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Fällt Demokratie vom Himmel?

Wie Familie zu einem politischen Ort werden kann, an dem eingeübt wird, was die Gesellschaft trägt.
Familie als Ort, Demokratie zu üben
Foto: IMAGO/William Perugini | Früh übt sich: Am Familientisch wird eingeübt, was eine demokratische Gesellschaft trägt: zuhören, abwägen, widersprechen.

Die zunehmende Polarisierung in unserem Land macht auch vor unserer Familie keinen Halt. Als Eltern versuchen wir in lebhaften Diskussionen, gemeinsam mit den Kindern unterschiedliche Meinungen einzuordnen und ihren kritischen Geist zu fördern. „Macht euch nicht dieser Welt gleich“, ruft uns Christus zu. Wir versuchen, diesem Anspruch zu folgen und sind doch zugleich Mitbürger dieser Welt. Wir haben auch den Auftrag, diese Welt zu gestalten und Christus durch unser Handeln in sie hineinzutragen.

 

So wird unsere Familie zu einem politischen Ort, an dem eingeübt wird, was die Gesellschaft trägt: Verantwortung, Maß, Freiheit und Toleranz. Unser christlicher Glaube ist dabei keine private Zusatzoption, sondern die Messlatte, an der sich demokratische Mündigkeit misst. Als Christen sind wir überzeugt, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist. Die Würde des Menschen ist deshalb unantastbar. Dieser Gedanke ist eine tragende Säule des demokratischen Rechtsstaates. Ohne die Achtung der Menschenwürde verlieren alle anderen demokratischen Prinzipien ihren Sinn.

Würde geht vor Leistung

Wer den Menschen nicht nach Nutzen, Herkunft oder Meinung bewertet, sondern ihm Würde zuspricht, bevor er etwas leistet, ist gegen viele Versuchungen politischer Polarisierung und Radikalisierung immun, sowohl von links als auch von rechts. Der gelebte Glaube ist aus unserer Sicht der entscheidende Weg, um diese Wahrheit zu erkennen und einzuüben. Darin sehen wir einen zentralen Auftrag unserer Elternschaft.

Als Familie üben wir darüber hinaus ein weiteres zentrales Element demokratischen Zusammenhalts: Gemeinschaft. Täglich lernen wir im Familienalltag, was Demokratie benötigt, aber nicht erzwingen kann: zuhören, Verantwortung übernehmen, Konflikte aushalten, Schuld eingestehen, verzeihen und neu anfangen. Wer Kinder erzieht, weiß: Freiheit ohne Ordnung wird willkürlich, Ordnung ohne Liebe autoritär. Der christliche Glaube kennt diese Spannung und hält sie aus. Er lehrt Maß statt Maßlosigkeit und bindet Freiheit an Wahrheit.

Der Glaube schärft das Gewissen

Gerade in Zeiten politischer Polarisierung zeigt sich hier ein besonderer Gewinn. Christen wissen, dass nicht jede Meinung gleich wahr und nicht jede Haltung gleichermaßen legitim ist. Der Glaube schärft das Gewissen und ermöglicht klare Linien, ohne den anderen zu entmenschlichen. Er schützt vor moralischem Relativismus ebenso wie vor ideologischer Verhärtung. Wer an die Gültigkeit einer objektiven Wahrheit glaubt, muss sie nicht mit Macht durchsetzen.

Als Eltern erleben wir täglich, dass Erziehung ohne Orientierung nicht gelingt. Kinder brauchen Freiheit und zugleich verlässliche Grenzen. Übertragen auf die Gesellschaft heißt das: Demokratie braucht klare rote Linien, die das Gemeinwohl schützen. Der christliche Glaube liefert dafür keine Parteiprogramme, wohl aber eine tragfähige anthropologische Grundlage. Er widerspricht sowohl einem politischen Denken, das alles für verhandelbar hält, als auch einem, das Andersdenkende ausgrenzt.

Erprobtes Instrumentarium demokratischer Tugenden

Christen sind damit keine besseren Menschen. Sie verfügen jedoch über ein erprobtes Instrumentarium demokratischer Tugenden: Geduld, Verantwortung, Dienstbereitschaft und Sinn für Wahrheit. Diese Tugenden wachsen nicht durch Appelle, sondern durch gelebte Praxis. Familie und Kirche sind dafür unverzichtbare Erfahrungsräume.

Ein demokratischer Staat lebt nicht allein von Gesetzen, sondern von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann – lernen wir aus dem Böckenförde-Diktum. Wer seinen Glauben und demokratische Mitbürgerschaft ernst nimmt, wird lernen und weitergeben, dass Demokratie doch irgendwie vom Himmel fällt oder zumindest dort ihren Ursprung hat.


Die Autoren arbeiten und feiern das Leben mit ihren fünf Kindern im Rhein-Main-Gebiet.

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