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Dreiklang der Verurteilung

Der Karfreitag lehrt uns, dass alle Formen der Machtausübung versagen, wenn die rechte Geisteshaltung fehlt
Christus vor Pilatus
Foto: Imago/Heritage Images | Christus vor Pontius Pilatus. Letzterer repräsentiert den monarchischen Ansatz als Statthalter der Provinz Judäa.

In den vergangenen Jahren wurde viel um die Frage gerungen, wie mit „Macht“ in der Kirche umzugehen sei. Die Rede von „systemischer Macht“ und Gewaltenbegrenzung, Vollmacht und Demokratisierung der Kirche ist Gegenstand binnenkirchlicher Gesprächsgruppen gewesen.

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Es wird gefragt, ob die hierarchische Struktur mit ihren Alleinentscheidern in Papst- und Bischofsamt denn noch angemessen ist, es breitere Partizipationsprozesse brauche – gerade vor dem bedrückenden Hintergrund des Machtmissbrauchs in verschiedenen Kontexten.

Alldem wohnt implizit die Überzeugung inne, dass viele Probleme doch vermieden werden, wenn es doch nur die richtige Struktur gibt, – wenn Macht ausreichend verteilt und geteilt wird. Durchaus spricht vieles dafür, sodass diese Bemühungen nicht grundsätzlich infrage gestellt werden sollten.

Dennoch: Bei der Betrachtung der Passionsgeschichte fällt auf, dass bei der Verurteilung Jesu die drei der antiken Welt bekannten Herrschaftsformen gleichermaßen versagen. Bereits der griechische Geschichtsschreiber Herodot lässt in einem im 5. Jahrhundert vor Christus fingierten Streitgespräch Vertreter von Monarchie, Aristokratie und Demokratie miteinander diskutieren. Man findet Vertreter dieser Herrschaftsformen auch in den Texten des Karfreitags wieder im Alleinherrscher Pilatus, im Hohen Rat und im skandierenden Volk.

Pilatus repräsentiert monarchischen Ansatz

Pilatus repräsentiert darin den monarchischen Ansatz, er ist als Statthalter der Provinz Judäa vom Kaiser eingesetzter Verwalter mit allen Vollmachten. Aus Angst vor der Menge wird er Jesus zum Tode verurteilen, wenngleich er zuvor noch keine Schuld an ihm findet. Das Volk droht ihm, er sei kein Freund des Kaisers und stellt so seine Macht infrage, sollte er dem Töungswunsch der Menge nicht folgen. Aus Angst um seine Macht lässt er Jesus töten.

Noch vor Pilatus hatte bereits der Sanhedrin, auch Hoher Rat genannt, sein Urteil gesprochen. Dieser Sanhedrin ist das zentrale Staatsorgan des Volkes Israel, das alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam trifft und selbst von Gott durch Mose einberufen wurde (vgl. Num 11,11–17; Dtn 17,8–13).

Seit dem mittelalterlichen Theologen Theodor Abû Qurra wird dieser Hohe Rat als alttestamentlicher Vorläufer der Synoden und Konzilien angesehen, die wie er selbst gewissermaßen die aristokratische Herrschaftsform einiger ausgewählter Entscheider darstellt. Die Passionsgeschichte beschreibt den synodalen Rat als Gruppe verbohrter Theologen, die aus Rechthaberei bereit sind, über Leichen zu gehen – niemand darf ihre Wahrheit infrage stellen und tut er es doch, droht die Hinrichtung.

Schließlich berichtet die die Passionsgeschichte vom einzigen Plebiszit des Neuen Testaments, von einer Volksabstimmung, dem demokratischen Moment: „Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden freilasse?“ (Joh 18,39) – Die dann folgende Entscheidung des von den Pharisäern aufgewiegelten Volkes ging wenigstens aus christlicher Sicht wohl tüchtig daneben, woraus bereits der Rechtsphilosoph Hans Kelsen 1929 in seinem Standardwerk zur Begründung der Demokratie auf die Unvereinbarkeit derselben mit kirchlichen Strukturen schloss.
Jegliche Herrschaftsform, alle Struktur versagte in den entscheidenden Momenten des Karfreitags gleichermaßen. Jedes System war korrumpierbar.

Die Wirklichkeit des Bösen

Die Wirklichkeit des Bösen wird an wenigen Geschichten so deutlich wie an jener der Passion Jesu, eines von allen Machtinstanzen gegeißelten, verurteilten, schließlich getöteten Menschen. Dass alle Herrschaftsformen in der Passionsgeschichte versagen, dass keine davon geeignet ist, das „Gute“, das „Wahre“ zu tun, sondern sie sich gleichermaßen gegen Menschenwürde und Leben des Sohnes Gottes wenden, will uns auch eine Lehre sein.

Der Mensch kann sich nicht beherrschen, der Übermensch sich keine Grenze setzen, wenn er sich nicht von Gott einfangen lässt. Jede Reform in Kirche und jede Veränderung zum Guten in unserem eigenen Leben kann nur da gelingen, wo sie sich am Beispiel Jesu ausrichtet: Er, der Gott war und ist, der alle Macht an sich nehmen könnte – er geht den Weg der Ohnmacht, er geht den Weg des Kreuzes, der Hingabe bis ans Ende.

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Die Macht, welche den Weg zur Auferstehung bahnt, besitzt niemanden, beherrscht nicht, sondern sie gibt alles, was sie hat, den anderen. Das Geheimnis der Heiligen Woche schenkt uns keine neuen Strukturen, aber unseren Strukturen ein tieferliegendes Geheimnis, die Liebe Gottes, die es in ihnen zu verwirklichen gilt. In diesem Sinne dürfen sich Christen gerufen fühlen, sich von äußeren Reformen nicht abbringen zu lassen, nach einer neuen Innerlichkeit zu suchen, die die Heiligen Tage schenken wollen.


Der Autor ist Priesteramtskandidat des Bistums Görlitz.

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