preist; der andere fühlt sich unwürdig, auch nur in das Heiligtum einzutreten. Gott erhört jedoch das Gebet des ersten, also des Hochmütigen, nicht, während er das des Demütigen erhört (vgl. Lk 18,9-14). Es gibt kein wahres Gebet ohne Geist der Demut. Gerade die Demut bringt uns dazu, im Gebet zu bitten.

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Die Lehre des Evangeliums ist deutlich: Man muss immer beten, auch wenn alles vergeblich erscheint, wenn Gott taub und stumm zu sein scheint und wir Zeit zu verlieren scheinen. Auch wenn der Himmel sich verdunkelt, hört der Christ nicht auf zu beten. Sein Gebet geht mit dem Glauben einher. Und der Glaube kann uns an vielen Tagen unseres Lebens wie eine Illusion, eine unfruchtbare Mühe erscheinen. Es gibt dunkle Augenblicke in unserem Leben, und in jenen Augenblicken scheint der Glaube eine Illusion zu sein. Das Gebet zu üben bedeutet jedoch auch, diese Mühe anzunehmen. „Vater, ich gehe beten und spüre nichts… ich spüre eine solche Trockenheit im Herzen, eine solche Dürre im Herzen.“ Wir müssen jedoch vorangehen, mit dieser Mühe der schlimmen Augenblicke, der Augenblicke, in denen wir nichts spüren. Viele Heilige haben die Nacht des Glaubens und das Schweigen Gottes erfahren – wenn wir anklopfen und Gott nicht antwortet –, und diese Heiligen waren beharrlich.

Jesus hat jedes Gebet auf sich genommen

In diesen Nächten des Glaubens ist der Betende nie allein. Denn Jesus ist nicht nur Zeuge und Lehrmeister des Gebets, er ist mehr. Er nimmt uns in sein eigenes Beten auf, damit wir in ihm und durch ihn beten können. Und das ist das Werk des Heiligen Geistes. Aus diesem Grund lädt das Evangelium uns ein, im Namen Jesu zum Vater zu beten. Der heilige Johannes gibt diese Worte des Herrn wieder: „Alles, um was ihr in meinem Namen bitten werdet, werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht wird“ (14,13). Und der Katechismus erläutert, dass „die Gewissheit, dass unsere Bitten erhört werden, auf dem Gebet Jesu“ gründet (Nr. 2614). Es verleiht die Flügel, die das Gebet des Menschen sich immer zu besitzen gewünscht hat.
Wie sollten wir nicht die Worte von Psalm 91 in Erinnerung rufen, die voller Vertrauen sind, hervorgegangen aus einem Herzen, das alles von Gott erhofft: „Er beschirmt dich mit seinen Flügeln, unter seinen Schwingen findest du Zuflucht, Schild und Schutz ist seine Treue. Du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten, noch vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt, nicht vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die wütet am Mittag“ (4-6). In Christus erfüllt sich dieses wunderbare Gebet, in ihm findet es seine volle Wahrheit.

Ohne Jesus liefen unsere Gebete Gefahr, auf menschliche Anstrengungen reduziert zu werden, die meist zum Scheitern bestimmt sind. Er aber hat jedes menschliche Gebet auf sich genommen: jeden Schrei, jede Klage, jedes Frohlocken, jede Bitte… Und vergessen wir nicht den Heiligen Geist, der in uns betet; er ist es, der uns zum Beten führt, uns zu Jesus führt. Er ist das Geschenk, das der Vater und der Sohn uns gemacht haben, um zur Begegnung mit Gott voranzuschreiten. Und wenn wir beten, ist es der Heilige Geist, der in unseren Herzen betet. Christus ist alles für uns, auch in unserem Gebetsleben. Das sagte der heilige Augustinus mit einem erhellenden Wort, das wir auch im Katechismus finden: Jesus »betet für uns als unser Priester; er betet in uns als unser Haupt; wir beten zu ihm als unserem Gott. Vernehmen wir also unsere Stimme in ihm, und seine Stimme in uns« (Nr. 2616). Darum fürchtet der Christ, der betet, nichts und vertraut sich dem Heiligen Geist an, der uns geschenkt worden ist als Gabe, die in uns betet und das Gebet erweckt. Möge der Heilige Geist, Meister des Gebets, uns auch den Weg des Gebets lehren.

Gehalten am 11. November 2020.

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